Berufseinstieg als Webentwickler: Verdienst, Aufgaben, Fähigkeiten

Webentwickler müssen mehr können als Websiten bauen. Was zeichnet einen gefragten Entwickler aus und wer hat gute Chancen?

Beleuchtete Holztruhe mit raushängenden Beinen

Männerdomäne Webentwicklung

Sie ist halt doch immer noch ein Männerberuf, die Webentwicklung. »Wir würden uns sehr freuen, wenn sich noch mehr Mädels für Entwicklerjobs bewerben würden«, sagen sie bei Jimdo, einem Hamburger Unternehmen, das Software entwickelt, mit der jeder seine eigene Website bauen kann. Kein Wunder – das Entwicklerteam ist hier klar männlich dominiert. Doch es gibt sie, die Webentwicklerinnen. Eine von ihnen ist Martina Freundorfer, die seit 2010 bei der Gebrauchtwagenplattform Mobile International arbeitet und von Berlin aus Inhalte für fünf Marktplätze in neun Sprachen entwickelt. Sie hat Informatik an der FH München studiert. »Danach war es überhaupt kein Problem, einen Job zu finden«, sagt die 28-Jährige. Ihre erste Station war die 1&1 Internet AG, fast drei Jahre war sie dort. »der Arbeitsmarkt sieht gut aus«, freut sie sich, »ich bekomme regelmäßig Anfragen von anderen Firmen«. Angestrebte Tätigkeit: Senior Web Developer. »Ich bin froh darüber, diese ›Männerrichtung‹ eingeschlagen zu haben«, sagt Freundorfer, die derzeit nebenbei Psychologie studiert. Schon ihre Mutter war Informatikerin. »Wahrscheinlich habe ich deshalb schon früh damit angefangen, mich mit Computern zu beschäftigen.« Jetzt will sie selbst ein Vorbild sein für andere Frauen. Und Informatik und Psychologie vereinen, in Form von intuitiver Mensch-Maschine-Interaktion, »um damit das Leben für Menschen einfacher zu gestalten«.

Was muss ein Webentwickler können?

»Es ist gar nicht so einfach, gute Web-Entwickler zu finden«, sagt Karl Pitrich, Chief Technology Officer bei Lusini.de, einer Seite, die Gastronomiebedarf verkauft. »Auch im Gespräch mit Kollegen sehen wir, dass vielleicht ein qualifizierter Bewerber für 25 zu besetzende Stellen verfügbar ist.« das Problem: Viele Bewerber hätten vor allem Ahnung von Grafikdesign und HTML. »das ist nicht nur für unsere Plattform nicht mehr ausreichend«, so Pitrich. »Hier geht es um echte Softwareentwicklung, wobei die Kandidaten zusätzlich ein Auge für Design und Usability haben müssen.« Überhaupt spielt die Nutzerfreundlichkeit eine immer größere Rolle. Gerade Webseiten müssen leicht überschaubar und intuitiv zu bedienen sein. Daneben gilt es, sich darauf einzustellen, dass die Leute zunehmend Smartphones und Tablet-Computer für das Internet nutzen. Da die Pixelzahl gerade auf Mobiltelefonen begrenzt ist, können Webseiten ja nicht wie auf klassischen Rechnern dargestellt werden. Das Design muss sich den Bildschirmgrößen und den verschiedenen Plattformen anpassen. Viel diskutiert wird auch die Einbindung von Flash-Animationen, die unter Umständen wieder verschwinden.

Webentwickler im Zeitalter responsiven Designs

Da Smartphones und Tablets »enorme Wachstumsraten« vorweisen, entsteht hier ein »neues, bedeutendes Technologiefeld«, sagt Olaf Kempin, Geschäftsführer von univativ, einer Firma mit 550 Mitarbeitern, die Studenten und Absolventen deutschlandweit an Projekte neben oder nach dem Studium vermittelt.»Aufgrund der derzeitigen Dynamik in diesem Marktsegment ist es allerdings schwierig zu prognostizieren, welche Technologien sich hier mittel- und langfristig etablieren werden«, so Kempin. Technologische Schwerpunkte sieht er nach wie vor in Java und Microsoft – in Verbindung mit entsprechenden Datenbankkenntnissen, vor allem Oracle und MS SQL. Wer hingegen Webentwickler bei Lusini werden will, für den sollten auch Angular, Knockout, JSON(P), ExtJS4 oder Selenium keine Fremdwörter sein. »Ganz allgemein schadet es nicht, als Entwickler multilingual unterwegs zu sein«, heißt es beim Hamburger IT-Unternehmen Jimdo. In den unterschiedlichen Teams würden je nach Aufgabenbereichen inzwischen auch vermehrt Programmiersprachen wie etwa Python oder Ruby eingesetzt. Generell seien Entwickler zurzeit in »einer recht komfortablen Situation«. Gut ausgebildete Fachkräfte sind nahezu überall schwer gefragt. daher liegt es an den Unternehmen, einen möglichst attraktiven Arbeitsplatz zu bieten. Und da geht es nicht nur um das Gehalt.

»Die Berufschancen aller Absolventen unserer Studiengänge sind extrem gut«, findet auch Hans Decker, geschäftsführender Dekan an der Fakultät für Informatik der TU Dortmund. »Sie waren wohl noch nie so gut wie in den letzten drei bis vier Jahren. dies gilt selbstverständlich und gerade auch für Webentwickler.« doch das bedeute nicht, dass jeder Absolvent auch seinen Wunschjob finde, stellt Kempin klar, »denn alle wollen nur die Besten«. Natürlich müssten die Studienleistungen stimmen, »aber das allein reicht nicht«. Vor allem in internationalen Konzernen sind die Prozesse über Sprach-, Kultur- und Landesgrenzen hinweg arbeitsteilig organisiert. Dort sucht man Kandidaten, die sich in solchen Strukturen bewegen können. »Und das lernt man nicht am Campus, sondern durch geeignete Praktika und Werkstudentenjobs«, sagt Kempin. Hier stoße auch das reformierte Studiensystem mit seinen stark verschulten Studiengängen an seine Grenzen.

Zukuntsaussichten für Webentwickler

»Der Königsweg«, erklärt Jan Schlie, Webentwickler bei Jimdo, »liegt darin, jede Menge Eigeninitiative mitzubringen. Von nichts kommt nichts! Man muss mitnehmen, was geht, in Meetings mit den Entwicklern immer weiter zuhören und nicht aufgeben, auch wenn man erst einmal nur Bahnhof versteht.« Wichtig sei es, ein Verständnis »für die andere Seite« mitzubringen, sagt der studierte Mediendesigner – man muss sich mit dem Design und der Technik auskennen. »Einige Designstudiengänge entwickeln sich langsam in eine immer technischer ausgelegte Richtung, was wirklich gut ist.« Dazu rät er: ausprobieren, machen, viel lese, sich selbst Wissen aneignen und dorthin gehen, wo man sich mit anderen Entwicklern austauschen kann.

Mit seiner Meinung ist Jan Schlie nicht allein. In einer von univativ durchgeführten Befragung unter 1.000 Studenten und Absolventen empfehlen 77 Prozent der Studienteilnehmer ihrer nachfolgenden Generation, neben dem Studium auch fachrelevante Praxiserfahrung zu sammeln. Knapp 45 Prozent der Befragten raten zu Auslandserfahrung. Bei den Soft Skills landen auf den ersten vier Plätzen der von Unternehmen am meisten gefragten Kompetenzen Flexibilität, Engagement, Teamfähigkeit und Kundenorientierung. Allerdings rangiert die Kundenorientierung beim zukünftigen Fach- und Führungsnachwuchs auf dem letzten Platz. »Offenkundig kommt der Kunde im Studium gar nicht vor«, vermutet Kempin.

Gehalt in der Webentwickler-Branche: Freiberufler oder Gewerbe?

Bleibt die Frage nach dem Gehalt: Hier halten sich viele Firmen bedeckt. »Kommt ganz darauf an, was für eine Erfahrung man auch schon als Einsteiger mitbringt«, ist ein Satz, den man immer wieder hört. Und die Gehaltsspanne ist riesig in der Welt der Webportale, Onlinehändler oder Netzmedien. In einem Gehaltsspiegel des Fachmagazins c›t kommen Webdesigner im Schnitt auf etwas mehr als 30.000 Euro im Jahr, Webprogrammierer aber auf knapp 40.000 Euro. Bei univativ heißt es, das Jahreszielgehalt für ambitionierte Berufseinsteiger mit akademischem Abschluss liege bei rund 40.000 Euro. Mit relevanter Praxiserfahrung und Sprachkenntnissen könne man als Webentwickler sogar mit einem noch höheren Einstiegsgehalt rechnen.

»Webentwicklung wird noch immer grob unterschätzt«, beklagt Karl Pitrich von Lusini. Höchste Zeit, dass ein Umdenken einsetzt, denn eines ist klar: Kaum eine Branche ist so dynamisch, so zukunftsträchtig und so bereit für frische, ambitionierte Bewerber wie die Softwareentwicklung!


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