So läuft Start-up

Diesmal im Gespräch: Florian Gschwandtner, Gründer der App runtastic

 

runtastic-Gründer Florian Gschwandtner. Foto: www.wernerharrer.com

Herr Gschwandtner, wie entstand die Lauf-App Runtastic und wie profitieren Läufer davon?

Anfang 2009 waren App-Stores nicht etabliert und das Verhaltensmuster der Menschen war noch ganz anders. Unsere App gehörte zu den ersten. Meine drei Mitgründer und ich haben alles investiert, die Applikation ständig verbessert und auf iPhone sowie Android veröffentlicht. Von der App haben sehr viele Menschen profitiert, die beginnen wollten, sich mehr zu bewegen. Denn Runtastic bietet nicht nur die Lauf-App, sondern auch eine Applikation zum Schritte zählen und für die Ernährung. Dabei versuchen wir stets, das Produkt für unsere Nutzer so einfach und intuitiv wie möglich zu gestalten. Auf unserem Blog kreieren wir zudem qualitativen Content wie Ernährungstipps. Wir haben also ein System rund um den Menschen sowie seine Gesundheit und Fitness gebastelt.

Was waren in der Anfangszeit die größten Herausforderungen?

In Österreich gab es 2009 nahezu keine Start-up-Szene. Wir haben einen Businessplan geschrieben, für den wir eine Finanzierung von circa 200.000 Euro gebraucht hätten. Allerdings haben wir sehr viele Neins und letztendlich auch kein Geld bekommen. Im Anschluss daran haben wir angefangen, am Wochenende zu arbeiten und Apps für andere Unternehmen entwickelt, um Geld zu verdienen und damit unser Geschäft aufzubauen. In den ersten Monaten haben wir uns gar nichts ausgezahlt und alles ins Unternehmen investiert.

Das hat sich später bezahlt gemacht. Wie genau ist Runtastic so erfolgreich geworden?

Ein Grund war sicher, dass wir die App sehr schnell internationalisiert haben. Da wir kein Geld hatten, konnten wir uns kein Übersetzungsbüro leisten. Also haben wir User gebeten, unsere Texte zu übersetzen. Es war toll zu sehen, dass sich sofort Leute gemeldet und die App in sehr guter Qualität in andere Sprachen übertragen haben. Die meisten waren selbst Läufer und konnten recht gut mit dem Fachjargon umgehen. So haben wir unsere App relativ schnell in fünf Sprachen übersetzt und sind dadurch rasch in Europa gewachsen.

Was führte außerdem zum Erfolg?

Unsere Social-Media-Aktivitäten. Die haben wir zügig integriert und zahlreiche Inhalte auf Facebook und Twitter gepostet – für uns das bestmögliche virale Marketing. Die Leute waren offen, ihre Sportaktivitäten zu teilen und sind es heute noch. Das hat uns sehr geholfen. Daneben ist es wichtig, Bekanntheit zu erlangen. Ich habe einfach alles dafür getan und bei jedem, den ich kannte, die App heruntergeladen und mit fünf Sternen bewertet. Zudem besuchte ich Messekonferenzen und diverse Events  und habe versucht, in die Medien zu kommen. Das hat wirklich gut funktioniert.

Was sind die Herausforderungen und Chancen im Markt der App-Entwicklung?

Prinzipiell glaube ich, dass App-Entwicklung wirklich schwierig geworden ist – die goldenen Zeiten sind vorbei. Das liegt unter anderem daran, dass jeder bereits die Apps hat, die er braucht. Dadurch ist es für neue App-Entwickler schwierig, überhaupt sichtbar zu werden. Trotzdem ist es nicht unmöglich. Gerade Sprachassistenten bringen neue Möglichkeiten mit sich. In der Technologie geht es Gott sei Dank immer weiter und das bringt auch jeden Tag neue Chancen.

Wie steht es hierbei um die Healthcare-Branche?

Fitness, Gesundheit und Bewegung sind ein Megatrend. Gerade junge Menschen gehen viel ins Fitnessstudio und wollen fit sein. Übergewicht ist zwar ein großes Problem, aber ich glaube, junge Menschen bekommen das in den Griff. Ein weiterer Trend, der gerade auf uns zukommt, ist Mental Health: Alles rund um Meditation und Mentaltraining wird sehr wichtig werden. Ich glaube, dort lässt sich viel machen.

2015 hat Adidas Ihr Unternehmen für 220 Millionen Euro gekauft. Wie hat Sie der Erfolg verändert?

Ich würde sagen, dass sich meine Arbeitsweise gar nicht verändert hat. Natürlich habe ich schon versucht, mich ständig weiterzuentwickeln und eine gute Führungsperson zu werden. Dazu gehört auch, die Bedeutung und Notwendigkeit von guten Leuten neben und unter sich zu erkennen. Auch persönlich und als Mensch würde ich meinen, dass ich mich nicht viel verändert habe. Natürlich habe ich aber neue Menschen kennengelernt und hatte die Möglichkeit, tolle Events zu besuchen und super Einladungen zu bekommen.

Dennoch sind Sie auf dem Boden geblieben.

Ich glaube, ich bin durch meine Kindheit auf dem Bauernhof geerdet. Daneben bin ich sehr fleißig,  gehe viermal die Woche ins Fitnessstudio und dreimal die Woche laufen. Ob mit oder ohne Geld – das Verhaltensmuster ist kein anderes geworden, Gott sei Dank. Es beruhigt, hinter der finanziellen Sicherheit einen Haken setzen zu können, denn Geld vereinfacht einigie Dinge. Trotzdem stehen für mich Freunde und Spaß weit über finanziellem Erfolg.

Wie ist Runtastic derzeit aufgestellt?

Wir haben circa 240 Mitarbeiter aus vierzig Nationen. Der Altersdurchschnitt liegt bei 29 Jahren, wir sind also eine sehr junge, motivierte Truppe. Wir sitzen im schönen Linz, haben aber auch ein Büro in Wien. Die Unternehmenssprache ist Englisch. Wir haben jetzt 140 Millionen registrierte Kunden und eine sehr aktive Community. Seit 2015 sind wir Teil der Adidas-Familie, einer der besten Sportunternehmen der Welt – und dennoch wollen wir immer noch mehr erreichen.

Sie ziehen sich jedoch zum Jahresende als CEO zurück. Wie kam es zu dieser Entscheidung und wie schwer ist sie Ihnen gefallen?

Sie ist mir schon sehr schwergefallen. Es gibt ein lachendes und ein weinendes Auge. Denn nach zehn Jahren ist es natürlich total schwer, ein funktionierendes Start-up mit einem tollen Team zu verlassen. Damals habe ich mich allerdings selbstständig gemacht, um ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen – nicht, um ein Leben lang nur zu arbeiten. Das Projekt Runtastic hat mir so viel Spaß gemacht und so gut funktioniert, dass da schon sehr viele Stunden, Abende und Wochenenden hineingeflossen sind. Dabei habe ich in den letzten Jahren einige Dinge liegen lassen müssen, darunter Freundschaften und Reisen. Mich beruhigt aber, dass wir ein tolles Produkt und ein großartiges Team haben, das auch ohne mich funktionieren wird.

Welche Tipps haben Sie für junge Menschen, die selbst ein Unternehmen gründen wollen?

Ich denke, dass die Idee immer überbewertet wird. Denn meistens ist es so, dass aus der Ursprungsidee, aus der das Unternehmen entsteht, am Ende etwas ganz anderes wird. Das war bei uns ähnlich. Essenziell ist dagegen das Gründerteam, in dem die Mitglieder gut miteinander auskommen und die Rollenverteilung stimmt. Des Weiteren ist es schön, wenn die Gründer schon einen Prototypen entwickelt haben und sichtbar wird, dass sie eine klare Vision haben. Wenn das passt, heißt es für junge Menschen: Einfach tun! Man kann zwar hinfallen, aber dann muss man wieder aufstehen. Bei einer Unternehmensgründung lässt sich viel mehr lernen als als Angestellter in einem etablierten Unternehmen – es ist schon richtig cool, das einmal probiert zu haben.


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