Zeichnung von Mann mit Brille, auf Brille steht Code

Softwareentwickler: Wie in Matrix und Tron

Software ist aus dem Alltag der Menschen heutzutage kaum wegzudenken - deren Entwickler ebensowenig. Einblicke in den Arbeitsalltag der Zeilen-Künstler

In ›Matrix‹ donnern grüne Zahlenkolonnen vertikal über den Bildschirm. In Disneys ›Tron‹ düsen neonerleuchtete Motorräder durch Hochhausschluchten. Und in der deutschen Produktion ›Who am I – kein System ist sicher‹ hängen als Tiere verkleidete Partygäste in ausrangierten U-Bahnen herum. Alle drei sind visuelle Metaphern für Computerprogramme, für Code, für Software. Es sind spektakuläre Bilder, die in Filmen für das Abstrakte gefunden werden. Und tatsächlich ist das, was Codes leisten, beeindruckend – und hat in den vergangenen 20 Jahren eine Branche nach der anderen umgekrempelt. Ob in der Medizin, der verarbeitenden Industrie oder der Medienbranche:

Überall hat die IT Einzug gehalten. Es werden Daten generiert und erhoben, und deshalb sind schlaue Lösungen gefragt, diese Daten zu managen, damit die Menschen damit wirklich produktiver, schneller oder besser arbeiten können.

 

Softwareentwickler: Trainingsstatistiken für Fußballvereine

Solche Lösungen finden Softwareentwickler wie Josefine Harzmann. Die 26-Jährige ist Entwicklerin am SAP Innovation Center in Potsdam. In wechselnden Teams wird sie an Schnittstellenprojekten zwischen Web- und Datenbankentwicklung eingesetzt.

Eine ihrer letzten Aufgaben war es, für einen Fußballverein eine Datenbankanwendung zu entwerfen, die Spielerdaten aufnimmt und auswertet. Nicht nur Werte wie Name oder Trikotnummer sollten enthalten sein, sondern die Datenbank sollte auch Trainingsstatistiken oder Krankheitstage aufnehmen und anschließend nutzerfreundlich aufbereiten.

»Einerseits ist es wichtig, dass die Anwendung übersichtlich ist, damit der Kunde sie einfach bedienen kann«, so Harzmann. »Andererseits musste ich ein Auge darauf haben, dass die Performanz gewährleistet bleibt.«

Je umfangreicher das Datenmaterial, desto potenziell langsamer wird die Software. Dennoch, so Harzmann, gelte die Faustregel: Nach drei Sekunden wird der User unruhig, und nach acht Sekunden wendet er sich einer anderen Aufgabe zu – und vergisst womöglich, was er in der Datenbank nachsehen wollte.

Aus Nutzersicht denken 

Wer eine Software entwickelt, muss aus Nutzersicht denken, stellt auch Jan Kellermann fest, Gründer und Inhaber der Agentur werk21, die in Berlin Web- und Softwarelösungen für politische Kommunikation entwickelt.

»Ein Code ist immer die Abbildung eines Problems«, sagt Kellermann, »und beim Programmieren sollte der Softwareentwickler das eigentliche Problem nicht aus den Augen verlieren.«

Zwar existiert nach wie vor der ›stille Programmierer‹, ein Fachexperte, den man beim Arbeiten am besten in Ruhe lässt. Allerdings ist dieser Typus vom Aussterben bedroht. Software wird immer komplexer, weshalb Softwareentwickler häufiger in Teams arbeiten – entweder virtuell unterstützt durch spezielle Kollaborationssoftware, oder beim peer programming physisch vor demselben Bildschirm sitzend.

Das Programmieren selbst ist dabei das Handwerkszeug eines jeden Softwareentwicklers. Maschinennahe Programmiersprachen wie Assembler sind schwieriger, dafür hat der Softwareentwickler den größtmöglichen Freiraum. Interpreta-Sprachen, etwa PHP oder Visual Basic, unterstützen den Programmierer beim ›coden‹ und sind deshalb für den Einstieg besser geeignet. In der Grundstruktur sind sich alle Sprachen recht ähnlich:

»Grundsätzlich reicht es, eine Programmiersprache zu beherrschen, solange man die Grundkonzepte verstanden hat«, meint Josefine Harzmann.

Quereinstieg in die Softwareentwicklung

Die muss man sich allerdings erst einmal aneignen, und dafür gibt es viele verschiedene Wege. Kellermann etwa hat sich das Programmieren in den 1980ern selbst beigebracht. Sein Politikstudium hat er abgebrochen, um seine Agentur zu gründen – heute beschäftigt das Unternehmen rund 20 Personen. Dieses Quereinsteigertum funktioniert heutzutage allerdings nicht mehr so einfach, glaubt Stefan Pfisterer, Arbeitsmarktexperte vom Branchendienst Bitkom.

»In letzter Zeit können wir bei Softwareentwicklern einen starken Professionalisierungstrend beobachten«, meint Pfisterer. »Wer in die Softwareentwicklung gehen will, ist mit einem Studium der Kerninformatik generell gut bedient. Wer sich schon früh auf eine Richtung spezialisieren will, dem stehen auch die Studiengänge Wirtschafts-, Bio- und Medieninformatik offen.«

Josefine Harzmann hat IT System Engineering beim Hasso-Plattner-Institut in Potsdam studiert. „Das Studium am HPI war sehr industrieorientiert“, erinnert sich Harzmann.

»Schon an der Uni haben wir an konkreten Aufgaben gearbeitet. Mein Abschlussprojekt war beispielsweise, im Team ein Ideen-Ablagesystem für eine Beratungsfirma zu entwerfen.«

Analytische Fähigkeiten: das A und O

Ohne das korrekte Anwenden einer Programmiersprache funktionieren solche Projekte nicht. Um ein guter Softwareentwickler zu werden, bedarf es aber noch einer anderen Fähigkeit, die viel wichtiger ist – und das ist die Denkweise. Harzmann sagt, man brauche »analytische Fähigkeiten«.

Kellermann umschreibt es folgendermaßen: »Ein Problem zu erkennen, es förmlich fühlen zu können, das ist eine Eigenschaft, die man von Hause aus mitbringen muss.«

Es ist ähnlich wie beim Dichten: Jeder kann Vokabeln lernen, Versmaß und Stilmittel. Das heißt aber nicht, dass jeder auch dazu fähig ist, diese Elemente zu einem schönen Gedicht zusammenzufügen. Die Kür beim Programmieren ist es, Codes elegant und nachhaltig zu entwerfen.

»Man sollte nicht gleich drauflos programmieren, sondern ein Problem zunächst genau auseinandernehmen. Wenn ich beispielsweise eine Funktion zum Speichern einer Anschrift programmieren soll, sollte ich im Hinterkopf haben, dass wahrscheinlich auch noch Felder für die Telefonnummer oder den Twitter-Account hinzukommen werden – auch wenn es jetzt noch nicht Teil des Aufgabenpakets ist«, so Kellermann.

Arbeitsmarkt für Softwareentwickler

Der Arbeitsmarkt für Softwareentwickler sieht hervorragend aus. 40.000 IT-Stellen sind unbesetzt, davon haben laut Bitkom-Schätzungen 70 Prozent den Schwerpunkt Softwareentwicklung. Das, so Pfisterer, liege auch an den hohen Abbrecherquoten in Informatik und informatiknahen Studiengängen.

»Die Nutzerperspektive beim Bedienen eines Computers ist etwas ganz anderes, als tatsächlich selber Software zu entwickeln«, so Pfisterer.

Um herauszufinden, ob man selbst das analytische Denken mitbringt, rät Pfisterer, unbedingt eine der zahlreichen Orientierungsveranstaltungen zu besuchen, die an den Fakultäten angeboten werden. Und Kellermann gibt den Tipp, auf jeden Fall in die Materie reinzuschnuppern, ehe man sich auf ein Studium festlegt.

»Wer sein eigenes Blog aufsetzt und dort im CSS ein bisschen selber herumbastelt, um beispielsweise eine Twitter-API oder ein Gästebuch zu implementieren, der wird schnell merken, ob ihn Programmieraufgaben begeistern.«


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