Karriere im IT-Consulting

IT-Consultants sind Multitalente und müssen reden, reden, reden.

Schriftzug hä?

Wenn sie auch sonst nichts wissen, Eines wissen Max und Erika Mustermann ganz genau: Informatiker und alle, die beruflich irgendwas mit Computern zu tun haben, sind Nerds. Allerdings nicht in diesem hippen Hornbrillen- und Jutebeutelsinne, den die coolen Nachwuchsdesigner und Irgendwas-mit-Medien-Entrepreneure aus Berlin-Mitte spazieren tragen. Nein, IT-Fachleute sind, so will es das Klischee, Männer mit schlecht rasiertem Oberlippenflaum, pickelig-schlabberig und, weil sie nie das Tageslicht sehen, blass und depressiv.

Mit Bits und Bytes können sie umgehen, keine Frage, aber sozial inkompetenteres als unsere stereotypen ITler hat die Welt noch nicht gesehen.

Wie sollte es auch anders sein bei Leuten, die zu ihren Mitmenschen keinerlei Kontakt pflegen, der über das Bezahlen der, selbstredend online georderten, Pizza hinausginge? Eben.

Nun sind Klischees aber eben nur Klischees, oder, in den Worten des deutschen Literaturwissenschaftlers Gero von Wilpert, nicht mehr als »vorgeprägte Wendungen, abgegriffene und durch allzu häufigen Gebrauch verschlissene Bilder, Ausdrucksweisen, Rede- und Denkschemata, die ohne individuelle Überzeugung einfach unbedacht übernommen werden«. Soll heißen: Zu glauben, dass die IT-Welt von heute tatsächlich so aussieht, wie sie in Karikaturen noch immer gezeichnet wird, ist denkfaul und falsch. Wie wenig die Begeisterung für Computer tatsächlich mit Eremitentum und dunklen Spielehöhlen zusammenhängt, beweisen IT-Consultants. Vor allem in beratenden Funktionen aktiv, bringen sie vieles mit, von dem ein ›klassischer‹ Nerd höchstens zu träumen wagt: Kommunikationsfreude und Aufgeschlossenheit, Teamfähigkeit und die Lust am Immerneuen.

So wie Paul Lomba. Seit etwas mehr als einem Jahr ist der 29-Jährige als Consultant beim Beratungs- und IT-Dienstleistungsunternehmen Capgemini angestellt. Ja, Lomba hat ein Faible für Computer, seit sein Vater ihm in der vierten Klasse einen zumindest damals hochmodernen 386er PC schenkte. Deshalb nicht von ungefähr entschied sich Lomba nach seinem Realschulabschluss für eine Ausbildung zum IT-Systemkaufmann. Lomba eignete sich Grundlagen in Informatik und einer kaufmännischen Tätigkeit an, dürstete aber bald nach mehr:

»Weil mir meine Ausbildung nicht gereicht hat, habe ich mein Abitur an der Wirtschaftsoberschule nachgeholt und anschließend Wirtschaftsinformatik studiert«, erzählt der Wahl-Münchner über seinen Werdegang, in dem neben Informatik immer auch wirtschaftliche Themen eine Rolle spielten. Ausbildung, Studium und auch seine Nebenjobs, sagt Lomba, hätten ihm geholfen, mehr aus ihm zu machen als nur einen reinen Schrauber oder Programmierer: »Alles zusammengenommen bildete eine gute Basis. Sie hat es mir ermöglicht, kontaktfreudig, offen und auch mal kritisch zu sein. Ich schaue gern über meinen Tellerrand und freue mich, in Teams gemeinsam etwas voranzubringen.«

Aber was bringt Lomba denn voran? Um es am Beispiel seines letzten Projekts festzumachen, geht es ihm um die Umsetzung von IT-Projekten. Das kann beispielsweise eine neue Internetseite sein, wie sie Lomba und seine Kollegen bei Capgemini kürzlich für ein Unternehmen aus dem Automotive-Bereich konzipierten. »Das hört sich erst einmal trivial an«, sagt Lomba, »aber das ist es nicht, weil relativ viele Umsysteme an diese Seite angeschlossen sind.« CRM-Systeme, Marketing- und Administrationsportale etwa wollen auch in die neue Seite integriert werden, die natürlich mehr sein soll als nur ein kurzer Infotext und ein Impressum. Allgemein gesprochen soll sie die Bedürfnisse des Kunden ideal abbilden.

Für IT-Berater wie Lomba bedeutet dies viel Rede- und Vermittlungsarbeit

Sie müssen die inhaltlichen und wirtschaftlichen Interessen eines Unternehmens berücksichtigen, dabei aber sich stets dessen gewahr sein, was technisch realisiert werden kann und was nicht. IT-Consultants nehmen mit anderen Worten eine Schnittstellenfunktion zwischen unterschiedlichen Interessen ein – was für Manuel Futschik, einen 27 Jahre alten Berater bei 4Sellers, den eigentlichen Reiz des Berufes ausmacht. Futschik begreift sich und IT-Berater im allgemeinen als Bindeglieder, und »da mich genau diese verbindende Rolle interessierte, suchte ich gezielt nach einer Anstellung als IT-Consultant«. Ganz ähnlich wie Paul Lomba besaß auch Futschik schon zu Schulzeiten eine »hohe Affinität zu allem, was mit Computertechnik, Software und Systemen zu tun hatte«. Wie viele Berater im IT-Bereich studierte er deshalb Wirtschaftsinformatik. Im Sommer 2012 schloss Futschik seinen Master an der Uni Regensburg erfolgreich ab und fand seinen Platz bei 4Sellers, einem Unternehmen, das er im Rahmen eines großen ›fit4future‹-Events kennenlernte. Im Gegensatz zu einem Konzern wie Capgemini mit seinen weltweit 120.000 Mitarbeitern nimmt sich 4Sellers aus dem bayerischen Rain am Lech geradezu familiär aus: 130 Mitarbeiter sind dort damit beschäftigt, die gleichnamige und auf E-Commerce zugeschnittene Software 4Sellers zu pflegen, weiterzuentwickeln und natürlich an die Kunden zu bringen. Futschiks Aufgaben sind dabei alles andere als eng eingegrenzt. Sie reichen »von Anpassungen und Erweiterungen des ERP-Systems, über jegliche Art der Datenmanipulation bis zur Beratung des Kunden in technischen und auch kaufmännischen Fragestellungen«. Manchen wäre ein solches Aufgabenprofil zu unspezifisch, Futschik sieht die Vielfalt hingegen positiv. Sie erlaube es ihm, Kompetenzen in den verschiedensten Gebieten auf- und auszubauen. »Außerdem gefällt mir der hohe Anteil an Kommunikation, sowohl mit Kunden als auch mit Mitarbeitern aus allen Unternehmensteilen.«

Im Übrigen empfindet Futschik es auch nicht als Makel, in einem KMU (kleinen oder mittleren Unternehmen) wie 4Sellers beheimatet zu sein, im Gegenteil. Flache Hierarchien und kurze Wege sind für ihn nur zwei große Vorteile, die 4Sellers gegenüber Großunternehmen hat. Ein flexibles und dynamisches Arbeitsumfeld sowie die herzliche Atmosphäre wären weitere. »Man merkt einfach«, betont Futschik, »dass dem Unternehmen etwas an einem persönlich liegt und man nicht nur einer unter vielen ist.« Ähnlich klingt das bei Toni Adam. Adam, Absolvent der DHBW Stuttgart, arbeitet als Consultant bei der Cenit AG in Stuttgart und beschäftigt sich insbesondere mit Enterprise Content Management, worunter grob gesagt der Umgang und das Management von Dokumenten und Inhalten zu verstehen ist, die für unternehmerische Prozesse wichtig sind. Seit 2011 ist Adam bei Cenit tätig, die sich in seinen Augen durch »ein sehr angenehmes Arbeitsklima« auszeichnet – zu dem es auch gehört, dass sich Kollegen außerhalb der Arbeitszeiten zu gemeinsamen Unternehmungen verabreden. Man kennt sich. Vermutlich mehr als in Großunternehmen, die ihrerseits mit ganz anderen Pfunden wuchern können, wie zwei Consultants zu berichten wissen, die in ihrer Laufbahn sowohl KMU als auch Konzerne kennengelernt haben.

»Ich habe meine Thesis in einem Softwarehaus mit rund 200 Angestellten geschrieben«, erzählt Paul Lomba, »und was mir dort immer ein wenig gefehlt hat, waren die klaren Strukturen, Entwicklungsmöglichkeiten und ein internationales Umfeld.«

Deshalb der Wechsel zu Capgemini, wo derlei grundsätzliche Fragen eindeutig geklärt sind. Lomba fühlt sich als Teil einer hier auch internationalen Unternehmensfamilie, in der es trotz einer gewissen Unübersichtlichkeit möglich ist, ein grenzenüberschreitendes, harmonisches Teamgefüge zu schaffen: »Wir haben immer wieder Projekte, an denen zum Beispiel zwei Mitarbeiter aus München, einer aus den Niederlanden und einer aus Frankreich beteiligt sind. Teilweise kommen sie sogar aus unterschiedlichen Organisationseinheiten des Unternehmens. Dass wir trotz dieser räumlichen und organisatorischen Trennung fast schon freundschaftlich ein Projekt zusammen zum Erfolg bringen, finde ich bemerkenswert.«

Die zweite, die mit ihren 26 Jahren schon für Kleine wie Große gearbeitet hat, ist Sabrina Merle – dafür wechselte sie nicht einmal die Stelle. Merle ist Rule Consultant bei Bosch Software Innvovations (Bosch SI), einem Tochterunternehmen der Bosch-Gruppe. Das wiederum ging aus der Innovations Software Technology GmbH hervor, die im September 2008 von Bosch übernommen wurde. Schon während ihres Studiums der, wie sollte es anders sein: Wirtschaftsinformatik, arbeitete Merle für Innovations. Sie absolvierte dort ein Praxissemester, war Werkstudentin und schrieb im damals noch überschaubaren Unternehmen ihre Bachelorthesis. »Nach der Übernahme durch Bosch«, sagt sie, »hat sich schon einiges geändert, aber da mir meine Tätigkeit und mein Arbeitsumfeld sehr gut gefällt, sehe ich keinen Anlass, das Unternehmen zu wechseln.« Heute ist die Absolventin der Hochschule Ravensburg/Weingarten im Projektgeschäft im Credit Risk Umfeld tätig. Sie arbeitet dabei mit der noch von Innovations entwickelten und auf Java basierenden Visual Rules Suite und einer eigenen Credit Risk Rating Platform, wobei sie erstere auch für grafische Programmierungen verwendet.

Außerdem verbringt sie viel Zeit mit ihren Kunden

Wie Merle erläutert, haben die Kunden von Bosch SI die Möglichkeit, ihre Web-Anwedungen selbst mit zu entwickeln. Für Merle und ihre Kollegen heißt das, entsprechend oft bei den Kunden vor Ort zu sein und mit ihnen die Anwendungen zu implementieren, ganz gleich, ob in München oder in Finnland. Und es bedeutet, den Geschäftspartnern die Software zu erklären: »Damit der Kunde auch wirklich mitarbeiten kann«, erzählt Merle, »benötigt er eine Schulung für unsere Software. Auch das gehört zu meinem Aufgabengebiet. Dem Kunden die Software nahezubringen und seine Erfolgserlebnisse bei den Übungsaufgaben zu teilen, ist für mich eine große Motivation.« Komplexe Technik erklären zu können und zu wollen, gehört insofern zu Merles Kernkompetenzen. Es verdeutlicht einmal mehr, dass kommunikative Fähigkeiten in ihrem Beruf unabdingbar sind, nicht nur wegen der oben erwähnten Schnittstellenfunktion, die Consultants oft einnehmen.

Auch Christoph Melchior sagt von seinem Fachbereich, es gehe in ihm darum, »Sachverhalte, Dokumente und vor allem Software so zu erklären, dass ein Mitarbeiter sie versteht«. Melchiors Fachbereich heißt ›Learning & Change Consulting‹, angesiedelt ist er bei der T-Systems Multimedia Solutions GmbH in Dresden. Eher zufällig rutschte der studierte VWLer ins IT-Consulting, nachdem er zunächst in der Unternehmenskommunikation gearbeitet hatte: »Ich hatte mich zu Beginn meines Studiums eigentlich nicht als Consultant gesehen und ich tat es auch nicht zu seinem Ende.« Melchiors Meinungsumschwung wiederum lag ganz wesentlich daran, dass er als Berater Probleme und Sachverhalte einerseits durchdringen und sie andererseits vermitteln muss. Diese Form von »Wissenstransfer« gefiel ihm schon als Tutor an der Uni Bonn. Damals half er Kommilitonen in BWL auf die Sprünge, heute beschäftigt er sich eben mit Lernsoftware. Das entsprechende technische Know-how musste sich Melchior als Wirtschaftswissenschaftler natürlich erst aneignen, »on-the-fly, wie man so schön sagt«. Er muss nicht en détail wissen, wie eine Datenbank funktioniert. »Dafür gibt es Entwickler«, betont der 27-Jährige. Aber er »muss verstehen, wie die Prozesse darin abgebildet werden und wo es haken kann«, ehe das Produkt die Form annimmt, die sich der Kunde wünscht.

Die Berufsaussichten für IT-Consultants sind übrigens exzellent, wie nicht nur Martin Selchert, Leiter des Masterstudiengangs ›Information Management und Consulting‹ an der Hochschule Ludwigshafen weiß:

»Wir sind immer wieder verblüfft zu sehen, wie stark unsere Absolventen nachgefragt werden«, berichtet der Professor. Ganz voraussetzungslos ist der Beruf aber nicht. »Selbstverständlich«, sagt etwa der bei der Management- IT-Beratung Acando angestellte Stephan Baune, »sollte man sich in den Programmiersprachen und Technologien gut auskennen und flüssig bewegen können.«

Dazu zählt Baune ein »möglichst umfassendes Wissen über verschiedene Entwicklungsumgebungen, Betriebssysteme, Tools und zugehörige Software«. Ein solcher technischer Background ist aber längst nicht alles. Aus dem Munde einer Personalverantwortlichen klingt das so: »Neben fachlichen Fähigkeiten sind eine schnelle Auffassungsgabe, analytisches Denken und Teamgeist gefordert«, erklärt Sandra Sommer, Teamlead Recruiting & HR Management beim IT-Riesen IBM, und bestätigt, was über Christoph Melchior und die anderen Berater hier schon geschrieben steht: »Zur Grundausstattung gehört inzwischen auch, die fachlichen Anforderungen aus den Nicht-IT-Abteilungen zu verstehen und IT-Themen für Nicht-Fachleute artikulieren zu können.«

Ist also überhaupt nichts dran am Nerd-Klischee? Zumindest: fast nichts. Immerhin gibt Stephan Baune augenzwinkernd zu, die ersten zehn Nachkommastellen von Pi auswendig zu können und Sabrina Merle gesteht, gerne an ihrem Laptop herumzuschrauben. »Ab und zu trage ich ein T-Shirt mit einem Nerd-Spruch.« Viel weiter geht die Nerdiness unter IT-Beratern aber selten. Es scheint fast so, als ob sich manch einer von liebgewonnenen Klischees verabschieden müsste.


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