Digitalisierung: Interview mit Nick Sohnemann

Nick Sohnemann, Foto: futurecandy

»Wer den Anschluss nicht verpassen will, sollte sich im Zuge der Digitalisierung nicht an alten Strukturen festklammern«, meint Nick Sohnemann, Innovationsforscher und Gründer von futurecandy.

Der Begriff ›Digital economy‹ fiel bereits 1995 in einem Buchtitel. Nun steht die CeBIT im zweiten Jahr unter dem Motto ›d!conomy‹ – was ist daran noch neu?

Eben - neu ist daran nichts. Es zeigt aber sehr deutlich auf, dass dieses Thema eine größere Präsenz hat denn je. Es besteht sehr großer Handlungsbedarf und das soll bewusstgemacht werden. Viele europäische Unternehmen sind weit von der digitalen Reife entfernt und genau das wird sich in den nächsten Jahren bemerkbar machen – das Entwicklungspotential ist immens und es gilt endgültig zu digitalisieren.

Was macht das Silicon Valley so erfolgreich?

›Nothing is a mistake. There is no win. There is no fail. There is only MAKE.‹ Unter diesem Motto leben die Studenten der Standford Universität, welche im Mittelpunkt des Silicon Valleys steht. Viele junge Innovatoren lassen sich vom Silicon Valley Flair inspirieren und verwirklichen erste Ideen. Auf engstem Raum hat sich im Silicon Valley die höchste Dichte innovativer Menschen niedergelassen. Denn das macht das Silicon Valley aus – der einzigartige Netzwerkeffekt. Und auch das macht das Silicon Valley aus: Große Deals etwa werden nicht per Mail abgeschlossen; es werden Zahlen auf Bar-Deckel und Servietten geschrieben und das Geschäft ist besiegelt. Nichts wird unnötig kompliziert, vieles auf direktem Wege gemacht. Genau das macht das Silicon Valley so einzigartig.

Welche Innovationen werden welche Branchen in den nächsten Jahren umwälzen?

Es gibt keine Branche, die an der digitalen Transformation vorbeikommen wird. Wer sich jetzt keine Gedanken um die Zukunft macht, geht in der starken Polarisierung, die die digitale Transformation mit sich bringen wird, als Verlierer heraus. Starke Medienpräsenz in Bezug auf Innovationen genießt zurzeit die Automobil-Branche. Elektro-Fahrzeuge, selbstfahrende Autos und virtual dashboards sind schon lange keine Zukunftsmusik mehr und bald serienreif. Zwar ist Carsharing schon länger auf dem Markt, aber es wird in den nächsten Jahren aufgrund von explodierender Urbanisierung immens an Bedeutung gewinnen. Aber auch andere Branchen, die nicht im zentralen Fokus der Medien stehen, werden einen Wandel erfahren und müssen sich damit auseinandersetzen. Dies gilt vor allem für die Logistik-Branche. Bereits heute werden auch in Deutschland Drohnen zur Auslieferung von Paketen eingesetzt. Zeitgleich werden selbstfahrende Lkws getestet. Augmented Reality und der Einsatz von Big Data werden in der Logistik Branche nicht mehr wegzudenken sein. Ebenso wird sich das Baugewerbe verändern. Intelligente Materialen werden verarbeitet und die ersten Pläne für Bauprojekte, die nur durch 3D Druck realisiert werden sollen, stehen bereits. 3D Drucker werden ohnehin in jeder Branche zu finden sein, sei es im Retail oder in der Medizin.

Wie klappt es mit der Digitalisierung in Europa?

Digitale Technologien sind entscheidende Träger der Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens. Will ich als Unternehmen heute dabei sein und eine Rolle spielen, dann bleibt mir nur eins: aktiv zu werden. Besonders in Europa muss mehr gehandelt werden. Der Einsatz von digitalen Technologien muss zum Kernbestandteil jedes operativen Geschäfts werden. Zudem muss das Innovationsklima in europäischen Unternehmen verbessert werden. Es sind andere Werkzeuge erforderlich als die bisherigen - man muss schneller agieren und auch mental offen sein. Obwohl die Chancen der Digitalisierung in Europa erkannt werden, liegen wir massiv hinter den USA oder China zurück. Entscheidungen werden hierzulande sehr langsam getroffen und neue Ideen nur sehr zögerlich umgesetzt. Ein Umdenken ist unumgänglich und dazu gehört auch die Zusammenarbeit zwischen etablierten Unternehmen und Startups. Neue digitale Anwendungen müssen noch schneller auf den Markt gebracht werden. Europa muss wieder zu den First Movern gehören.

Inwiefern werden sich wirklich immer mehr kleine Start-Ups und nicht die großen Traditionsunternehmen auf dem Markt durchsetzen?

Kleinere Start-Ups trauen sich mehr, denn sie probieren aus, wagen mehr als die großen Traditionsunternehmen. Das hat folgenden Grund: Sie betreiben keine große Trend- und Innovationsforschung, weil ihnen das Budget fehlt. Statt also groß abzuwägen machen sie es einfach und erreichen somit in kürzerer Zeit mehr. Sie folgen keinen langen Innovationsprozessen und testen ihre Produkte schnell im Markt. Im Kern wird ausgehend von einem erkannten Problem oder Bedarf eine Geschäftsidee entwickelt. Start-Ups sind dadurch agiler und innovativer aufgrund kürzerer Entwicklungsphasen. Daher setzen sie sich in Zukunft besser auf dem Markt durch als Big Player.

Warum sollte die Infrastruktur von Traditionsunternehmen, deren vorangeschrittene Globalisierung etc. nicht mehr Erfolgsgarant genug sein?

Traditionsunternehmen haben ein großes Problem: Ihre Strukturen sind in den meisten Fällen zu starr und erlauben keine spontanen Änderungen. Unsere heutige Welt dagegen ist schnelllebig und aufgrund dessen haben wir als Kunden einen höheren Anspruch an die Güter die wir nachfragen. Es gibt keine Allgemeinlösung für alle, die Produkte von morgen werden auf den Kunden maßgeschneidert. Die Reaktionsgeschwindigkeit und Offenheit gegenüber Neuem in jeder Branche ist heutzutage sehr wichtig. Kleineren Unternehmen fällt dies leichter und daher können sie mit Traditionsunternehmen um die Marktmacht konkurrieren. Große Unternehmen sollten dahin gehend ihre Überlegungen anpassen und ihre Positionierung überdenken. Klassische Zielgruppen, die sie im Fokus sehen, müssen sie verlassen. Stattdessen sollten neue Märkte und Zielgruppen im Fokus stehen und erschlossen werden. Unternehmen müssen sich in Zukunft eher als Allrounder betrachten.

Wie bereite ich mich als Student auf diese neue Arbeitswelt vor?

Informiere dich, sei up-to-date und beschäftige dich ausgiebig mit den Sachen, die dich interessieren beziehungsweise die für deine spätere Berufswahl relevant sind. Gehe aber auch einen Schritt weiter und überleg dir jetzt schon was du gern in der Zukunft schaffen möchtest. Jede Branche lebt von Menschen, die sich für ihren Job begeistern. Sofern du nicht weißt, was du bis jetzt machen willst gilt hier: Machen! Du kannst nicht wissen, ob dir was liegt oder ob du in etwas gut bist, ehe du es nicht ausprobiert hast. Hab keine Angst davor Fehler zu machen, denn auch aus denen lernt man, auch wenn es dir nur hilft aufzuzeigen, was du nicht machen möchtest.

Dieser Text stammt aus der Feder von:

Sami Rauscher

rauscher(at)audimax.de
Telefon: 0911-23779 24

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