Zwei Strichmännchen Hand in Hand auf Straße aufgemalt

Entwicklungshilfe. Oder: Wie IT die Welt verbessert

IT kann tatsächlich die Welt verbessern und nicht nur mit Twitter und Games für Unterhaltung sorgen.

I.T. und Entwicklungshilfe

Das fiktive Land Tukastan wurde von einem schweren Erdbeben erschüttert. Eine halbe Million Menschen wurden dadurch obdachlos und brauchen dringend Nahrung, Wasser und Unterkünfte. Die Regierung des fiktiven Landes bittet daraufhin die internationale Gemeinschaft um Hilfe. Ein Szenario wie wir es von Bildern aus den Nachrichten kennen und das in der Realität leider viel zu oft auftritt.

Wie in fast jedem Lebensbereich stellt die IT auch beziehungsweise gerade in Katastrophenfällen eine große Hilfe dar. Doch was, wenn die Kommunikationsinfrastruktur zerstört wurde oder es in dem Einsatzgebiet schlichtweg kein Telefonnetz gibt? Auch im fiktiven Tukastan sind sämtliche Kommunikationswege beschädigt, weshalb der Emergency Telecommunications Cluster (ETC) zum Einsatz gerufen wird. Der ETC ist ein globales Netzwerk von Organisationen, die gemeinsam Kommunikationsnetze in Katastrophengebieten aufbauen. Sie bieten eintreffenden Hilfsorganisationen ›Information and Communications Technology‹-Dienstleistungen, wie Telefon-, Funk- und Internetverbindungen, ohne die die Koordinierung großer Hilfseinsätze kaum möglich wäre. Marcus Lammering, Sachbearbeiter operative Informations- und Kommunikationstechnik beim Technischen Hilfswerk (THW), erklärt:

»Bei Einsätzen wird aus Kostengründen immer versucht, lokale Kommunikations- und Internetanbindungen, wie GSM, UMTS und DSL zu nutzen. Gerade bei kurzfristigen Einsätzen nach Naturkatastrophen ist das jedoch nicht immer möglich. Daher verwendet das THW zusätzlich eine Mischung aus unterschiedlichsten Kommunikationstechniken, unter anderem Kurzwellenfunk, VHF (2m)-Funk, Satellitentelefone wie Iridium und Thuraya, Satellitenmodems wie Inmarsat BGAN bis hin zu VSAT.«

Damit im Ernstfall gut ausgebildete Helfer vor Ort sind, die mit diesen Kommunikationstechniken umgehen können, fand im März die Übung OpEx Bravo an der Bundesschule des THW in Neuhausen statt. OpEx Bravo wird vom Auswärtigen Amt, der luxemburgischen Regierung, der Vodafone Stiftung und dem THW finanziert. Im Rahmen der Übung trainierten IT- und Telekommunikationsspezialisten mit den internationalen Hilfskräften Kommunikationsnetzwerke einzurichten – diesmal eben im fiktiven Tukastan. »Die Teilnehmer campierten im Wald, was Anfang März schon eine Herausforderung ist«, berichtet Fabian Metze, Sachbearbeiter Internationale Lehrgänge beim THW. Die Teams stehen unter Zeitdruck, denn binnen 48 Stunden müssen die Kommunikationsmittel für die Hilfskräfte bereitstehen. Technische Pannen und Stromausfälle bereiten den IT-Experten immer wieder Probleme.

»Erfahrene THW-Helfer schlüpfen in die Rollen von Flüchtlingen und Einheimischen und sorgen dadurch für realistische Einsatzbedingungen für die Teilnehmenden«, beschreibt der 27-Jährige.

So müssen die Teams zum Beispiel mit dem Zoll verhandeln, um ihr technisches Equipment zu erhalten, sich um Binnenvertriebene kümmern, die medizinische Hilfe und Nahrung benötigen, und werden nachts sogar von Rebellen überfallen.

»Durch diese Übungsbestandteile lernen die Teilnehmenden nicht nur den sicheren Umgang mit der Technik, sondern auch das Verhalten in Notsituationen«, erklärt Metze.

Bei den grundlegenden Hilfsmitteln der Kommunikations- und Informationstechnologie soll es aber nicht bleiben. Natürlich wird auch im humanitären Bereich daran gearbeitet, in Krisengebieten technisch noch besser gerüstet zu sein. Unter Federführung des UN ›World Food Programmes‹ entwickeln verschiedene Organisationen das ›Emergency Preparedness Integration Centre‹, kurz EPIC genannt.

»Mit der EPIC-Plattform wird es humanitären Organisationen möglich sein, Personal und Güter in Echtzeit zu lokalisieren und Informationen sicher zu teilen«, sagt Metze. 

EPIC hat außerdem Zusatzfunktionen, die zur Sicherheit der Einsatzkräfte beitragen können. Dazu zählt zum Beispiel ›Geofencing‹, wodurch das System automatisch eine Nachricht an Einsatzkräfte sendet, wenn sie ein Gebiet betreten, das als unsicher gilt. 

Ein Programm, das sicher auch beim THW zum Einsatz kommen könnte, ist ELDEWAS

Dies ist ein Frühwarnsystem, das Alarm schlägt, wenn Hänge ins Rutschen kommen. Entwickelt wird das ›Early Landslide Detection And Warning System‹ von Wissenschaftlern am Fraunhofer Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung. Einer davon ist Dr. Oliver Krol, der für die Programmierung von ELDEWAS zuständig ist.

»Bisher werden in sogenannten Gefahrenzonenkarten Regionen angezeigt, für die Erdrutsche wahrscheinlich sind. Das Problem ist, dass diese Karten statisch sind. Aktuelle Einflüsse wie Niederschläge, die in der Regel Auslöser sind, werden nicht berücksichtigt«, erklärt Krol.

An diesem Frühwarnsystem ist nun neu, dass dynamische Wetterdaten mit den statischen Informationen – wie zum Beispiel Hangneigung oder Infrastruktur – gekoppelt werden. Die Idee dazu entstand durch ein EU-Projekt, bei dem österreichische Forscher ein ›Nowcasting‹-System entwickelt haben, das sich INCA nennt. Damit kann das Wetter zeitlich und räumlich wesentlich genauer vorhergesagt werden. Die Forscher hatten das für den österreichischen Raum entwickelt und wollten es im Rahmen eines europäischen Projekts verbessern und natürlich verbreiten. »Um das Projekt fortzuführen, war eine wesentliche Anforderung der Gutachter, dass die Daten und Vorhersagen zum Zivilschutz oder der Straßensicherheit beitragen sollen. Darauf hin haben wir uns vorgenommen, ein System zur Detektion und Vorhersage von Massenbewegungen mit Onlinewarnung zu entwickeln«, berichtet der Diplom-Ingenieur, der im Bereich Technische Mechanik promoviert hat. Das Team rund um Krol arbeitet nun daran, die geologischen Informationen in das System zu laden. Anschließend werden Schwellwerte für die Parameter definiert. Damit werden dann die aktuellen Wetterdaten ausgewertet.

»Wenn das funktioniert, könnte das Frühwarnsystem eingesetzt werden. Es würde dann so aussehen, dass das System ständig im Hintergrund mitläuft und sich meldet, wenn ein kritisches Ereignis bevorsteht.«

Das Projekt läuft noch bis Herbst. Dann könnte es noch etwa ein halbes Jahr dauern bis das System zur Anwendung kommt.

Nun gibt es aber abseits von Naturkatastrophen noch genügend andere Gegebenheiten, in denen die IT helfen kann, zum Beispiel, wenn es darum geht, das Leben Behinderter zu erleichtern oder zu verschönern. Das Projekt ›genesis‹ der Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg hat sich der integrativen Förderung behinderter Kinder angenommen und entwickelt Computerspiele.

»Genesis ist ein barrierefreies Lern-, Therapie- und Spielesystem, das selbst Menschen mit schwersten geistigen und körperlichen Behinderungen die Freude am Spielen ermöglichen soll«, erklärt Frank Ehard, der die Spiele konzeptioniert und entwickelt.

Entstanden ist das interdisziplinäre Projekt durch die Zusammenarbeit von Software- und Hardwareentwicklern, Pädagogen, Therapeuten, Psychologen, Designern sowie Eltern von behinderten Kindern. Die Spiele verbessern die Entwicklungschancen sowohl von geistig als auch körperlich behinderten Kindern. So lernen sie beispielsweise Zusammenhänge kennen und üben sowie sich zu konzentrieren. Die Spiele fördern außerdem die Wahrnehmung von Farben oder Tönen und verbessern die Geschicklichkeit.

»Genesis ist mit nahezu allen Arten von Behinderungen spielbar. Die Kinder können die Spiele auch nur mit einer Taste oder nur mit den Augen bedienen«, erklärt der 25-jährige Student der Elektro- und Informationstechnik.

Ein besonders positiver Aspekt ist das Spielen als Gruppenerlebnis. »Genesis wird auch inklusiv eingesetzt, so dass Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam spielen können.« Das ist besonders für Familien ein schöner Aspekt. Das System unterstützt die handelsüblichen Mäuse, Tastaturen und Buttons. Außerdem ist genesis auf spezielle Eingabegeräte adaptierbar, wie zum Beispiel Rollstuhljoysticks. Im Rahmen von genesis wurden auch eigene Eingabegeräte entwickelt, wie etwa einstellbare Sensortasten und eine modulare, beliebig kombinierbare Tastatur. Da Ehard bereits seinen Zivildienst bei genesis abgeleistet hat, stand es für ihn außer Frage, sich auch während des Studiums zu engagieren.

»Durch die gemeinsame Entwicklung im Team habe ich gelernt, Probleme fachübergreifend zu lösen. Auch die direkte Resonanz von den Anwendern ist etwas, das man in anderen Hochschulprojekten nicht bekommt.« Das Schönste an seiner Arbeit ist für Ehard aber, den Erfolg des Projekts zu sehen, eben »wenn Kinder mit Behinderungen Spaß am Spielen von genesis haben«.


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