Foto: Patrick Schneider/Unsplash

Fata Morgana?

Nein, Augmented Reality! Wie sie genutzt wird, welche Chancen und Risiken sie birgt und was uns in Zukunft erwartet.

Verschwimmende Grenzen 
Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt! Was einst Pippi Langstrumpf vorbehalten war, wird nun durch Augmented Reality einer breiten Masse ermöglicht. Komplexe Maschinen zum Beispiel sind bislang oft nur mithilfe von dicken Handbüchern zu bedienen – eine zeit- und nervenaufreibende Angelegenheit. AR-Brillen sollen den Prozess vereinfachen: Inhalte werden positions- und maßstabsgetreu direkt auf die Maschine platziert, damit Mitarbeiter innerhalb von Sekunden die richtigen Bedienelemente der Maschine finden. Alexander Obermüller von VR Expert erwartet noch weitere Veränderungen: »Künftig wird es beispielsweise möglich sein, sich in Museen über ähnliche Geräte zu jedem Ausstellungsstück Informationen einblenden zu lassen – mit der gleichen Natürlichkeit, mit der wir diese heute über Kopfhörer beziehen.«

Kreiere dein AR-Auto 
»Es gibt viele kreative Unternehmensideen, Augmented Reality (AR) anzuwenden. ­Ferrari zum Beispiel setzt auf Showrooms: In Australien können Kunden ihr Auto per AR mit gewünschten Features ausstatten und direkt auf einem Tablet anschauen. Autokäufer können über die App direkt in die Mechanik des ­Ferrari-Modells blicken. Des Weiteren lassen sich ­äußere Gestaltungsmerkmale des ­Autos kreieren – die Augmented Reality ersetzt in Down Under bereits die Fahrzeugbroschüre und macht den ­Autokauf interaktiv.«
Alexander Obermüller, Head of DACH bei VR Expert/Owl VR Solutions

Facetten von AR längst alltäglich 
»Augmented Reality schleicht sich heute schon in unser Weltverständnis. Die neuesten Fahrzeuggenerationen verfügen über ein AR-HUD, es gibt kaum noch Messen, auf denen nicht die neuesten AR-Entwicklungen präsentiert werden. Bei der Konfiguration von Produkten reicht AR von der Kundenschnittstelle bis ins E-Commerce. Unternehmen können die Technologie in allen Abteilungen nutzen. Sprechen wir von der HoloLens, also der Mixed-­Reality-Brille, öffnet sich ein extrem weites Spektrum an Anwendungen: Von Infotainment und Marketing über Museale Darstellungen bis hin zu Bedienungsanleitungen und Edutainment bietet AR nachhaltige Lösungen für Alltägliches.«
Frank Heumann, Geschäftsführer von Logan Five 

Bye bye, Möbelhaus
Auch bei OTTO ist AR auf dem Vormarsch. Kerstin Bremer arbeitet dort als Senior Product Manager im Bereich E-Commerce und erläutert yourhome, die 2018 gestartete Smartphone-App von OTTO: »Mit yourhome haben Nutzer die Möglichkeit, virtuelle Möbelstücke per AR in ihren eigenen vier Wänden zu platzieren und aus allen Perspektiven zu betrachten.« Dabei scannt und misst die App ohne weitere Hilfsmittel maßstabsgetreu den jeweiligen Raum. »Eine Bestellung des ausgewählten Möbelstücks ist über den angeschlossenen Onlineshop yourhome.de möglich. Technische Basis der App sind die ARCore-Technologie von Google bei der Android Version sowie das ARKit von Apple für iPhones.«

Überraschende Vorteile 
Gerade bei Produkten, dessen Kauf ein langer Entscheidungsprozess vorangeht, kann AR hilfreiche Dienste leisten – etwa wenn es um den Möbelkauf geht. Kerstin Bremer, Senior Product Manager bei OTTO, erklärt: »AR hilft, sich konkret vorstellen zu können, wie Sofa, Tisch oder Vitrine in den eigenen vier Wänden aussehen werden. Das wiederum senkt das Risiko, dass Möbel nach Anlieferung an uns zurückgeschickt werden, etwa weil Form, Farbe oder Größe nicht wie erhofft ausfallen.« Ein positiver Nebeneffekt also: weniger Retouren, weniger Emissionen. AR stützt in diesem Fall sogar die Umwelt!

Unterstützung beim Leben retten  
Nicht nur für kommerzielle oder unterhaltende Zwecke wird die Technologie der Erweiterten Realität eingesetzt – auch die Medizin könnte bald Unterstützung kriegen. Wissenschaftler tüfteln beispielsweise an Operationsverfahren für Chirurgen, die während einer OP bislang immer wieder den Blick vom ­Patienten lösen und auf Bildschirme blicken müssen, um die Vitalwerte zu kontrollieren oder bestimmte Informationen abzurufen. Auch ­Alexander Obermüller von VR Expert hält solche Entwicklungen für möglich: »Mithilfe von speziellen AR-Brillen könnte es dem Operateur ermöglicht werden, seinen Patienten so zu sehen, als wenn er ihn klassisch aufgeschnitten hätte.« Exaktere Eingriffe und konzentrierteres Arbeiten könnten so Konsequenzen der AR sein, die sich positiv auf die Arbeit von ­Medizinern auswirken.

Digital und umweltschonend
Wo AR tatsächlich im Alltag gebraucht wird? Angesichts der vielen Anwendungsfelder wird klar, dass die Frage eher heißen sollte: Wo wird sie nicht gebraucht? Denn sowohl in Unternehmen der Industrie, des Handels, des ­Servicebereichs und B2B sowie B2C kommt Augmented Reality zur Anwendung. »Hier werden komplexe Erzeugnisse hergestellt – emotionale, immersive und sich selbst erläuternde 3D-Produktwelten«, weiß Frank Heuman von Logan 5. »Das dient der Schulung, des Vermittelns von Know-how, der für den Verkauf notwendigen Begeisterung und bietet Möglichkeiten, auch komplizierte Verfahren leicht zu erklären.« Heumann betont auch einen besonderen Nebeneffekt: »Der Transport der nun digitalen Informationen, die per AR vermittelt werden, ist nachhaltig und absolut umweltschonend.«

Unendliche Auswahl im Showroom
»Augmented Reality ist neben Virtual Reality und dem Einsatz von Sprachassistenten sicherlich eines der heißen Tech-Themen derzeit. Aktuell gehen wir davon aus, dass die Bedeutung von AR mittel- bis langfristig weiter zunehmen wird, etwa im Navigationsbereich und in der Werbung, aber auch beim Shopping. Hier ist der Einsatz von AR-Technologie nicht nur im klassischen Onlineshopping denkbar. Spannend kann AR insbesondere auch in Connected-Commerce-Konzepten sein, die den Onlinehandel mit dem Einzelhandel in den Städten vor Ort verknüpfen, etwa in Showrooms. Wenn ein Kunde dort per AR neben einigen ausgewählten, vorrätigen Textil- oder Möbelstücken unzählige weitere, außerhalb lagernde Artikel, in beliebig vielen Größen, Formen oder Farben virtuell erleben und auf Wunsch bestenfalls direkt taggleich zu sich nach Hause bestellen kann, dann könnte dies das Einkaufserlebnis auf ein ganz neues Level heben.«
Kerstin Bremer, Senior Product Manager E-Commerce bei OTTO 

Allgegenwärtige AR
Du hast mit Augmented Reality in deinem ­Alltag überhaupt nichts zu tun? Da könntest du dich täuschen. Fußballfans zum Beispiel werden vom heimischen Fernseher aus regel­mäßig mit der Technologie konfrontiert, wie ­Alexander Obermüller von VR Expert erklärt: »Um die verstärkte Realität zu verstehen, genügt ein Blick in die Vergangenheit: Man erinnere sich nur an die erste Sportveranstaltung im TV, bei der Zeiten und Spielstände eingeblendet wurden – damals konnte der Zuschauer erstmalig AR am eigenen Leib erleben.« Im Gegensatz zur Virtual ­Reality kreiert AR keine neue Realität, sondern reichert die vorhandene um Informationen an. »Das kann der Spielstand sein oder auch ein in die Frontscheibe eingeblendeter Richtungspfeil des Navigationssystems«, erläutert Obermüller. 


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