Hoch hinaus: Frauen in der Informatikbranche

Langsam aber sicher erobern Frauen die ›Männerdomäne‹ IT und erhalten tatkräftige Unterstützung von Unternehmen.

Sagen wir es wie es ist: Frauen sind in der IT-Branche deutlich in der Minderheit

Zwar studieren zunehmend mehr Frauen Informatik – und erhöhen folgerichtig auch die Anzahl der Frauen in IT-Berufen – doch noch immer machen sie nur 20 Prozent der IT-Studierenden aus. Auf Führungsebene ist der Anteil von Frauen natürlich noch geringer. Wie die Zahlen genau aussehen, hat der Branchenverband Bitkom in seiner Studie zum Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte untersucht:

Im Top- Management beträgt der Frauenanteil in Informations- und Telekommunikationstechnologie-Unternehmen vier Prozent, im mittleren Management 6,5 Prozent. Damit waren 2013 fast doppelt so viele Frauen im Top-Management und in den mittleren Führungsebenen zu finden als noch 2011. »Das kann uns noch nicht zufrieden stellen, aber die Richtung stimmt und wir kommen voran«, sagt Bitkom-Präsident Professor Dieter Kempf. Die beteiligten Unternehmen gaben in der Umfrage außerdem an, bis 2020 den Frauenanteil im Top-Management auf 15 Prozent und im mittleren Management auf 17 Prozent erhöhen zu wollen.

Erstmals mehr Frauen beim Berufseinstieg in die IT-Branche

In den USA sieht die Lage etwas anders aus: 2013 verzeichnete das Statistikamt des amerikanischen Arbeitsministeriums erstmals mehr Berufseinsteigerinnen in der IT-Branche als Berufseinsteiger. Bis September 2013 wurden die 39.000 freien Stellen zu 60 Prozent mit Frauen besetzt. In den Vorjahren lagen die Männer mit 70 bis 80 Prozent Einsteigerquote in diesem Bereich noch vorn. Ist die Trendwende damit geschafft? Nicht ganz, denn vermutlich gab es nicht deutlich mehr Frauen, sondern einfach weniger männliche Fachkräfte, was zu der weiblichen Dominanz führte. Andere Stimmen wiederum sehen den positiven Einfluss von erfolgreichen Frauen im IT-Business wie Yahoo-CEO Marissa Mayer oder Facebook- Geschäftsführerin Sheryl Sandberg.

Doch bis über den großen Teich müssen wir gar nicht gehen, um Vorbilder für Frauen in IT-Führungspositionen zu finden. »Bestes Beispiel«, sagt Birgit Mensing von der Telekom Deutschland, »ist Claudia Nemat, Physikerin, die bei uns im Vorstand für den Geschäftsbereich Europa und die strategische Steuerung der Technik verantwortlich ist.« Aber auch Mensing selbst ist leitende Angestellte bei der Telekom und neben sieben Männern die einzige Frau auf Bereichsleiterebene. Nach ihrem Studium der Nachrichtentechnik erfolgte ihr Berufseinstieg an einem Forschungsinstitut der Max-Planck-Gesellschaft, wo die Forschungsarbeit im Vordergrund stand und nicht das Geschlecht der Mitarbeiter. »Nach meinem Wechsel zur Deutschen Telekom sah die Welt schon anders aus«, sagt die Diplom-Ingenieurin. Mit Dienstwagen, Werkzeug und Messgeräten wurde sie direkt zu den Kunden geschickt und sorgte für große Augen und teilweise auch für besorgte Gesichter. »Nun stellte sich schnell heraus, dass ich ein gutes Händchen für die Kunden und die technischen Herausforderungen habe, sodass mein Ruf so gut war, dass ich explizit angefordert wurde«, berichtet die 50-Jährige.

Männderomäne IT-Branche: Frauen brauchen Netzwerke

Inzwischen ist sie Bereichsleiterin und realisiert mit ihrem Team unter anderem kundenindividuelle Kommunikationslösungen, denkt und handelt unternehmerisch und schafft mit den bundesweit tätigen Mitarbeitern wichtige Wertschöpfungen für den Konzern. Das entspricht so gar nicht dem Klischee des techniklastigen und männerdominierten Bereich der IT – ein Klischee, das wiederum nicht zur Männerdomäne IT passt. Denn ginge man nach den Vorurteilen über Frauen und Männer, müsste die IT-Branche eigentlich vor Frauen wimmeln, denn neben den fachlichen Kenntnissen sind besonders Soft Skills wie Teamwork, Kommunikation und Fingerspitzengefühl im Umgang mit Kunden notwendig. Hinderlich sei für Frauen besonders, dass Führungspositionen überwiegend über Netzwerke vergeben würden und Frauen für ihre sorgen müssen.

»So etwas«, sagt Mensing, »kann über Frauenquoten erreicht werden, aber zum Beispiel auch über die Förderung von Frauennetzwerken, wie es sie bei der Telekom gibt.«

Außerdem bietet die Telekom verschiedene Förderprogramme, die Frauen in jedem Alter und jeder Lebenssituation gerecht werden. Für Schülerinnen gibt es unter anderem den Girls Day, für Absolventinnen spezielle Workshops und Expertenrunden an Messen wie dem Absolventenkongress und der CeBIT. Je nach Standort werden Eltern-Kind-Büros und Kinderbetreuung angeboten, außerdem können Frauen sich auf ein Teilzeit- und Rückkehrrecht aus Teilzeit verlassen oder Teil eines Führungstandems werden. Zusammen mit audimax lobt die Telekom 2014 bereits zum zweiten Mal den Frauen MINT Award aus, bei dem Studentinnen und Absolventinnen aller MINT-Fächer ihre Abschlussarbeiten noch bis zum 31. Oktober einreichen können.

Vorreiter in Sachen Frauen in der IT-Branche: Telekom und HPI

Damit kommt der Telekom eine Vorreiterrolle zu, denn nach Angaben der Bitkom verzichten rund zwei Drittel der Unternehmen auf gezielte Anzeigenkampagnen und geschlechtsspezifische Recruitments. Große Unternehmen haben es hierbei deutlich einfacher und haben auch das Potenzial, Mitarbeiterinnen weiter zu qualifizieren und auf Führungspositionen vorzubereiten. Fast jedes zweite Großunternehmen stellt ein entsprechendes Gremium zur Beratung des Managements in Fragen der Gleichstellung.

»Gerade kleinere Unternehmen werden den Aufwand kaum aus eigener Kraft bewältigen können. Hier sehen wir eine wichtige Rolle auch für Verbände, um entsprechende Instrumente bekannt zu machen und Erfahrungen weiterzugeben «, erklärt Präsident Kempf.

Auch das Hasso-Plattner- Institut (HPI) fördert Schülerinnen und Studentinnen im MINT-Bereich mit Stipendien und einem Netzwerk. Das HPI ermöglichte es außerdem zwei Studentinnen mit einem Reisestipendium zur Konferenzmesse ›Grace Hopper – Celebration of Women in Computing‹ in Phoenix, Arizona, teilzunehmen. Jedes Jahr treten dort bekannte Unterstützerinnen und Gastrednerinnen wie Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg auf und die Teilnehmerinnen können sich bei vielen renommierten IT-Unternehmen und Unis über Einstiegs- und Studienmöglichkeiten informieren. Auch können sie an Bewerbungsworkshops teilnehmen und ganz nebenbei ein weltweites Netzwerk aufbauen.

Auch Anja Perlich, Doktorandin am HPI für das Fachgebiet Internettechnologien und -systeme, wird an der Konferenzmesse in Arizona dabei sein. Um mehr Frauen für IT-Berufe zu begeistern, hält sie besonders Aufklärungsarbeit für notwendig.

»Informatik bedeutet nicht nur, Computer zu reparieren und kryptische Zeichenfolgen in schwarze Fenster einzugeben. Ich denke, jungen Menschen im Lebensabschnitt der Berufswahl ist nicht bewusst, wie vielfältig Informatik sein kann und dass sie heutzutage überall zu finden ist«, sagt die 27-Jährige.

Das erkläre auch, warum in interdisziplinären Studiengängen eine deutlich höhere Frauenquote zu finden ist als in reiner Informatik. Sie selbst hat nach ihrem Bachelorabschluss in Computervisualistik einen Master in Medizinischer Informatik an der Uni Heidelberg dran gehängt, weil ihr der Bezug zum ›echten‹ Leben und die Möglichkeit, menschennähere Gebiete damit zu bereichern, gefielen. In ihrem Masterstudiengang betrug die Frauenquote etwa 25 Prozent. Bei allen Fördermaßnahmen ist aber eines entscheidend: Frauen müssen selbst aktiv werden und dürfen sich von ›Männerdomänen‹ und Führungspositionen nicht abschrecken lassen. Denn qualifiziert sind sie allemal.


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