Brille liegt auf Zeitschrift

Den Sprung wagen: ITler im Verlagswesen

Verlage müssen mit neuen Angeboten die Tür zur Zukunft öffnen – ohne Informatiker wird das aber nicht klappen.

Als ITler in Verlagswesen beruflich durchstarten?!

Klein, aber oho! Anfang September startete das Bremer Regionalgewächs ›Weser-Kurier‹ als erstes lokales Blatt in Deutschland die tägliche Zeitungsproduktion mit ›Augmented Reality‹. Darunter verstehen die ›Weser-Kurier‹-Macher unter anderem eine zusätzliche App, die – scannt man mit seinem Smartphone bei der Zeitungslektüre den Artikeln beigestellte Symbole – zusätzliche Grafiken, Fotos und Filme abspielt. Beim ›Weser-Kurier‹ ist man sichtlich stolz auf das neue Digital-Angebot.

»Mit Augmented Reality vereinen sich Print- und Online-Welt«, schwärmt Chefredakteurin Silke Hellwig. »Die Zeitung klappt sich quasi aus in die digitale Welt. Sie wird buchstäblich zum Leben erweckt.«

Nicht nur die Luftsprünge beim ›Weser-Kurier‹ zeigen: Das Verlagswesen unterliegt derzeit einem massiven Wandel. Anbieter arbeiten fieberhaft an digitalen Produkten, mit denen sie dem Abwärtstrend entgegensteuern wollen, der Tageszeitungen, Magazine und gedruckte Bücher in den vergangenen Jahren mit sich gerissen hat. Das Jahr 2013 wird wohl als ›Jahr der Paywalls‹ in die Geschichte eingehen, in dem Verlagshäuser nach jahrelangem Verwöhnen ihrer Kunden durch kostenlose Bereitstellung von Online-Inhalten mit Paid Content im Internet ernst zu machen versuchten. Auch für die werbetreibenden Kunden der Verlage steht einiges auf dem Spiel: So könnte mit neuen Verlagsprodukten wie der Augmented Reality des ›Weser-Kurier‹ beispielsweise ein Anzeigenkunde die Bewerbung seiner Produkte in der Tageszeitung so interaktiv gestalten, dass Interessenten direkt über ihr mobiles Gerät Fotos oder Filme des begehrten Objektes betrachten – und dann gleich ohne Medienbruch das Produkt einkaufen. In den USA testet Google derzeit eine neue Datenbrille, die direkt am Auge die digitale Welt eröffnet. Dann bräuchte man selbst Hilfsmittel wie Smartphones und Tablets zur Nutzung der neue Technologie gar nicht mehr.

»Die Verlage stecken mitten in einem gewaltigen Prozess, in dessen Verlauf sie neue Inhouse-Abteilungen aufbauen, um in der digitalen Welt konkurrenzfähig zu bleiben«, erklärt Prof. Dr. Stephan Weichert von der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg. »Dabei entstehen neue Berufsfelder in den Verlagen und ein riesiger Fachkräftebedarf.« Ob Programmierer, Web-Designer oder Entwickler – für IT-Fachkräfte tut sich derzeit ein neues Berufsfeld auf, das sich aus den Umwälzungen in den Verlagshäusern eröffnet.

Einer dieser IT-Spezialisten im Verlagswesen ist Matthias Lambertz: Der 30-Jährige ist Leiter technische Entwicklung E-Publishing bei Bastei Entertainment, eine zur Verlagsgesellschaft Bastei Lübbe gehörende Abteilung, die Stoffe und Charaktere aus dem umfangreichen Lübbe-Fundus  – ›Jerry Cotton‹, ›Maddrax‹, ›Geisterjäger John Sinclair‹ – auf unterschiedlichen Kanälen vermarkten soll. »Bei Bastei Lübbe beschäftige ich mich mit der Entwicklung von innovativen mobilen Applikationen für die gängigen Plattformen, wie zum Beispiel Apple-iOS und Google-Android«, erklärt Lambertz seinen Beruf. »Unsere Produkte reichen von digitalen Serienromanen mit mehreren Staffeln, zum Beispiel die ›Apocalypsis‹ oder ›Coffeeshop‹-App, bis hin zu interaktiven Kinderbüchern mit Vorlesefunkton und Spiel-modulen.« Der App-Entwickler hat Wirtschaftsinformatik an der Universität Köln studiert, ein eigenes Unternehmen gegründet und einige Jahre in China gearbeitet, bevor er im Juni 2013 zu Bastei Lübbe wechselte. »Durch die rasante technische Entwicklung in der Branche tun sich immer neue Möglichkeiten für die Umsetzung von Inhalten auf«, sagt Matthias Lambertz. Erst seit wenigen Monaten ist Bastei Lübbes digitaler Serienroman ›Apocalypsis I‹ auch in einer Sprachversion auf Mandarin in den chinesischen App-Stores erhältlich. »Die App wird in China sehr positiv aufgenommen und wir können bereits weit über eine halbe Million Downloads verzeichnen«, berichtet Lambertz.

Bastei Lübbe will weiter auf dieses Pferd setzen und sieht im App-Bereich großes Zukunftspotenzial. »Die strategische Entscheidung, diesen Bereich intern aufzubauen, wurde im Frühjahr 2013 getroffen«, berichtet Christiane Limbach, Personalleiterin der Bastei Lübbe AG. »Mit drei neueingestellten App-Entwicklern und einem Teamleiter, die seit Anfang Juni für uns arbeiten, haben wir als mittelständisches Unternehmen personell in diesen Bereich investiert.« Christiane Limbach betont, dass die neuen IT-Spezialisten in den Verlagen auch Sinn und Verständnis für die verlegerischen Inhalte mitbringen müssen: »Wir suchen keine  App-Entwickler, die im stillen Kämmerlein programmieren. Dieser Job ist auch ein kreativer Job«, sagt die Personalleiterin. »Unsere App-Entwickler müssen über die reinen Programmierkenntnisse hinaus offen sein für neue Trends und neue Ideen. Als Mitarbeiter in einem Publikumsverlag müssen sie  Begeisterung für unsere Produkte und Stoffe mitbringen.«

Dass von der gegenüberliegenden Seite des Jobspektrums auch die Anforderungen an Journalisten und klassische Verlagsmenschen steigen, erläutert Eric Dauphin, Vorstand der Bremer Tageszeitungen AG für Redaktion, Digitale Medien und IT:

»Am wichtigsten sind uns bei Journalisten eigentlich die tradierten Werte: Gute Schreibe – und das möglichst fehlerfrei, ein Gespür für gute Themen, die Fähigkeit der sauberen Recherche und vor allem Rückgrat, um auch brisante Themen zu bearbeiten«, sagt Dauphin, der den Wechsel zu Augmented Reality beim ›Weser-Kurier‹ verantwortet.

»Dazu aber auch Aufgeschlossenheit und sicherer Umgang mit den digitalen Medien, da nur derjenige, der diese Kanäle selber nutzt, wissen kann, was die Leser erwarten.« Was die Branche verlangt, ist gewissermaßen die Vereinigung aus dem fähigen Computer-Nerd mit dem leidenschaftlichen Geschichtenerzähler.

So wird das typische Teamwork in einer Zeitungsredaktion der Zukunft wohl so aussehen, dass an einer Geschichte neben den klassischen Redakteuren und Reportern auch Web-Designer, Programmierer und Statistiker arbeiten. Gleiches gilt für das Produktmanagement eines Buchtitels in einem Verlagshaus. »Vor diesem Hintergrund bieten sich IT-Fachkräften, die ins Verlagswesen einsteigen wollen, derzeit zwei Wege«, sagt Professor Weichert von der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation. »Entweder studieren ausgebildete Programmierer noch einmal Journalismus oder absolvieren ein Volontariat in einem Verlag. Oder fertig ausgebildete Journalisten lassen sich zur IT-Fachkraft ausbilden.« IT-Studierenden, die sich für das neue Berufsfeld interessieren, rät der Experte, möglichst früh durch Praktika oder Volontariate Kontakte zu Verlagen aufzubauen und somit einen Fuß in die sich stark wandelnde Branche zu setzen.

Verlässliche Zahlen, wie viele IT-Fachrkäfte für die neuen Aufgaben im Verlagswesen gesucht werden, gibt es nicht – dazu ist die Entwicklung zu frisch. »Der Bedarf entwickelt sich von Monat zu Monat«, berichtet Stephan Weichert. »Einige Verlagshäuser suchen wirklich händeringend und könnten von einem Tag auf den anderen Dutzende Spezialisten einstellen, die sich zum Beispiel mit Datenjournalismus auskennen.« Eine Branche vor dem Absprung, und die Chancen für den Nachwuchs sind einmalig.


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