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Im Doppel: Arbeiten als Wirtschaftsinformatiker

Wirtschaft und Informatik sind ein treues Paar. Die eine kann ohne die andere nicht mehr sein. Das führt manchmal aber zu Knobelaufgaben.

Sauerstoff und Nährstoffe transportieren, fiese Krankheitserreger abwehren – was unser Körper nicht alles kann! Er ist ein komplexer Organismus. Die Prozesse, die dabei ineinandergreifen, sind fein aufeinander abgestimmt, und im Normalfall wissen alle beteiligten Untersysteme wie Atmung, Herz- oder Blutkreislauf, was sie zu tun haben, damit es uns gut geht. Unternehmen kann man ebenfalls als Organismen verstehen: Sie müssen ihre Geschäftsprozesse und Aufgaben koordinieren und bestimmte Abteilungen mit Informationen versorgen. Funktionierende Systeme sind also auch hier eine wichtige Voraussetzung. Sie tragen dazu bei, dass ein Betrieb ›gesund‹ ist und wirtschaftlich arbeiten kann.

Die Wirtschaftsinformatik beschäftigt sich mit solchen Informations- und Kommunikationssystemen (IKS) und mit ihren Einsatzmöglichkeiten in Unternehmen, Behörden und Institutionen. Sie bildet Geschäftsprozesse im Rahmen der Datenverarbeitung ab. Entstanden ist dieser Zweig der Informatik in den 1980er Jahren, als immer mehr Betriebe IT einsetzten. Auch das Internet trieb die Entwicklung entschieden voran. So wuchs auch der Bedarf an Experten, die sich mit der Implementierung von Informationssystemen auskennen und deren betriebswirtschaftliche Auswirkungen einschätzen können. Und in Zukunft dürfte der Bedarf an ihnen weiter steigen:

»In rascher Folge ziehen neue Internettechnologien, Cloud Computing und vieles andere an den Unternehmen vorbei. Nur wer die Betriebswirtschaft versteht, kann aus den Internet-Hypes und Gadgets diejenigen Investitionen herausfiltern, die den Schlüssel zu Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit darstellen«, sagt Professor Torsten Eymann vom Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik an der Universität Bayreuth.

Als Tätigkeitsfelder bieten sich nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit für Berufseinsteiger zum Beispiel die Betriebsorganisation- und planung, das Controlling, das Informations- und Wissensmanagement, die IT-System-entwicklung, die IT-Sicherheit oder der IT-Vertrieb an. Ebenso kann die Analyse von IT zum Aufgabenspektrum gehören: Hiermit beschäftigt sich Isabel Steinhoff bei der Dirk Rossmann GmbH. Bei ihrer Arbeit geht es vorwiegend um die Themen Finanzbuchhaltung und Rechnungsprüfung. Im letzten Jahr hat sie zum Beispiel ein IT-Projekt geleitet, bei dem die Drogeriemarktkette mit einer neuen Rechnungsprüfungssoftware ausgestattet wurde. Hierfür hat die 35-Jährige gemeinsam mit ihrem Team eine Standard-Software integriert. Die Analyse, die Konzeption und das Testen von Software faszinieren sie bei solchen Projekten besonders: »Meine Arbeit besteht zu einem großen Teil aus Knobeln: Da gilt es, Sachverhalte schnell zu verstehen, Zusammenhänge zu identifizieren und Ideen für neue Lösungen zu entwickeln«, so Steinhoff. Keine Aufgabe fürs stille Kämmerlein:

»Ich komme regelmäßig mit ganz unterschiedlichen Menschen im Unternehmen zusammen – von Software-Entwicklern über Sachbearbeitern bis hin zur Geschäftsführung.«

Betriebswirtschaft und Informatik – die Verknüpfung aus beiden Disziplinen spielt gerade für ein Internetunternehmen wie Xing eine große Rolle

Ein Teilbereich ist die Qualitätssicherung. Hierbei geht es unter anderem darum, neue Funktionen für die Online-Plattform vor der Integration ausgiebig zu testen. Wie können zum Beispiel bezahlte Inhalte wie Premium-Mitgliedschaften oder Online-Jobanzeigen reibungslos abgerechnet werden? Mit solchen Fragen befasst sich Ronny Zaddach seit einem Jahr bei Xing. Wenn eine neue Funktion ansteht, setzt er sich mit seinem Team zusammen und geht die Anforderungen des ›Product Owners‹, eine Art Produktmanager, durch. Während die Entwickler an der eigentlichen Funktion arbeiten, bereitet Ronny Zaddach verschiedene Testszenarien vor, um zu prüfen, wie die Funktion nahtlos in die bestehenden Plattform-Inhalte integriert werden kann. »In dieser Phase findet ein reger Austausch im Team statt, schließlich wollen wir bereits vor dem ersten Test so viele Fehler wie möglich ausmerzen«, sagt er. Zur Analyse der Anforderungen gehören auch so genannte Edge-Cases, die oft vergessen werden, weil sie nur selten vorkommen: Das Team hat zum Beispiel zu klären, was passieren soll, wenn ein Nutzer statt seiner Postleitzahl den Stadtnamen in ein Formular einträgt. Gearbeitet wird nach dem ›Scrum-Prinzip‹, eine Vorgehensweise, die sich bereits in einigen Bereichen der IT-Branche etabliert hat und vor allem dazu dient, Projekte der Softwaretechnik flexibler und effektiver zu gestalten. »Das heißt, wir nähern uns etappenweise dem großen Ziel. Jedes Mal, wenn wir eine solche Etappe erreicht haben, mache ich wieder eine Überprüfung. Auf diese Weise vermeiden wir, dass wir am Ende womöglich mühsam einen Fehler beheben müssen, der ganz am Anfang des Entwicklungsprozesses entstanden ist«, erklärt Ronny Zaddach. Erst wenn alle Prüfungen erfolgreich abgeschlossen sind, werden sie den Nutzern auf Xing zugänglich gemacht.

Mit IT-Themen setzen sich Unternehmen fast aller Branchen auseinander – und stoßen dabei zum Teil an ihre Grenzen

Das kann zum Beispiel an einer heterogenen Datenstruktur liegen, die bestimmte Prozesse unnötig aufbläst. Business Intelligence (BI) ist ein klassisches Gebiet der Wirtschaftsinformatik und befasst sich damit, wie Unternehmen solche Daten in elektronisch sinnvoller Form sammeln, auswerten und darstellen können. Für viele Beratungsfirmen gehören solche Fragestellungen zum Tagesgeschäft. Sie betreffen bei der Lucanet AG zum Beispiel die Bereiche Konsolidierung, Finanzplanung und -controlling. Dabei liegt der Fokus auf der Anbindung verschiedener Finanzbuchhaltungssysteme an einen Server. Dieser soll den Kunden bestimmte Elemente ihrer Buchhaltung wie Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung oder Kapitalflussrechnung, auch ›Cashflowrechnung‹ genannt, auf Knopfdruck bereitstellen. Bastian Ludwig hat sich schon im Rahmen seiner Diplomarbeit an der Hochschule für Wirtschaft Berlin mit Business-Intelligence-Lösungen befasst. Bei Lucanet setzt er sie als BI-Consultant in die Praxis um. Ein wichtiger Schritt sei bei solchen Projekten die Bedarfsanalyse, bei der er gemeinsam mit dem Kunden einzelne Anforderungen klar definiert und priorisiert. Auch während der Umsetzungsphase steht der Berater im ständigen Austausch mit dem Kunden vor Ort, um Fragen schnell und auf kurzem Weg beantworten zu können. Zum Ende des Projektes bekommt das Unternehmen eine umfassende Schulung mit der neuen Software. Wie so oft im Beraterleben ist hier eine feine Nase für die Anforderungen des Kunden entscheidend: »In jedem Projekt trifft man auf unterschiedliche Menschen und Bedürfnisse«, sagt Ludwig. »Und nicht selten kommt es vor, dass Kunden ihre Wünsche wenig spezifiziert äußern. Trotzdem lassen sich zwischen den Projekten immer wieder Parallelen erkennen und Lösungen daher in relativ kurzer Zeit präsentieren.« Eine Herausforderung sei es, diese Synergien zu erkennen und für den Kunden die besten Lösungen zu erarbeiten.


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