Prof. Dr.-Ing. Anette Weisbecker, stellvertretende Leiterin des Fraunhofer IAO
Prof. Dr.-Ing. Anette Weisbecker, stellvertretende Leiterin des Fraunhofer IAO privat

MINT-Vorbilder: Prof. Dr.-Ing. Anette Weisbecker, stellvertretende Leiterin des Fraunhofer IAO im Interview

Prof. Dr.-ing. Anette Weisbecker des Fraunhofer IAO über den Weg zur digitalen Gesellschaft und ihren Wunsch nach mehr Frauen in der IT

»Es müsste mehr Vorbilder geben.«

Prof. Dr.-Ing. Anette Weisbecker ist stellvertretende Leiterin des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation, IAO. Sie ist Mitglied der Female Patronage Group, die die Schirmherrschaft des Karriere-Events women&work trägt. Die Gruppe repräsentiert stellvertretend die Vielfalt von unterschiedlichen Persönlichkeiten, Karrierewegen und Erfolgsmodellen als Vorbilder für Frauen.

Frau Weisbecker, wo steht Deutschland auf dem Weg zur digitalen Gesellschaft?  Im guten Mittelfeld. Dem Monitoring Report Digital des Wirtschaftsministeriums zufolge rangiert Deutschland im Bereich der Digitalisierung auf dem sechsten Platz. Auch die Gesellschaft steht der Digitalisierung positiv gegenüber und sieht vor allem die Chancen, die sie bietet.

Wo liegen Deutschlands Stärken im internationalen Vergleich?  Deutschland ist stark im Bereich Industrie 4.0. Wir nutzen Informations- und Kommunikationstechnik stark, um Prozesse zu verbessern und neue Produkte anzubieten. Industrie 4.0 ist ein Begriff, der in Deutschland geprägt wurde und von hier in die Welt gegangen ist.

Wo besteht hingegen noch Handlungsbedarf?  Wir müssen den Mittelstand auf den Weg zur Digitalisierung mitnehmen und mit gutem Beispiel zeigen, wie es machbar ist. Außerdem sollten wir uns neben der Digitalisierung der Prozesse auch Gedanken machen, wie wir die Digitalisierung für neue Geschäftsmodelle nutzen können. Zum Beispiel datenbasierte Geschäftsmodelle im Stadtumfeld: Wir können die Daten, die uns zur Verfügung stehen, nutzen, um den Besuchern in Städten beispielsweise zu zeigen, wo freie Parkplätze zu finden sind.

»Wir müssen den Mittelstand auf den Weg zur Digitalisierung mitnehmen.«

Was braucht Deutschland, um diesen Weg zu gehen?  Wir müssen dafür sorgen, dass die Mitarbeiter qualifiziert und die Bürger geschult sind, mit diesen neuen Technologien umzugehen.

Beides braucht Personal, es besteht also großer Bedarf an IT-Nachwuchs?  Ja, viele Umfragen zeigen, dass die Haupthemmnisse der Digitalisierung auf den Mangel an qualifiziertem Personal zurückzuführen sind.

Inwiefern sehen Sie hier die Hochschulen in der Pflicht?  Zum einen würde ich mir eine praxisnahe Ausbildung der Studierenden wünschen. Zum anderen muss aber auch die Interdisziplinarität gefördert werden. Studierende dürfen sich nicht nur auf die Informationstechnik konzentrieren, sondern müssen auch die Anwendungsbereiche kennenlernen. Denn im Job müssen sie in Projekten mit vielen Leuten aus unterschiedlichen Bereichen zusammenarbeiten. Diese müssen sich untereinander verstehen, damit sie für Probleme gemeinsam eine Lösung erarbeiten können.

Was sollten IT-Absolventen neben interdisziplinärem Verständnis noch mitbringen?  Ein zweiter wichtiger Punkt ist die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen. Aufgrund der neuen Technologien sollten sie sich eine gewisse Neugier erhalten und Spaß daran haben, Neues auszuprobieren.

Wie können sich Studierende bereits über das Studium hinaus auf die Anforderungen der Digitalisierung vorbereiten?  Projektarbeit ist hilfreich, um praktische Erfahrungen zu sammeln: So erleben sie, wie die Zusammenarbeit mit anderen funktioniert. Die Inhalte sind hierbei nur die eine Herausforderung. Wichtig ist außerdem, zu erkennen, wie die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Auftraggebern und Kollegen, die unterschiedliche Standpunkte einnehmen, funktioniert.

»Wir müssen dafür sorgen, dass die Mitarbeiter qualifiziert und die Bürger geschult sind, mit den neuen Technologien umzugehen.«

Sie haben selbst Informatik studiert – warum haben Sie sich als junge Frau für diese Männerdomäne entschieden?  Damals war die Informatik etwas Neues und hat mich einfach interessiert, weil sie so viele Anwendungsbereiche eröffnet.

Hatten Sie es als Frau schwerer als die Männer in Ihrem Studiengang?  Ich habe keine Unterschiede festgestellt. Umso bedauerlicher finde ich es, dass so wenige Frauen diesen Studiengang wählen. Der Frauenanteil der Studienanfänger liegt zwar bei 25 Prozent, lediglich 17 Prozent schließen jedoch das Studium ab. Das bedeutet dann natürlich auch, dass es wenige weibliche Bewerber auf dem Arbeitsmarkt gibt.

Wie könnten wir mehr Frauen für vermeintlich männerdominierte Studiengänge motivieren?  Es müsste mehr Vorbilder geben. Deshalb engagiere ich mich in der Female Patronage Group im Rahmen des Karrier-Events für Frauen women&work. Wir sind eine Gruppe von Frauen mit verschiedenen Lebensläufen, die in der europäischen und Bundespolitik aktiv sind, akademische Laufbahnen eingeschlagen haben oder führende Positionen in Unternehmen besetzen. Somit können wir zeigen, welche Möglichkeiten es gibt. Außerdem sollten wir klarstellen, dass die Informationstechnik nicht bedeutet, im stillen Kämmerchen zu programmieren, sondern ganz im Gegenteil Kommunikation und Interaktion mit vielen Personen einen Großteil der Arbeit ausmachen.

Welchen Rat können Sie abschließend allen Frauen geben, die in der IT-Branche Karriere machen möchten?  Sie sollten überlegen, was ihnen Spaß macht und auf die eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten bauen, Neues ausprobieren und Erfahrungen sammeln. Wichtig ist, die Chancen zu nutzen, die sich einem bieten.


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