Foto: Bjorn Snelders/Unsplash

Weltengänger: Arbeiten als Wirtschaftsinformatiker

Wenn Ökonomen das eine, ITler aber das andere wollen, müssen Wirtschafts- informatiker vermitteln.

»Die Wirtschaftsinformatik erfüllt die gesellschaftliche Aufgabe, die Produktivität der Volkswirtschaft durch zunehmende Automation zu erhöhen, und wirkt dadurch letztlich wohlstandsmehrend«, heißt es in der Enzyklopädie der Wirtschaftsinformatik. Ein Satz aus berufenem Munde, denn er stammt von Peter Mertens, der bis 2005 den entsprechenden Lehrstuhl an der Uni Erlangen-Nürnberg inne hatte und als einer der ›Gründerväter‹ der Wirtschaftsinformatik in Deutschland gilt.

Bei der Universität Mannheim betont man, dass kaum ein wirtschaftlicher Prozess heute noch ohne den Einsatz von Computern auskäme. Der Punkt, an dem die Wirtschaftsinformatik ansetzt und der zugleich ihren hohen volkswirtschaftlichen Wert erklärt. Die Wurzeln des Fachs reichen zurück bis in die 1950er Jahre, als erste EDV-Anwendungen und -Lehrveranstaltungen in die betriebswirtschaftliche Lehre integriert wurden. Heute ordnet sich die Wirtschaftsinformatik irgendwo ein zwischen den Disziplinen Informatik und BWL, Ingenieurs- und Verhaltenswissenschaften. Weil sich durch die Interdisziplinarität immer wieder Schnittmengen mit verwandten Fächern ergeben, finden auch immer wieder Quereinsteiger ihren Weg in die Wirtschaftsinformatik, ob nun in Theorie oder in der ohnehin nicht klar umrissenen Praxis.

Peter Nicolai etwa ist kein studierter Wirtschaftsinformatiker. Dennoch übt er einen Beruf aus, den man ohne zu lügen als den eines Wirtschaftsinformatikers bezeichnen könnte. Der 27-Jährige ist Absolvent der Chemischen Biologie an der TU Dortmund und arbeitet heute als Technology Specialist für den IT-Dienstleister Computacenter. Der unterstützt seine Kunden bei allerlei IT-Projekten »von der Projektplanung bis hin zur Implementierung von IT-Lösungen«, erklärt Nicolai. Rund 5.000 Mitarbeiter beschäftigt Computacenter dafür in Deutschland, und einer von ihnen ist Nicolai.

Zu Computacenter kam er als Trainee. Fachfremd zwar, dafür aber mit einem schon immer ausgeprägten vielseitigen Interesse. Als er Computacenter auf einer von ihm mitorganisierten Kontaktmesse kennenlernte, gefielen ihm Unternehmenskultur, Kollegen und: die gebotenen beruflichen Möglichkeiten. Er entschied sich deshalb für einen Quereinstieg, durchlief das sechsmonatige Traineeprogramm und ist heute als Technology Specialist dafür zuständig, bestimmte Anwendungen und Programme, die für einen Kunden entwickelt wurden, bei diesem auch umzusetzen. Sein Beruf habe viel mit Kundenkontakt und generell mit Kommunikation zu tun – auch die mit den eigenen Kollegen. Die IT-Beratung sei sehr dynamisch, schon allein wegen der sehr kurzlebigen technischen Trends und Standards. Und generell, so Nicolai, habe sein Beruf eben eine technische und eine kaufmännische Seite. Wie die Wirtschaftsinformatik eben.

Dieses Fach tatsächlich studiert hat Jan-Peter Wohlers. Wohlers ist beinahe Wirtschaftsinformatiker von Berufung, schon in der Schulzeit machte sich der 33-Jährige mit der Betreuung von IT-Systemen selbstständig. Nach dem Abitur schrieb er sich an der FH Wedel für den Studiengang Wirtschaftsinformatik ein, den er 2008 mit dem Diplom zu einem erfolgreichen Ende brachte. Beruflich führte ihn sein Weg zu Tesa, das für seine Klebebänder bekannte Unternehmen mit Sitz in Hamburg. »Die Studienordnung sah gegen Ende des Studiums ein Praxissemester vor«, erzählt Wohlers, wie es dazu kam. »Bei der Suche nach einem geeigneten Unternehmen ergab sich über Bekanntschaften die Möglichkeit, dieses bei Tesa zu absolvieren. Nach einem kurzen Bewerbungsgespräch war klar: das passt.« Weil es passte, schrieb Wohlers auch seine Diplomarbeit im Unternehmen, das ihm dafür die Möglichkeit gab, in einem großen Projekt mitzuarbeiten. Noch ehe die Arbeit abgegeben war, kam das Angebot, in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übernommen zu werden. Wohlers sagte zu.

Inzwischen ist der 33-Jährige IT Business Process Consultant und berät als solcher »die internationale Forschung und Entwicklung der Tesa SE«. Vier Jahre lang war Wohlers zuvor im IT Development tätig, wo er sich vor allem mit der Softwareentwicklung in den Programmiersprachen Java und ABAP beschäftigte – »inklusive der Begleitung eines SAP-Rollouts in der Region Südostasien als verantwortlicher Entwickler«, wie er anmerkt.

Demgegenüber stehen Programmierung und Entwicklung weit weniger im Fokus seiner jetzigen Tätigkeit als Prozessberater, obwohl ihm seine Kenntnisse natürlich helfen zu beurteilen, ob und mit welchem Aufwand IT-Systeme in bestimmten Abteilungen implementiert werden können. Darüber nämlich berät Wohlers als Prozessberater mit vielen verschiedenen Kollegen, er vermittelt dabei zwischen den Anforderungen der Fachabteilungen und den Möglichkeiten der IT. Ohne Verständnis der wirtschaftlichen Zusammenhänge und der IT-Systeme könne er eine solche Brücke nicht schlagen, sagt Wohlers. »Eine effektive Forschung und Entwicklung lebt nicht nur von guten Ideen, sondern muss auch wirtschaftlich sein.« In gewisser Weise bewegt sich Wohlers also wie sein Fach zwischen den Welten.

Um das zu können, müsse er vor allen Dingen analytisch denken können, sagt er. Er muss in der Lage sein, sprachliche Beschreibungen von Abläufen in grafische Diagramme übersetzen zu können und die Schwachpunkte von Prozessen zu erkennen. »Dabei muss man auch über den Tellerrand schauen können und die Sprache der Fachabteilung sprechen.«

Wer eine ähnliche Laufbahn wie Wohlers einschlagen will, sollte, rät Wohlers, »immer ein wenig Zeit für einen Blick zur Seite haben. Die Entwicklungen in der IT sind so schnell, dass man sich von heute auf morgen in ganz neuen Herausforderungen wiederfinden kann«. Auch wichtig: ein hoher Praxisbezug während des Studiums. Und sei es über eine Tätigkeit als Werkstudent. Nur so könne man schon früh Methoden erlernen, Erfahrungen sammeln und erste Einblicke in die Wirtschaftswelt gewinnen. »Man sollte unvoreingenommen auf Jobsuche gehen«, gibt Peter Nicolai außerdem vor allem jenen mit auf den Weg, die wie er auf eine scheinbar nicht ganz den Anforderungen der Branche entsprechende universitäre Laufbahn zurückblicken. »Hätte man mich nach meinem Abschluss nach einer Karriere in der IT-Branche gefragt, hätte ich nur meinen Kopf geschüttelt«, erzählt Nicolai. »Aber oft verbergen sich hinter vermeintlich langweiligen und für einen persönlich auf den ersten Blick unpassenden Unternehmen tolle Möglichkeiten.«


Anzeige

Anzeige