Vernetzte Männchen

Wirtschaftsinformatiker im IT-Projektmanagement

Sie können BWL, sie können IT, sie können koordinieren und kommunizieren. Wie geschaffen fürs IT-Projektmanagement: Winfos

Montag morgen und mal wieder sitzt Sabine Wagner in ihrem Auto, um die 45 Minuten zur Arbeit zu fahren. Die studierte Diplom-Wirtschaftsinformatikerin, die ihren Abschluss an der Universität Mannheim gemacht hat, ist mittlerweile als ›Junior Expert‹ bei der Dcon Software AG tätig. Den langen Arbeitsweg nimmt sie vor allem wegen der tollen Teamatmosphäre in Kauf: »Die Interaktion innerhalb des Qualitätssicherungs-Teams, aber auch mit den Kollegen von der Entwicklung oder dem Design macht mir am meisten Spaß.«

In ihrer Position ist Sabine für die Qualitätssicherung von IT-Projekten zuständig. Hierbei beschäftigt sie sich mit den unterschiedlichsten Features:

»Ein Beispiel für ein konkretes Feature ist die automatische Archivierung von Inbox-Nachrichten. Ein User besitzt im IT-Service-Provisioning-System (IT-SPS) eine Inbox. IT-SPS ist der Name unserer Standardsoftware, die wir entwickelt haben. Mit Hilfe dieser Software lassen sich IT-Prozesse abbilden, optimieren und automatisieren. An die Inbox werden nun die Nachrichten für den User geschickt. Das neue Feature erweitert die Inbox um eine automatische Archivierung aller Nachrichten, die älter als drei Monate sind. Wenn ein Kunde ein neues IT-SPS wie die automatische Archivierung wünscht, wird das Feature zunächst in einem Anforderungsdokument beschrieben. Das Dokument beschreibt, was das Feature leisten soll und wie der Kunde es verwenden möchte.«

Hierauf wird das Projekt zunächst einem anderen Team übergeben:

»Das Team Design setzt dieses Anforderungsdokument in ein Erweiterungsdokument um, welches beschreibt, wie das Feature umzusetzen ist. Es dient als Grundlage für die Implementierung durch die Entwickler, aber auch für die Testspezifikationen. Nach der Umsetzung des Features durch die Entwicklung wird es von der Qualitätssicherung auf Basis der zuvor erstellten Testspezifikation getestet. Werden Fehler oder Abweichungen zum Erweiterungsdokument gefunden, werden diese von der Entwicklung korrigiert«, erzählt Sabine. »Erst wenn das Feature fehlerfrei getestet wurde, wird es für die Auslieferung an den Kunden freigegeben. Dieser Auslief­erungstermin heißt im Fachjargon Release und Sabine hat als Junior Expert bereits eigene Projekte und Releases, für welche sie die alleinige Verantwortung trägt. »Die Aufgaben sind abwechslungsreich. Jedes neue Release stellt einen vor neue Herausforderungen.« Um diesen Anforderungen und Herausforderungen gerecht zu werden, hält sich Sabine an einen wohl durchdachten Ablauf im Berufsalltag:

»Ich lese Erweiterungsdokumente, welche die neuen umzusetzenden Features von IT-SPS beschreiben. Danach erstelle ich Testspezifikationen zu neuen Features, welche genau beschreiben, wie dieses Feature zu testen ist. Welche Aspekte müssen in einem Einmaltest getestet werden? Welcher Aspekt wird in Zukunft Bestandteil eines Testszenarios, der für jedes neue Release im Zuge eines Gesamttests ausgeführt wird? Zudem kläre ich offene Punkte oder Fragen zu den Erweiterungen mit dem Team Design, erstelle Testdaten und Testszenarien und checke, welche neuen Features zwischenzeitlich von den Entwicklern umgesetzt wurden beziehungsweise welche Bugs behoben wurden. Anschließend teste ich die neuen Features gemäß Testspezifikation und der Bugfixes.«

Dabei ist die Qualitätssicherung eng mit den Abteilungen Design und Entwicklung verzahnt. Diese Zusammenarbeit mit Kollegen aus unterschiedlichsten Disziplinen erfordert neben den fachlichen Kenntnissen vor allem die Fähigkeit, sich in neue Themen einzuarbeiten und ein fundiertes Verständnis für diese zu erlangen. Wie wichtig die akribische Planung von IT-Projekten ist, beweist außerdem eine Studie der Standish Group. So sind im Jahr 2010 insgesamt 24 Prozent aller IT-Projekte gescheitert oder abgebrochen worden. Lediglich 32 Prozent waren rundum erfolgreich. Zwischen diesen beiden Ex­tremen finden sich Vorhaben, die in erheblichem Maße die vorgegebenen Kosten überschritten sowie Zeit- und Qualitätsziele verfehlt haben.

Die schlechte Abschlussquote von Projekten ist jedoch kein Grund zur Sorge für Absolventen in puncto Einstiegschancen. Kann man wie Sabine mit technischem Know-how und Engagement punkten, gibt es viele attraktive Einstiegschancen.

»Die Nachfrage von Unternehmen, die sich bei unseren Studenten präsentieren wollen, ist sehr groß – und ich habe das Gefühl, dass diese Nachfrage steigt«, berichtet Professor Bernd Hellingrath vom Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und Logistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. »Wir haben unter unseren 200 Absolventen der letzten zwei Jahre eine Befragung gestartet. Das Ergebnis: Alle haben schnell einen Job in der Wirtschaftsinformatik gefunden und fühlen sich damit sehr wohl«, referiert Prof. Dr. Hellingrath.

Aktuell gibt es in der freien Wirtschaft 18.000 offene Stellen im IT-Markt und weitere 90.000 Stellen sollen geschaffen werden, berichtet der VDI. Vor allem im Projektmanagement kommt es nicht ausschließlich auf Überflieger-Abschlussnoten und roadrunner-schnelle Abschlüsse an, damit man auf eine gute Anstellung hoffen kann. Für Wirtschaftsinformatiker bei Dcon Software zählen noch andere Faktoren, weiß Kirsten Schäfer-Herrmann, Personalreferentin des Unternehmens:

»Sehr gute Noten sind für uns nicht unbedingt wichtig, allerdings sollte man bei sehr langer Studiendauer, mäßigen Noten und fehlenden Praktika schon eine gute Begründung parat haben. Um sich bei uns wohlzufühlen ist außerdem eine ausgeprägte Teamfähigkeit Voraussetzung. Aufgrund unserer Größe arbeiten wir sehr eng zusammen, daher ist es wichtig, dass alle an einem Strang ziehen.«

Und sie ergänzt: »Bewerber sollten über ein abgeschlossenes Hochschulstudium und erste Erfahrung im gewünschten Tätigkeitsbereich, durch Praktika oder Werkstudententätigkeiten, verfügen.« Das Unternehmen hat seit Jahresbeginn 20 neue Mitarbeiter eingestellt und sucht auch weiterhin gutes Personal. Absolventen sind gern gesehen. Vor allem suchen sie Wirtschaftsinformatiker und Informatiker, die in den Bereichen Softwareentwicklung, IT-Beratung und -projektmanagement oder Requirements Engineering arbeiten möchten. Auch im Bereich System Design und Software Support warten einige Jobangebote auf dich.

»Die Einstiegschancen im nächsten Jahr werden ähnlich gut sein, wir wollen und werden auch weiterhin wachsen. Generell kann man Absolventen Mut machen: Sowohl in der Beratungsbranche als auch im Bereich IT/Softwareentwicklung stehen die Chancen momentan sehr gut«, berichtet Schäfer-Herrmann.

Als heißen Tipp gibt Schäfer-Herrmann Bewerbern mit auf den Weg, was Mutti dir bereits seit Jahren predigt: Ordnung ist das halbe Leben, denn »eine saubere, fehlerfreie Bewerbung, bei der man merkt, dass sich jemand Mühe gegeben hat, ist schon die halbe Miete. Wichtig ist dabei auch, das Unternehmen und die Ansprechpartner richtig zu ­schreiben. Eine Bewerbung sollte dabei aus Anschreiben, Lebenslauf und relevanten Zeugnissen bestehen. Sofern noch kein Abschlusszeugnis erstellt wurde, ist ein aktueller Notenauszug die Alternative.«

Und sie erinnert daran: »Aus dem Lebenslauf muss erkennbar sein, was der Bewerber bisher studiert oder gearbeitet hat, was die Inhalte des Studiums oder der Vertiefungen waren, und welche Tätigkeiten im Praktikum beziehungsweise in einer Nebentätigkeit ausgeführt wurden. Idealerweise bezieht sich der Bewerber in seinem Anschreiben auf unsere Anforderungen und begründet damit, warum wir ihn unbedingt kennen lernen wollen.«

Die Arbeit im Projektmanagement ist, wie der Name verrät, projektgebunden. So kannst du mit einer 40-Stunden-Woche rechnen, musst jedoch auch Überstunden in Kauf nehmen, um Abgabefristen einzuhalten. Sabine macht das nichts aus, nur das mit der Wohnung näher an der Arbeitsstelle – das überlegt sie sich vielleicht nochmal.


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