Bioinformatik: Gehalt, Jobs und Beruf

Bioinformatiker entwickeln IT-Werkzeuge zur Erfassung der immer größer werdenden Datenfl ut in Forschung und Entwicklung

Bioinformatiker sind Übersetzer

Foto: cydonna (photocase.com)

»In der Krebsforschung an vorderster Front mit dabei zu sein – das ist schon aufregend!«

Natalie Jäger bereitet in ihrem Job zwar ausschließlich Daten am Rechner auf, doch damit leistet die 30-Jährige einen entscheidenden Beitrag im Kampf der Medizin gegen den Krebs. Denn die Bioinformatikerin ist am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg damit beschäftigt, die Abfolge der DNA-Basen in Krebsgenomen mit jener in gesunden Genomen zu vergleichen.

»Wir analysieren sozusagen die genetische Ursache von Krebs. Das sind ungeheure Datenmengen, die wir mit der modernen Hochdurchsatz-Sequenzierung in den Griff bekommen«, berichtet Natalie Jäger. »Eine Aufgabe, die heute ohne qualifi zierte Bioinformatiker nicht zu leisten wäre.« Die DKFZ-Forscherin genießt die Arbeit am Computer, denn im Labor habe sie »zwei linke Hände«.

Bioinformatiker sind heiß begehrte Fachkräfte

Informatiker mit molekularbiologischen Kenntnissen wie Natalie Jäger sind im Zeitalter der Gentechnik heiß begehrte Fachkräfte. Denn die riesigen Datenmengen des menschlichen Erbguts sind ohne den Einsatz informationstechnischer Methoden nicht mehr zu entschlüsseln. Biowissenschaftliche Forschungsinstitute lecken sich die Finger nach ausreichend kompetenten IT-Experten. Auch in der Wirkstoffforschung sind biologisch orientierte Computerfachleute unverzichtbar, um neue Medikamente zu entwickeln.


zitat Andreas StaublEigentlich wollte Natalie Jäger zunächst Medizin studieren, doch die schlechten Arbeitsbedingungen junger Ärzte schreckten sie ab. Während eines USA- Aufenthaltes kam sie erstmals mit der Bioinformatik in Kontakt.

»Am National Institutes of Health in Maryland konnte ich mir einige Vorträge anhören und war schnell vom Zukunftspotential dieses Fachgebiets überzeugt«, berichtet Jäger, die am DKFZ seit 2010 an ihrer Dissertation arbeitet. »Heute ist die Nachfrage nach Bioinformatikern in Forschung und Industrie riesig. Insofern habe ich die richtige Entscheidung getroffen.«

Bioinformatiker müssen sich in zwei Bereichen auskennen, die eigentlich recht konträr sind: der technischen Informatik und der ergebnisoff enen Biologie. In der Praxis fassen sie Ergebnisse der Biologie derart in Modelle, dass ein Rechner sie erfassen kann. Für diesen Job begeistern sich in der Regel nur wenige Studienanfänger: So waren im Wintersemester 2010/11 an deutschen Universitäten rund 1.700 Studierende im Fach Bioinformatik eingeschrieben – gegenüber über 45.000 reinen Informatikern. Die Folge: Viele kommen als Quereinsteiger aus Mathematik, Biologie oder reiner Informatik in die entsprechenden Jobs, zum Beispiel in der Genom- und Arzneimittelforschung oder in der Zell- und Molekularbiologie.

 

Arbeitsmarkt für Bioinformatik

»Die aktuelle Arbeitsmarktlage in der Bioinformatik würde ich als gut einschätzen«, bilanziert Prof. Dr. Antje Krause vom Fachbereich Bioinformatik an der FH Bingen. Da die Bioinformatik noch immer ein recht wissenschaftlich geprägtes Fachgebiet sei, gingen viele Studierende den Weg über Bachelor und Master bis zur Promotion und dann in die Forschung.

 

»Daneben wächst aber auch der Arbeitsmarkt für Bachelor- und Masterabsolventen zum Beispiel in Biotechnologiefi rmen, bei Softwaredienstleistern und in Kliniken«, weiß Bioinformatik-Professorin Krause. Aufgrund ihrer interdisziplinären Arbeitsweise hätten Bioinformatiker aber auch in anderen auf den ersten Blick eher fachfremden Bereichen gute Chancen, zum Beispiel im Consulting.

So klagt auch Andreas Staubi, Vorstand der a-tune Software AG, über den leergefegten Bioinformatiker-Markt: »Wir haben allein in den letzten drei Monaten bereits zwei neue Mitarbeiter in diesem Bereich eingestellt und suchen weiterhin. Allerdings sind beide Neueinstellungen keine Bioinformatiker – weil sich keine beworben haben!« Der Mittelständler a-tune Software entwickelt unter anderem IT-Lösungen für Pharmaunternehmen.

Was macht ein Bioinformatiker?

So entwickelt Stefan Schell ein Werkzeug zur Datenerfassung, mit dem Pharmaunternehmen Testergebnisse über die Auswirkungen von Temperaturschwankungen auf Arzneimittel ablesen können. »Wenn ein Hersteller einen Wirkstoff nach Nordeuropa exportieren will, muss er vorher testen, ob sich dieser Wirkstoff bei niedrigen Temperaturen verändert«, erzählt der Bioinformatiker. »Ich schätze an meinem Beruf sehr, an der Schnittstelle zwischen Technik und Naturwissenschaft tätig zu sein und viel Kundenkontakt an unterschiedlichen Orten zu haben.« Dem Nachwuchs rät Stefan Schell, sich laufend über den aktuellen Stand von Forschung und Technik zu informieren. Das sei für den Erfolg in der Bioinformatik unerlässlich.

Ein weiterer Grund für den boomenden Jobmarkt für Bioinformatiker:

zitat Antje KrauseIndividuelle Laboruntersuchungen, zum Beispiel in der Gendiagnostik, werden immer kostengünstiger, produzieren jedoch immer größere Datenmengen, sodass sich Diagnose und Entwicklung einer Behandlungsstrategie immer mehr an den Computer verlagern. Experten gehen deshalb davon aus, dass sich der Bedarf an qualifizierten Bioinformatikern in Industrie und Forschung, in der Medizin, Pharmazeutik und Genetik in Zukunft noch weiter steigern wird.

»Neben den fachlichen Qualifikationen müssen Bioinformatiker in der Lage sein, Fragestellungen aus der Biologie und der Medizin zu verstehen und in Lösungen mit Methoden aus der Informatik und Mathematik umzusetzen«, fasst Professor Antje Krause von der Fachhochschule Bingen zusammen. »Dies erfordert Kommunikationsfähigkeit, Lernfähigkeit, logisches Denkvermögen und Abstraktionsvermögen.«

 

Bioinformatik Studium

Ausbildungs-Pionier auf dem Gebiet war übrigens die Universität Bielefeld, die einst den ersten Studiengang Bioinformatik auf dem Programm hatte, damals noch unter dem Namen ›Technische Informatik‹. Inzwischen ist das Angebot gewachsen: So bietet die Fachhochschule im oberbayerischen Weihenstephan einen Studiengang an, der sich wegen der stark landwirtschaftlichen Ausrichtung der Hochschule mit bioinformatischen Fragestellungen bei Mikroorganismen beschäftigt.

a-tune Vorstand Andreas Staubi rät in jedem Fall:

»Studieren Sie in allererster Linie für sich und nach Ihrer Interessenlage und nicht danach, was irgendwelche Experten gerade als vermeintlich wichtige Anforderung für die zukünftige Karriere sehen.«

Natürlich sollte das einigermaßen zielgerichtet passieren, aber gesammelte Erfahrungen durch Auslandsaufenthalte, Praktika und vor allem Arbeitserfahrungen seien wichtiger als Details der Studieninhalte. Doch dann setzt der verzweifelt nach Bioinformatikern suchende Unternehmer noch hinzu: »Mein wichtigster Tipp: Bewerben Sie sich!«


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