Foto: DFKI

KI: Smart in die Zukunft

Künstliche Intelligenz ist auf dem Vormarsch. Das weiß keiner besser als Prof. Dr. Dengel. Im interview spricht er über Trends und Jobs für ITler

Herr Prof. Dr. Dengel, welche Trends gibt es aktuell in der Künstlichen Intelligenz (KI)?

Es gab in den letzten Jahren einen großen Erfolg im Bereich Machine und Deep Learning, den auch die Medien stark beachtet haben. Beispielsweise der Go-spielende Algorithmus Alpha-Go von Google oder Tischtennis spielende Roboter. Der Trend begründet sich auch auf vielfältig verfügbare Daten und leistungsstarke neue Hardware-Architekturen. Diese drei Faktoren beschleunigen sich gegenseitig und damit auch alle Entwicklungen in der KI. Aktuell werden datengetriebene Technologien mit modellbasierten Ansätzen kombiniert. Zum Beispiel fließen Zeit, Ort, Aufgabe, soziales Umfeld oder Maschinenmodelle als Kontextinformation in datengetriebene Lernverfahren ein. Ein weiterer Trend ist es, Entscheidungen tiefer neuronaler Netze erklärbar zu machen. Bei einem autonom fahrenden Auto ist es etwa interessant zu wissen, aufgrund welcher Daten das trainierte System entschieden hat, auf einen Kinderwagen statt auf ein parkendes Auto auszuweichen.

Wo gibt es derzeit den größten Bedarf an Fachkräften?

In allen Bundesländern laufen gerade KI-Initiativen. KI kann auch als ›künftige Informatik‹ verstanden werden, denn immer mehr Professoren- und Mitarbeiterstellen werden mit KI-Schwerpunkten ausgeschrieben. Das betrifft viele Standorte in Deutschland. Dabei ist es schwer, im Arbeitgeberwettbewerb mit den Besten mitzuhalten, denn gut dotierte Stellenangebote gibt es überall, vor allem in den USA und China. An allen DFKI-Standorten bauen wir auf ein etabliertes KI-Portfolio, große Erfahrung und ein Netzwerk mit der Industrie. Einige Partner investieren auch in unsere KI-Start-ups, wobei sie gleichzeitig als Kunde, Vertriebskanal und Investor agieren. Grundsätzlich sind Unis mit Netzwerk und guten Kanälen in die Industrie am erfolgreichsten.

Welche Nachfrage hat die Wirtschaft an sich nach KI-Spezialisten?

Die Industrienachfrage ist das zweite Segment im Markt für KI-Fachleute. Während die KI-Anwendungen in den USA mehr aus dem Consumer-Umfeld stammen, wird KI bei uns hauptsächlich in der industriellen Produktion gebraucht. Sie wächst am stärksten. Alle großen Unternehmen, vor allem im Maschinenbau, suchen händeringend nach KI-Spezialisten. Der Trend geht hin zur Gründung von Labs. Alleine in Kaiserslautern haben in den letzten 18 Monaten vier namhafte Unternehmen Transferlabs gegründet, die auch gut ausgebildete Fachkräfte übernehmen möchten.

Welche Branchen brauchen außerdem Nachwuchskräfte aus der Künstlichen Intelligenz?

Aus der Historie wird KI bei uns hauptsächlich in der industriellen Produktion gebraucht, aber auch in Bereichen wie Automotive, Landwirtschaft, Medizin oder Pharma besteht eine große Nachfrage nach Experten – im Prinzip in allen Bereichen, wo Daten anfallen und smarte Produkte nachgefragt werden. Im Bereich Mobilität geht es etwa nicht nur um autonomes Fahren, sondern auch um andere Bereiche, wo Sensortechnologien eine Rolle spielen. Ein anschauliches Beispiel wäre ein Bus im Nahverkehr: Jeder Busfahrer bekommt ein Smartphone gestellt, das er mit zur Arbeit nimmt. Das Smartphone liegt in der Ablage neben dem Fahrer und misst nebenbei über seine Sensoren, wie viele Menschen einsteigen, wie der Straßenzustand ist, der Verkehrsfluss und die Pünktlichkeit an den verschiedenen Werktagen.

Wie sieht es mit Start-ups aus? Gibt es in der KI genug Potenzial für sie?

Ja, auch Start-ups erleben gerade eine Beschleunigung. In Kaiserlautern und im Umfeld haben wir eine für Deutschland lebhafte Gründerszene. Aus dem DFKI heraus wurden mehr als 90 Start-ups gegründet, was zu einigen Tausend Arbeitsplätzen geführt hat. Ich begleite das seit 25 Jahren als Mentor und betreue gerade wieder eine Handvoll neuer Start-up-Projekte im Vorfeld einer Gründung. Die jungen Leute merken, dass es am Markt große Nischensegmente gibt, in denen sich KI-Technologien im Wirtschaftsumfeld umsetzen lassen. Ich versuche, meine Erfahrung weiterzugeben und diskutiere mit den Gründern, wie sie ihr Unternehmen am besten am Markt platzieren könnten.

Welche Grundlagen müssen Gründer kennen und welche Kompetenzen sollten sie mitbringen?

Eine solide mathematische Ausbildung spielt eine große Rolle, aber auch Logik, Statistik oder Psychologie sind wichtige Gebiete. Wesentlich ist es, wichtige Programmierkonzepte zu kennen, vor allem objektorientierte Methoden. Python, Java, aber auch C oder C++ sind wichtige Programmiersprachen. Hinzu kommen Anwendungen verschiedener Programmbibliotheken, wie TensorFlow, Caffee oder PyTorch, mit denen KI heute so leicht anwendbar wird wie nie zuvor. Aber das Anwenden allein reicht nicht: Gründer müssen auch verstehen, wie sie die Tools einsetzen, neuronale Topologien entwickeln und diese sinnvoll trainieren können. An der TU Kaiserslautern haben wir einen Lehrschwerpunkt ›Intelligente Systeme‹. Über 70 Prozent aller eingeschriebenen Masterstudenten belegen diesen Schwerpunkt. Dabei haben wir das Glück, dass wir breit aufgestellt sind und das ausgeprägte Forschungs- und Projektumfeld in die Ausbildung mit einbeziehen können. Viele Studenten arbeiten als Hiwis bei den DFKI-Projekten mit.

Welche sozialen Kompetenzen sind wichtig? Sind auch ›KI-Nerds‹ gefragt?

Es gibt ganz unterschiedliche Typen, unter den Studierenden wie bei den Mitarbeitern am DFKI. Manche haben Stärken im Sinne eines ›Nerds‹, die unbezahlbar sind, wobei neben solchen Dimensionen bei jedem Bewerbergespräch die Sozialkompetenz mindestens ebenso wichtig ist. Jedes Ökosystem lebt von der Vielfalt. Auch wir profitieren davon, dass wir an unserem Institut viele Doktoranden, Studierende und Promovierte aus dem Ausland haben. Auch beim Management dieser Vielfalt ist soziale Kompetenz wichtig.


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