Computerlinguisten sind in Zeiten von Alexa und Co. gefragt. Foto: @nativemello/unsplash

So arbeiten Computerlinguisten

Mensch und Maschine: Damit sie sich gut verstehen, müssen Computerlinguisten Hand anlegen

Spiel Musik, die mir gefällt«, sagt meine Freundin Eileen zu diesem kleinen Kasten auf ihrem Wohnzimmerschrank. Der reagiert prompt – mit einer Playlist genau nach ihrem Geschmack. Das hätte ich als ihre langjährige Freundin nicht besser hinbekommen. Die digitale Assistentin weiß genau, welche Songs Eileen gerne hört, denn sie lernt bei jedem Titel, der ausgewählt wird, dazu. Siri, Alexa, Cortana, Nina und wie sie alle heißen, werden durch künstliche Intelligenz gesteuert. Damit sie ihren Nutzern die Wünsche nahezu von den Lippen ablesen können, tüftelnds Computerlinguisten an der Schnittstelle Mensch-Maschine.  

Dort arbeiten Computerlinguisten: Forschung

Ein typischer Arbeitgeber für Computerlinguisten: Die universitäre oder institutionelle Forschung. Der Bereich Experimentelle Phonetik etwa behandelt die Verarbeitung und Analyse gesprochener Sprache. »Siri, Alexa und Co. basieren auf Spracherkennung, -verstehen und -synthese. In Smart Home, Smart Car und in der Industrie 4.0 wird die interaktive Sprachsteuerung immer wichtiger. Die Analyse und Generierung natürlicher Sprache ist hier der Knackpunkt,« erläutert Heike Zinsmeister, Vorsitzende der Gesellschaft für Sprachtechnologie und Computerlinguistik. Der Trend geht in der Computerlinguistik klar zur KI: »Wie in fast allen Bereichen werden auch hier gerade bessere Ergebnisse durch neuronale Methoden erreicht.«

Dort arbeiten Computerlinguisten: Industrie

Neben der Forschung hat auch die Wirtschaft das Thema für sich entdeckt und stellt Computerlinguisten ein. Verschiedene Services im Bereich Voice Interfaces bietet etwa der IT-Dienstleister Datagroup an. »Wir automatisieren wiederholbare Prozesse über Chat Bots, virtuelle Assistenten oder IVR-Sprachportale. Unser Leistungsspektrum ist sehr vielfältig und umfasst strategische Beratung, Analyse wie Konzeption. Darüber hinaus bieten wir Dialog- und Call-Flow-Spezifikation, Voice User Interface Design, Sound Design, Frontend- und Backend-Entwicklung sowie den Betrieb und das Hosting von Sprachanwendungen an«, erzählt Stefan Dreher, Prokurist bei Datagroup. Neben der Spracherkennung ist vor allem das Thema Sprachausgabe spannend. »Eine gute Prosodie, also zum Beispiel die Aussprache von Abkürzungen sowie die korrekte Ausgabe zusammengesetzter oder fremdsprachiger Worte, entscheidet über die Qualität der Nutzererfahrung«, so der Voice Interface-Experte. Die Integration von KI und lernenden Systemen beschreibt Dreher als die aktuell größte Herausforderung.

Die Computerlinguisten der Datagroup konzipieren und implementieren Virtuelle Assistenten und Bots auf Basis von modernen Assistenten. »Zum Job gehören die Prozessanalyse, die Erstellung von Spezifikationen, die Entwicklung von Grammatiken und Sprachdialogen, Durchführung von Testing- und Tuning-Maßnahmen sowie das Design von Persona- und Audiodaten«, zählt Dreher auf. Sein persönliches Lieblingsprojekt: die Umsetzung einer der größten Stimmbiometrieprojekte Europas für eine Behörde. Interdisziplinäres Arbeiten gehört bei Datagroup zum Programm: Das Voice User Interface-Team setzt sich aus Technikern und Computerlinguisten zusammen – Experten, die Wissen aus beiden Bereichen mitbringen, sind besonders gern gesehen.

Das müssen Computerlinguisten mitbringen

Unabdingbar für alle, die im Bereich Voice Assistenten und Sprachdialogsysteme arbeiten möchten, ist ein gutes Gespür für Sprache und das Interesse an den eingesetzten Technologien. »Bringt ein Bewerber erste Erfahrungen in dem Bereich VUI-Design mit, freuen wir uns«, so Dreher weiter. Insgesamt darf natürlich für die Karriere als Computerlinguist die Lust auf interdisziplinären Austausch nicht fehlen – sonst sind Missverständnisse vorprogrammiert.

Inside: Einblick in die Praxis

Prof. Dr. Heike Zinsmeister, Vorsitzende der Gesellschaft für Sprachtechnologie und Computerlinguistik, erzählt über das Forschungsprojekt ›hermA‹

»In dem Digital Humanities-Projekt ›hermA‹  geht es um die automatisierte Modellierung hermeneutischer Prozesse und den Einsatz von Annotation für sozial- und geisteswissenschaftliche Analysen im Gesundheitsbereich. Das Thema klingt zunächst etwas esoterisch. Dahinter verbirgt sich die grundlegende Frage, wie die traditionelle Textinterpretation, auf der viel geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung beruht, mit den Möglichkeiten der computerlinguistischen, automatischen Textanalyse verbunden werden kann.

Im Projekt arbeiten Wissenschaftler aus den Bereichen Informatik, Computerlinguistik, Literaturwissenschaft, Kulturanthropologie und Pflegewissenschaft zusammen. Das heißt, hier treffen unterschiedliche Forschungstraditionen und Terminologien aufeinander. Praktisch jedes Projekttreffen verlangt Toleranz gegenüber anderen Herangehensweisen und anderen Ausdrucksformen, da hier unterschiedliche Forschungstraditionen und Terminologien aufeinandertreffen. Eine weitere Herausforderung liegt darin, dass die Computerlinguistik annotierte Trainingsdaten benötigt und am besten große Mengen davon. Die Annotationskategorien müssen objektiv nachvollziehbar sein und sich konsistent wiederholen. Bei der hermeneutischen Textinterpretation werden ebenfalls Kategorien formuliert, doch sind diese mehr oder weniger fließend. Ein Beispiel: Wo drückt ein Patient in einem Interview Angst vor der Behandlung aus? Bei der Analyse spielt der Erfahrungshintergrund des einzelnen Wissenschaftlers eine große Rolle. Wird eine Textstelle durch das zusätzliche Wissen des Wissenschaftlers subjektiv interpretiert? Ist das für ein Analyseprogramm nachvollziehbar? Daran arbeiten wir.«


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