Javier Allegue Barros /unsplash

So sieht die digitale Zukunft aus

Digitalisierung hier, Digitalisierung da – aber auf welchem Stand stehen wir wirklich und wo geht's hin?

Zwiespalt Zukunft

Irgendwo zwischen Dystopien über Computer, die die Weltherrschaft übernehmen und makellosen Visionen, in denen jedes Problem mit einem Klick gelöst werden kann, da liegt sie wohl, die Zukunft der Digitalisierung. Fest steht, dass wir uns in einer wahnsinnig schnell wandelnden Zeit befinden, die von Tag zu Tag komplexer wird. Und sicher ist auch, dass diese Transformation auf der Basis von digitalen Lösungen gestaltet wird.

In den vergangenen Jahren und auch heute ist die Digitalisierung maßgeblicher Treiber für technologische und gesamtgesellschaftliche Entwicklungen. Rainer Seßner, Geschäftsführer von Bayern Innovativ ist sich sicher, dass sich dieser Einfluss in Zukunft noch verstärken und auf weitere Lebensbereiche ausweiten wird: »Wo heute die Entsperrung des eigenen Smartphones durch Gesichtserkennung selbstverständlich ist, werden in naher Zukunft auch autonomes Fahren, Robotik in der Pflege, Künstliche Intelligenz bei komplexen Diagnoseverfahren und in der Entwicklung innovativer Materialen ganz natürlich in unseren Alltag integriert sein.«

Ein weiterer Meilenstein wird ihm zufolge die Quantentechnologie sein, die die Rechen- und Informationsverarbeitungskapazität von Computern enorm steigert. Seßner malt sich die digitale Zukunft so aus: »Technologien, deren flächendeckender Einsatz heute noch Zukunftsmusik ist, werden wir ganz selbstverständlich nutzen. Trotzdem wird die Digitalisierung den persönlichen Kontakt nicht komplett ersetzen, indem wir nur noch über unsere Avatare agieren. Die soziale, menschliche und persönliche Interaktion macht uns als lebenswerte Gesellschaft aus.«

Von Bedenken zu Begeisterung

So viel ist klar: Die Digitalisierung ist kein rein technischer Prozess, sondern vielmehr auch ein sozialer. Denn wenn die Möglichkeiten der Kommunikation und Vernetzung sich in dem Maße erweitern, beeinflusst dies in erster Linie die Lebens- und Arbeitswelt von uns Menschen. Laut einer Studie des Bundesverbands Digitale Wirtschaft nimmt die Mehrheit der Deutschen die Digitalisierung als positiv wahr. Neben verbesserten Kommunikationsmöglichkeiten und der Hilfestellungen im Alltag wird vor allem der erleichterte Zugang zu Wissen und Bildung als Vorteil beschrieben.

Trotz aller Begeisterung darf eines dabei nicht vergessen werden: Deutschland hat Aufholbedarf. So hat das Thema Digitalisierung in den Augen von Sophia-Luise Pietsch, Beraterin bei Deloitte, zwar Fahrt aufgenommen, »trotzdem sind wir in einigen Bereichen immer noch das Schlusslicht bei der digitalen Transformation.« Das hat sich vor allem durch die Corona-Krise herauskristallisiert, als viele Unternehmen zwangsläufig Arbeitsabläufe ins Virtuelle übersetzen mussten. »Innerhalb der letzten Monate hat sich die Digitale Transformation als absolute Notwendigkeit herausgestellt«, so Pietsch. »Ich sehe da ein deutliches Umdenken, das die Digitalisierung befeuern wird.«

»Bisher war das Problem, dass digitale Angebote von Seiten der Arbeitgeber häufig als lästige Pflicht oder Luxusinteresse abgetan wurden«, blickt sie zurück. Betrachtet man die Bedenken der Bevölkerung in Deutschland, dann haben immerhin 38 Prozent Angst vor totaler Überwachung oder sehen Sicherheitsrisiken als einen Nachteil der Digitalisierung. Nichtsdestotrotz beobachtet auch Rainer Seßner von Bayern Innovativ nun einen Fortschritt: »In der jüngeren Vergangenheit hat die Digitalisierung durch die Corona-Krise einen deutlichen Schub erhalten – Menschen arbeiten zunehmend im Homeoffice, besprechen sich über Videokonferenz-Tools und nehmen an digitalen Veranstaltungen teil.«

Weniger? Mehr? Besser!

Die Corona-Krise brachte gleichzeitig auch einen gegenteiligen Effekt mit sich: »Vor allem im persönlichen, privaten, zwischenmenschlichen Bereich sehnen sich die Menschen wieder nach dem Analogen. Im Lockdown haben wir alle eine digitale Überdosis erfahren und gemerkt: »Alles kann man doch nicht digitalisieren«, so Trendforscher Tristan Horx. Jedoch sei das auch gar nicht das Ziel der Digitalisierung. »Vielmehr geht es darum, wiederholbare Prozesse und bürokratische Strukturen zu digitalisieren und so eine ›RealDigitale Zukunft‹ zu schaffen, wo ein synergetisches Verhältnis zwischen Mensch und Technologie entsteht.«

Die Allgemeinheit in Entwicklungen einzubeziehen ist auch das Anliegen von Deloitte-Beraterin Sophia-Luise Pietsch: »Für Menschen, die die Digitalisierung nur nutzen und nicht selbst gestalten, können Veränderungen unangenehm und plötzlich erscheinen.« Für sie selbst, die jeden Tag mit der digitalen Transformation zu tun hat, sind die Fortschritte hingegen geringfügig und geschehen unmerklich. Um diese unterschiedlichen Wahrnehmungen zu vereinen, sieht sie die Vorreiter in der Pflicht: »Das ist die große Herausforderung der Unternehmen: Digitales erlebbar zu machen – für jeden.«

Es ist nicht einfach, die digitale Zukunft vorherzusehen und wie bei fast allen Entwicklungen gibt es nie nur schwarz und weiß, sondern viele Zwischenwege und Abzweigungen, wo es hingehen könnte. Dass es immer mehr Digitalisierung geben wird, ist dabei keine Frage. Nur: Wie viel? Wenn man Trendforscher Tristan Horx nach seiner ganz persönlichen Zukunftsvision in Bezug auf die Digitalisierung fragt, kann man sich wohl nur wünschen, dass sie wahr wird: »Weniger Smartphones an den Tischen, weniger Bürokratie und mehr Zeit für Zwischenmenschliches. Wenn die Maschinen bessere Maschinen werden, werden wir Menschen eben zu besseren Menschen.«


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