Als Ingenieur bei Versicherungen

... Hurrikane, Terrorangriff oder Tsunami: Wo ein Schaden ist, sind Versicherungen nicht weit. Und Ingenieure mittendrin statt nur dabei

Mit 3,55 Milliarden Dollar waren die ›Twin Tower‹ in New York versichert. Enthalten in dieser Versicherung waren Schäden durch terroristische Aktivitäten. Doch wie kommt man auf eine solche Summe? Wer kann schon beurteilen, wie sicher solche Gebäude sind und was im Fall der Fälle ausgezahlt werden sollte? Nur wer sich mit der Konstruktion solcher Gebäude auskennt, kann das realistisch einschätzen und einen Versicherungsschutz ermitteln – und genau deshalb werden qualifizierte Ingenieure auch bei Versicherungen gebraucht. Zwei, die sich für diesen Berufsweg entschieden haben, sind Federico Pereira und Bernhard Müller. Bernhard hat sich nach fünf Jahren Tätigkeit in der Industrie für eine Karriere bei Munich RE entschieden. Federico hat als frischgebackener Bauingenieur vor circa acht Jahren den Direkteinstieg bei der Hannover Rückversicherung (HR) gewagt. »Schon die Stellenanzeige klang sehr vielfältig«, schwärmen beide im Interview und bis heute hält der Job als Underwriter, was sie sich von der Stelle versprochen haben.


Der Arbeitsalltag von Bernhard Müller, der sein erstes Jahr im Engineering Pool – dem zweijährigen Weiterbildungsprogramm für Ingenieure verschiedener Disziplinen mit dem Ziel der Einarbeitung im Rückversicherungsgeschäft von Munich Re – absolviert, ist abwechslungsreich und voller spannender Projekte: »Meine Aufgabe ist es, anhand verschiedener Daten in einem Projekt die Risikofaktoren einzuschätzen und zu bewerten. Wenn es sich beispielsweise um den Bau eines Staudamms handelt, spielen Faktoren wie die Lage des Staudamms, das Bauunternehmen, die Art des Damms und die Bauzeit eine Rolle. Anhand dieser Daten ermitteln wir dann einen Rückversicherungsschutz, der dem Kunden angeboten wird.« Hierbei muss Bernhard die verschiedensten Informationen einholen:

»Es ist wichtig, einen ziemlich genauen Überblick über den Terminplan des Projektes zu haben. Ist zum Beispiel während der Bauphase Regenzeit in dem Gebiet, in dem der Staudamm errichtet wird? Gibt es andere saisonale Aspekte, die berücksichtigt werden müssen? Auch die Erfahrung des Bauunternehmers bezüglich des geplanten Projektes spielt eine Rolle. Bringt er Erfahrung mit? Ist das Bauverfahren, das angewendet wird, erprobt oder neu? Gibt es hier Mängelpunkte, auf die es zu achten gilt?«

Sowohl Bernhard als auch Federico beraten als Underwriter Erstversicherer. Sollte es zu einem Schadenfall kommen, sind hierfür Kollegen in der Schadensabteilung, sogenannte Schadensingenieure oder auch Claims Manager genannt, zuständig.
 

Ingenieure als Underwriter vor Ort

Damit ein Underwriter alle Faktoren realistisch einschätzen kann, besichtigt er die Projekte auch vor Ort. Solche sogenannten ›site inspections‹ finden während der gesamten Bauphase statt, um zu begutachten, wie das Projekt voran geht, ob der Zeitplan eingehalten wird, oder sich neue Risiken ergeben haben, welche im ersten Assessment nicht berücksichtig wurden. »Solche ›site inspections‹ kommen mir sehr entgegen, denn als Ingenieur habe ich einfach einen Hang dazu, mir ansehen zu wollen, was gebaut wird«, erzählt Bernhard.

Federico ist gleicher Meinung: »Leider kommen ›site inspections‹ seltener vor, als mir das lieb wäre. Aber wenn ich eine Geschäftsreise mache, dann versuche ich, drum herum ›site inspections‹ zu organisieren.« Auf diesen Geschäftsreisen trifft Federico Kunden, bespricht anstehende Projekte, klärt künftige Bedürfnisse und baut persönliche Kontakte auf. »Zehn Prozent meiner Arbeitszeit im Jahr verbringe ich auf solchen Geschäftsreisen. Natürlich ist das auch von der eigenen Position im Unternehmen abhängig und davon, wohin es geht. Wenn ich nach Südamerika reise, bin ich in der Regel ein, zwei Wochen vor Ort, damit sich die Reise auch lohnt. Wenn ich nach Italien fliege, reichen auch zwei, drei Tage, da ich hier öfter hin kann.«

Durch seine Vorbildung ist Federico der perfekte Kandidat, um in seiner Abteilung namens ›Ibero Amerika, Süd- und Zentraleuropa‹ als Senior Underwriter zu arbeiten. Der 35-Jährige spricht Deutsch, Portugiesisch, Spanisch und Italienisch und hat auf der Karriereleiter bereits ein paar Schritte nach oben gemacht.

»Die Baubeschreibung eines Projekts ist häufig in der Originalsprache – und das ist nicht zwangsläufig Englisch. Eine Übersetzung der Dokumente im Vorfeld wäre hierfür nicht die richtige Lösung, denn hier können wichtige Informationen verloren gehen. Deshalb sind in meiner Abteilung Sprachen extrem wichtig und ich glaube, ich habe keinen Kollegen hier, der nicht mindestens zweisprachig ist«, berichtet Federico. »Allerdings muss man die Sprache auch nicht perfekt beherrschen«, fügt er hinzu. »Es reicht wenn man in der Lage ist, wichtige Dokumente zu verstehen und zu telefonieren. Mein E-Mail-Verkehr findet hauptsächlich in Englisch statt.«


»Mein Job bei Munich Re ist allerdings nicht nur durch internationale Einsätze sehr abwechslungsreich. Auch die Themengebiete variieren stark«, so Bernhard. »Wir haben derzeit viele Anfragen für Windparks, bei denen es um die Einschätzung von neuen interessanten Technolgien geht, die noch nicht sonderlich erprobt sind. Offshore-Projekte sind hier speziell herausfordernd, weil es auf der offenen See natürlich ganz andere Grundvoraussetzungen dafür gibt, ein Windrad aufzustellen, als auf dem Festland. Der Betriebsausfall eines Windrades wird beispielsweise auch mit versichert.«


Und auch hier gibt es eine Übereinstimmung zwischen den beiden engagierten Ingenieuren, denn Federico ist ebenfalls der Meinung, dass insbesondere Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien einen besonderen Reiz haben. Da der Sektor recht neu ist, geschieht hier viel.
 

Ingenieure als Experten für Naturgefahren

Doch manchmal reicht sogar das beste ingenieurwissenschaftliche Know-how nicht aus, um ein Projekt ganzheitlich zu beurteilen und es müssen andere Experten zu Rate gezogen werden:

»Für Naturgefahren zieht man Kollegen aus der Geoabteilung mit dazu. Also zum Beispiel Geologen oder Meterologen, die sich mit der Erdbebenwahrscheinlichkeit in diversen Gebieten viel besser auskennen. Natürlich gibt es hier Software-Tools, die so etwas einschätzen können, aber bei großen Projekten zieht man defintiv auch noch einen Experten zu rate«, erzählt Bernhard.

Zudem muss man sich als Ingenieur bei einer Versicherung noch weiteres Know-how aneignen. Denn nebst Naturkatastrophen hat beispielsweise auch die politische Lage eines Landes Einfluss auf die Sicherheit und Umsetzbarkeit eines Bauvorhabens. Auch das benötigte Equipment für ein Bauprojekt ist nicht zwangsläufig immer griffbereit und muss erst aus anderen Teilen der Welt importiert werden. Geht ein solches Teil kaputt, kann das die Einhaltung des Zeitplans eines Bauprojekts ganz schnell unmöglich machen. Wirtschaftliche Kenntnisse sind ebenso relevant. In einem wettbewerbsgetriebenen Markt, wie dem der Versicherer, ist es neben der richtigen Einschätzung eines Bauprojekts genauso essenziell, ein für den Kunden finanziell ansprechendes Angebot zu erstellen. Für Federico ist jedoch ein ganz anderer Punkt entscheidend:

»Eine wichtige Charaktereigenschaft, die man mitbringen sollte, ist Entscheidungsfreudigkeit. Zusätzlich trägt man viel Verantwortung, denn Entscheidungen, die wir hier treffen, können das Unternehmen im Zweifelsfall Summen im zweistelligen Millionenbereich kosten.«

Bis es dazu kommt muss man jedoch erst einige Jahre Erfahrung sammeln. Für Bernhard zählt der Wissensdurst:

»Neugier ist entscheidend. Es ist wichtig, sich vertieft einarbeiten zu wollen und sich mit den verschiedensten Projekten vertraut zu machen. Allerdings sollte man den Blick für die relevanten Aspekte nicht verlieren. Die Technologie im Ganzen zu verstehen, darauf kommt es an.«

Neben den spannenden Projekten spricht auch die Nachfrage an qualifizierten Mitarbeitern – speziell Ingenieuren – für eine Karriere in der Versicherungsbranche:

»Insgesamt stehen die Einstiegschancen sehr gut. Die Rückversicherer sind sehr stark auf die fachlichen Expertisen ihrer Mitarbeiter angewiesen. Speziell Ingenieure können bei der Hannover Rück als Absolventen zunächst auch als Trainee starten. Für Direkteinsteiger bevorzugen wir Bewerber, die beispielsweise als Bauingenieur bereits drei bis vier Jahre Praxis erworben haben, bevor sie den Quereinstieg in die Rückversicherung machen«, erzählt Marc- Oliver Dorn, Personalreferent bei der HR.

Und auch bei Munich RE sind Ingenieure sehr gefragt:

»Von unseren 3.700 Mitarbeitern in Deutschland und über 13.000 weltweit in der Rückversicherungssparte sind circa fünf Prozent Ingenieure der unterschiedlichsten Fachrichtungen, zum Beispiel Maschinenbau, Chemie- oder Verfahrenstechnik, Bauingenieurwesen und Elektrotechnik. Dementsprechend verhält sich die Einstellquote. In einem zweijährigen Turnus rekrutieren wir für unseren Engineering Pool. Auch in unserem internationalen Traineeprogramm bieten wir regelmäßig Stellen für Ingenieure im Underwriting und Schadensmanagement«, so Yvonne Herbst, Consultant Talent Management bei Munich Re.
 

Terroristische Riskien sind seit den Anschägen auf das ›Worldrade- Center‹ übrigens von der Haftung ausgeschlossen. Technische Großanlagen werden jedoch weiterhin gegen andere Risiken versichert, deshalb solltest du wie Federico und Bernhard als Ingenieur in einer Versicherung glücklich kommunikativ, engagiert und neugierig sein. Ein Näschen für betriebswirtschaftliche und politische Zusammenhänge solltest du dennoch mitbringen.


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