Motorradingenieur: Ingenieure entwickeln Motorräder

Motorradfahren ist nicht nur Fortbewegung, sondern auch Lebenseinstellung. Auch für die Ingenieure, die die Zweiräder entwickeln.

ein Motorradfahrer rast die Straße entlang

Das Superbike: Ein Kilogramm pro PS

Der Rausch der Geschwindigkeit, das Gefühl von Freiheit und der Kick der unmittelbaren Macht über die Maschine: Motorradfahren ist nicht nur Fortbewegung, sondern auch Lebenseinstellung. Ings., die sich professionell mit Motorrädern beschäftigen, sollten daher auch eines fahren.

Dieses Jahr ist ein trauriges für so manchen Ferrari- oder Porsche- Fahrer, denn jedes Sportmotorrad der Serie BMW S 1.000 RR lässt die schnellen Sportwagen locker stehen. Der flüssigkeitsgekühlte Reihen-Vierzylinder bringt nicht einmal 60 Kilogramm auf die Waage, leistet aber bei einem Liter Hubraum beachtliche 193 PS. Mit elektronischer Traktionskontrolle und Anti- Blockiersystem, beides Sonderausstattungen, bringt es das Superbike vollgetankt auf bescheidene 206,5 Kilogramm. Das ergibt ein Leistungsgewicht von einem Kilogramm pro PS.

Zum Vergleich: Im 660 PS starken Ferrari Enzo, einem der schnellsten Autos überhaupt, muss jedes PS doppelt so viel Gewicht beschleunigen. Kein Wunder, dass das Motorrad deutlich schneller ist.

Die Entwicklung des Hochleistungstriebwerks war eine Herausforderung für die BMW-Ingenieure, für die das Segment ‘Supersportler’ völliges Neuland war; die S 1.000 RR ist das erste Fahrzeug in diesem Segment aus München. Ein Chassis zu konstruieren, das der schieren Kraft des Motors mindestens ebenbürtig ist, war die andere Herausforderung.

Ausbildung zum Motorradingenieur

Heraus kam eine gelungene Symbiose, wie die Fachpresse urteilt. Dahinter steckt reine Ingenieurskunst, obwohl es eine Ausbildung zum reinen Motorradingenieur nicht gibt. »Das ist auch nicht notwendig«, meint Professor Hermann Winner, Leiter des Fachgebiets Fahrzeugtechnik an der Technischen Universität Darmstadt. Er schätzt, dass in Deutschland auf einen Ingenieur im Zweirad-Bereich mindestens 100 Ingenieure kommen, die sich mit Pkw- oder Lkw-Technik beschäftigen. »Deshalb lohnt sich aus Sicht des Arbeitsmarkts ein selbstständiger Studiengang nicht.«

In Darmstadt ist die Vorlesung Motorradtechnik als Vertiefungsfach im Fahrzeugtechnik-Schwerpunkt des Maschinenbau-Masterprogramms mit zwei Semesterwochenstunden integriert. Etwa 20 Studenten nehmen an den Vorlesungen teil. »Ich würde aber keinem angehenden Ingenieur empfehlen, sich im Studium noch weiter auf das Thema Motorrad zu spezialisieren, weil es eine nur geringe und zudem oft stark schwankende Nachfrage nach Zweiradspezialisten gibt.« Ein Motorrad bezeichnet Winner als ein »faszinierendes Fahrzeug«, das den Fahrer viel mehr benötigt als ein Auto, ihm aber auch viel mehr zurückgibt. »Ein Auto zu fahren ist dagegen langweilig.«

Neben der TU Darmstadt ist Motorradtechnik an der FH München sowie der Technischen Universität München im Studium der Fahrzeugtechnik integriert. »Unsere Vorlesungen im Fach Motorradtechnik sind mit etwa 70 Hörern immer voll, das zeigt ein großes Interesse am Thema«, so Dr.-Ing. Frank Diermeyer, akademischer Oberrat im Fachbereich Fahrzeugtechnik an der Technischen Universität München.

Inhalte der einsemestrigen Vorlesung im Umfang von ebenfalls zwei Wochenstunden sind: Motorradmarkt und Produktentstehungsprozess, Elektrik und Elektronik sowie die Mensch-Maschine-Schnittstelle. Ein Motorrad fordert den Fahrer viel mehr als ein Auto, beispielsweise die Sinne: Man ist ständig dabei, Gullideckeln oder Unebenheiten auf der Fahrbahn auszuweichen und die Ideallinie zu finden, während man im Auto solche Hindernisse einfach nicht wahr nimmt. »Wer sich professionell mit Motorrädern beschäftigt, sollte selbst eines fahren. Das ist bei diesem Fahrzeug wichtiger als bei jedem anderen «, sagt Diermeyer.

Als Ingenieur bei BMW

BMW, der einzige deutsche Hersteller von Motorrädern, beschäftigt etwa 500 Ingenieure in seinem Produktbereich Motorrad und damit etwa die Hälfte aller geschätzten Motorradingenieure in Deutschland. Bei BMW sind etwa 300 in der Entwicklung, 150 in der Produktion, 40 im Einkauf und 25 im Vertrieb tätig. »Ausnahmslos sind das alle begeisterte Motorradfahrer «, weiß Bernhard Gobmeier, Leiter Fahrwerkentwicklung bei BMW Motorrad in München. Außer Motor, Elektrik und Verkleidung gehört bei einem Motorrad alles andere zum Fahrwerk. Der Rahmen hat dabei eine wichtige und integrierende Funktion für das komplette Fahrzeug. Er muss die meisten Teile aufnehmen, steif und fest sein, er dient als Basis für die radführenden Teile und bestimmt dadurch alle Geometrien. »Ein Motorradrahmen ist die Basis für die Fahrwerks- Kinematik und damit auch für die Eigenschaften im Fahrverhalten verantwortlich«, sagt Gobmeier.

In der Entwicklung müssen teilweise widersprüchliche Ziele erreicht werden, etwa hohe Agilität bei gleichzeitiger Stabilität bis in hohe Geschwindigkeitsbereiche. Das ist eine der Herausforderungen in der Entwicklung eines Motorrads. Gobmeier, 50, hat an der TU München Maschinenbau studiert und 25 Jahre in der Automobilentwicklung bei BMW und Porsche gearbeitet. »Simulationen in Forschung und Entwicklung, Produktionstechnologien, Projektmanagement: Das Handwerkszeug unterscheidet sich beim Motorrad nicht wesentlich vom Auto.«  Anders ist es bei den speziellen Applikationen wie Fahrdynamik und Kinematik. Beides ist auf zwei Rädern deutlich komplizierter als auf vier. Gobmeier fasst das so zusammen: »Autofahren kann fast jeder, Motorrad eben nicht.« Er hat sich das Fachwissen von Kollegen, durch den Austausch mit anderen Herstellern und Lieferanten sowie in Seminaren angeeignet. Weil man im Bereich Motorrad aber viel weniger Kollegen habe als bei den Autos, müsse man im Zweiradsegment einerseits eher Generalist als Spezialist sein, andererseits ist man durch die sehr spezifische fachliche Materie stark fokussiert.

Wie klein der Motorradmarkt tatsächlich ist, zeigen Zahlen von BMW: Etwa zwei Prozent des Konzernumsatzes werden mit Motorrädern erwirtschaftet – dabei sind die Münchner europaweit der größte Motorradhersteller. Das hat zur Folge: Wer als Ingenieur in den Zweiradbereich will, muss überzeugen können, dass ihn das Produkt Motorrad fasziniert. Und um überhaupt mitreden zu können, muss er selbst begeisterter Motorradfahrer sein.

Der Motorradmarkt in Zahlen

Das vergangene Jahr hat die Zweiradindustrie erneut mit einem Minus abgeschlossen. Nach Angaben vom Industrie-Verband Motorrad Deutschland sind 2009 rund 137.000 motorisierte Zweiräder über 50 Kubikzentimeter zugelassen worden – das sind 17,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Zwar sinken die Neuzulassungen, dennoch erhöhen sie den Bestand, weil mehr Neufahrzeuge hinzukommen als alte auf dem Schrottplatz landen. Rund 3,7 Millionen Motorräder gibt es derzeit in Deutschland. Den größten Marktanteil hat dabei Honda vor Yamaha und BMW. Bei den Krafträdern (über 125 Kubikzentimeter) liegen die Münchner vor den Japanern insgesamt. Das hat vor allem mit der R 1200 GS von BMW zu tun, deren Erfolgsmodell, das auch 2009 unangefochten mit 4.399 Neuzulassungen die Verkaufsliste angeführt hat. Mit fast 2.000 Fahrzeugen weniger folgt die Honda CBF 600 S.

 


Anzeige

Anzeige