Chucks auf Ast abgelegt
Bauen mit der Natur andreafleischer / Quelle:PHOTOCASE

Baubranche und Nachhaltigkeit

Ökologische Materialien, die nötigen Gesetze und die richtige Einstellung: so viel zum Thema Nachhaltiges Bauen!

Wann ist ein Bauwerk wirklich nachhaltig: Wenn man die Fassade mit Holz verkleidet und auf eine gute Wärmedämmung achtet? Wer sich mit dem Thema Nachhaltiges Bauen beschäftigt, wird sich zuallererst jene unausweichliche Frage stellen. Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung hat es sich im Leitfaden für Nachhaltiges Bauen nicht nehmen lassen, genau festzulegen, was darunter zu verstehen ist: »Nachhaltiges Bauen zeichnet sich durch die integrale Betrachtung der Qualitäten der Nachhaltigkeit aus«. Bitte was? Gemeint sind damit fünf Qualitäten, ökologischer, ökonomischer, sozio-kultureller sowie technischer und prozessgestalterischer Natur. Das die ersten beiden das ressourcenschonende, umweltgerechte und wirtschaftlich sinnvolle Bauen meinen, kann man wohl aus dem Kontext schließen. Was aber will der sozio-kulturelle Aspekt in dieser Liste – ganz einfach, er stellt den Nutzer des Gebäudes in den Fokus: »Hier geht es um Komfortthemen wie Licht und Akustik, aber auch um Innenraumluft und die Vermeidung von Schadstoffen«, erklärt Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). All das gehört zusammen mit der ganzheitlichen Planung und qualitativ hochwertigen Ausführung zu einem nachhaltigen Gebäude.

Auf dem Weg zum Null-Energie-Haus

In Deutschland werden derzeit viele Mühlen in Gang gesetzt, um das Thema voranzutreiben. Beispielsweise verleiht die Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis e.V. in Kooperation mit dem DGNB 2016 schon zum neunten Mal den Förderpreis ›Nachhaltiges Bauen‹. Der Preis zeichnet innovative und nachhaltige Objekte mit ästhetischem Anspruch aus und reiht sich damit in die ganzheitliche Auffassung von Nachhaltigkeit ein. Darüber hinaus garantiert ein Zertifizierungssystem des DGNB Transparenz, wenn es um die Entscheidung geht, ob ein Gebäude nachhaltig ist. Über 40 Nachhaltigkeitskriterien werden hierfür überprüft und je nach Erfüllungsgrad mit Bronze, Silber, Gold oder Platin ausgezeichnet. Auch europaweit wird der Boden für Nachhaltigkeit im Bau bereitet: Schon 2010 wurde die EU-Gebäuderichtlinie verabschiedet: Sie gibt vor, dass ab dem Jahr 2021 nahezu alle Neubauten innerhalb der Europäischen Union auf dem energetischen Niveau eines Null-Energie-Hauses gebaut werden müssen – Bauten aus öffentlicher Hand sogar schon ab 2019.

Zertifizierungen sind auch ein wichtiges Thema für Absolventen, die sich auf nachhaltiges Bauen oder Klimadesign spezialisieren wollen. Schon an der Hochschule sollten sich Studenten mit DBNG-, BNB-, LEED- oder BREEAM-Zertifizierungen beschäftigen. Auch Kenntnisse in der Energiesparverordnung und der Bauphysik setzten viele Unternhemen mittlerweile voraus. »Die Potenziale, wie viel wir an Energie-, an Reinigungs- oder an Instandhaltungskosten einsparen können, sind groß. Letztlich geht es auch immer noch um den Betrieb des fertiggestellten Gebäudes«, sagt Christine Lemaitre. Außerdem sei der Bau eines nachhaltigen Hauses nicht wesentlich teuerer als der eines konventionellen: »Nur auf die Kosten im Bauprozess zu schauen, ist dabei zu kurzsichtig«, erklärt sie und verweist darauf, dass die Mehrkosten letztendlich null bis vier Prozent über denen des konventionellen Baus ausmachen: Wenn eben auch die langfristigen Kosteneinsparungen eingerechnet werden.

Die Kosten dürfen nicht vergessen werden

Auch Professor Dr.-Ing. Günter Mügge sieht hier noch Hürden im Bereich des klimagerechten Bauens: »Ein Problem ist die noch fehlende Bewertbarkeit von Kosten, die eventuell in 50 oder 100 Jahren auftreten. Die Entscheidungen für eine bestimmte Bauweise werden heute noch durch die unmittelbaren Investitionskosten bestimmt.« Der Studiendekan des Masterstudiengangs ›Klimagerechtes Bauen und Betreiben‹ an der Brandenburgisch Technischen-Universität Cottbus-Senftenberg erklärt weiter, dass auch Kosten, die für den Betrieb oder für die spätere Entsorgung häufig unberücksichtigt bleiben. Diese Fragen gilt es ebenso zu klären wie die zur Sanierung und Optimierung des Gebäudebestands: »Leider kommen wir viel zu oft bei der Frage, wer dies letztlich bezahlen soll, an Grenzen«, sagt Lemaitre von der DGNB. Hinzu komme, dass das klimagerechte Bauen meistens noch am einzelnen Gebäude im Planungszustand beurteilt wird, ohne die Wechselwirkung mit anderen Bereichen zu betrachten, führt Mügge an. So müsse gerade der Zusammenhang der einzelnen Gebäude mit der Infrastruktur wie Wärmenetze und dem Verkehr verstärkt beachtet werden.


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