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Branche im Wandel

Nachhaltiges Bauen ist ein Zukunfts­thema – diese Herausforderungen ­warten auf Bauingenieure

Über 1.300 Gebäude auf der ganzen Welt hat die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) seit 2009 zertifiziert – Tendenz steigend. Nachhaltige Baukonzepte werden immer wichtiger. Vor allem bei Gewerbeimmobilien in Großstädten ist die Baubranche in Sachen Nachhaltigkeit schon weit. In der Wohnungswirtschaft gibt es nach Einschätzung von Dr. Christine Lemaitre aber noch viel Nachholbedarf. Lemaitre ist geschäftsführender Vorstand der DGNB und Mitglied im Board of Directors des World Green Building Council, der international einflussreichsten Organisation für Nachhaltiges Bauen. Für sie geht es dabei vor allem um Qualität und Zukunftsfähigkeit – und darum, das Richtige zu tun. »Es ist eine Form des Planens, Bauens und Betreibens von Gebäuden, die ökologisch und ökonomisch langfristig sinnvoll ist und auf die Bedürfnisse der Menschen als Gebäudenutzer eingeht«, so die Expertin.

Nachhaltige Bauprojekte gibt es viele: Goldbeck baut aktuell etwa ein DGNB-zertifiziertes Bürogebäude für die eigenen Mitarbeiter. Dazu arbeitet die Firma mit emissionsarmen Baustoffen und umweltverträglichen Materialien und optimiert die Kommunikations - und Komfortzonen. Das österreichische Unternehmen Porr arbeitet aktuell am Cuvry Campus in Berlin, der ebenfalls DGNB-zertifiziert werden soll. Mit einem ökologischen Baustoffmanagement werden Schadstoffe in den Baumaterialien vermieden und so wird für eine gesunde Innenraumluft gesorgt. Auch das Bauunternehmen Wolff & Müller arbeitet nachhaltig und baut in Nürtingen derzeit eine Schule mit einem Energiebedarf von jährlich nur 34,6 Kilowattstunden pro Quadratmeter.


Alle profitieren

Eine nachhaltige Bauweise lohnt sich für alle Beteiligten: »Die Menschen als Gebäudenutzer profitieren von einem lebenswerten, gesunden Umfeld, in dem sie sich wohlfühlen und produktiv sein können. Planer und Bauherren können ihrer Verantwortung im Hinblick auf den Klimaschutz gerecht werden und letztlich rechnet es sich auch wirtschaftlich – nicht nur langfristig«, sagt Christine Lemaitre von der DGNB. Dass eine nachhaltige Bauweise wirtschaftlich umzusetzen ist, zeigt Wolff & Müller: Die Firma baut komplett CO2-neutral und nutzt seit 2009 ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energien. Außerdem setzt sie Baumaschinen mit Leerlaufabschaltung ein, wodurch jährlich 600 Tonnen CO2 gespart werden – und 300.000 Euro.

In der Baubranche stehen alle Zeichen auf Wandel: Auch das Bundeswirtschafts- und das Bundesforschungsministerium fördern nachhaltige Bauvorhaben – etwa das Projekt ›Stadtquartier 2050‹ des Fraunhofer Instituts für Bauphysik (IBP). Hier untersuchen die Wissenschaftler an zwei Pilotstandorten in Stuttgart und Überlingen, wie sich die klimafreundliche Stadt der Zukunft sozialverträglich umsetzen lässt.


Chancen für Absolventen

Um diese Zukunftsprojekte umzusetzen, braucht es junge Ingenieure verschiedenster Fachrichtungen. Gefragt sind klassischerweise Bauingenieure, Architekten und Wirtschaftsingenieure. Je nach Spezialgebiet des Unternehmens werden aber auch Maschinenbauer, Elektrotechniker oder Bahningenieure gesucht. Doch technisches Fachwissen ist nicht alles – Michael Jäger, ­Gruppenleiter Nachhaltiges Bauen am Fraunhofer IBP, betont die Bedeutung der Digitalisierung: »Planungsprozesse werden im Baubereich zunehmend durch Building-Information-Modeling-Anwendungen unterstützt. Daher sind vertiefte Informatikkenntnisse zunehmend wünschenswert.« Die ›Digitalisierungskompetenz‹ hält auch Julia-Carolin Schmid, Geschäftsführerin der Wolff & Müller Personalentwicklung, für wichtig. Kenntnisse im Prozess- und Projektmanagement sind ihrer Meinung nach unabdingbar, da beispielsweise Lean-Methoden wie die Taktfertigung und das Last Planner System immer wichtiger werden, um Baustellenprozesse zu stabilisieren und optimieren.

Außerdem ist das Denken aus der Nutzerperspektive wichtig für junge Ingenieure, wie Izabela Bürkner, Leiterin Expertenteam Nachhaltigkeit bei Goldbeck, weiß. »So stellen wir sicher, dass wir exakt nach Bedarf planen«, sagt die Expertin, »wer bauen will, sollte die Materialien außerdem nicht nur gesehen, sondern auch schon mal angefasst haben.« Praxiserfahrung ist also ein wichtiger Pluspunkt für angehende Ingenieure. Von Vorteil sind laut Jäger vom Fraunhofer IBP zudem verfahrenstechnische Kenntnisse, um etwa die Ökobilanz anzuwenden und die Nachhaltigkeit von Prozessen und Produkten zu analysieren.


Top Aussichten

Mit der entsprechenden Qualifikation können junge Ingenieure in der Baubranche mit einer guten Einstiegsposition rechnen. Bei Porr werden Einsteiger von erfahrenen Kollegen über ein Buddy System eingearbeitet. Das Einstiegsgehalt in der Baubranche liegt meist zwischen 40.000 und 45.000 Euro brutto jährlich – kann aber je nach Unternehmen und Region variieren. Dazu gibt es meist Zusatzleistungen und gute Entwicklungsmöglichkeiten. Christian Krippahl, Direktor Personal beim Bahninfrastrukturunternehmen Spitzke, bedauert, dass die meisten Ingenieurabsolventen mit Bahnthemen während des Studiums kaum Berührungspunkte hatten. Daher hört das Lernen nach dem Uniabschluss nicht auf. »In der unternehmenseigenen Akademie bringen wir jungen Ingenieuren in speziellen Bauleiterkursen praxisnah das bahn- und aufgabenspezifische Fachwissen bei«, erklärt Krippahl.

Nachhaltiges Bauen ist ein Zukunftsthema und Wachstumsmarkt – die DGNB-Zertifizierungen mehren sich und das Investitionsvolumen steigt jährlich. Somit haben auch junge Ingenieure in diesem Bereich ausgezeichnete Karrierechancen.

 

Text: Sabine Storch


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