Foto: Daniel DiNuzzo / Unsplash

»Kleine Büros haben kaum eine Chance« - ein Interview mit Architekt Gerhard Zach

Gerhard Zach ist Architekt und Stadtplaner. Im Interview erzählt der Präsident des Verbands Deutscher Architekten, wie es um kleine Architekturbüros steht.

Herr Zach, Sie sind Präsident des Verbands Deutscher Architekten. Welche Anliegen beschäftigen Sie dabei besonders?

Wir vertreten die Interessen unserer Mitglieder, die in kleinen Architekturbüros tätig sind. Unter anderem engagieren wir uns diesbezüglich mit einer Initiative gegen die Vergabeordnung für freiberufliche Leistungen, die die Ausschreibung und Vergabe von Aufträgen öffentlicher Einrichtungen regelt (VOF) – und nur die großen Büros berücksichtigt, während die kleinen ausgeschlossen werden.

Bei diesen VOF-Verfahren sind Kriterien gefragt, die an sich ein Witz sind. Denn neben einer bestimmten Anzahl von Angestellten muss man einen Umsatz vorweisen, der im siebenstelligen Bereich ist: ein Ding der Unmöglichkeit!

Inwieweit haben die kleinen Büros noch eine Chance, insbesondere vor dem Hintergrund, dass nur die besten Architekten auf dem Arbeitsmarkt bestehen können?

Früher hatten kleine Büros noch die Möglichkeit, im Rahmen von freien Wettbewerben an Aufträge zu kommen. Heute ist dies bei öffentlichen Aufträgen ohne die richtigen Beziehungen kaum mehr möglich. Vor allem in Bayern machen Zimmerer und Maurer, die eine Bauvorlageberechtigung haben und somit Bauanträge stellen dürfen, kleine Bauvorhaben unter sich aus. So decken diese Planung und Bau einfacher gewerblicher Hallen, landwirtschaftlicher Anwesen sowie von Ein-, Zweifamilien- und Doppelhäusern zu Preisen ab, die für Architekten nicht realisierbar sind. Der Aufwand für Architekten wird anhand von fünf Zonen bemessen – während die niedrigste Honorarzone I von sehr geringen Planungsanforderungen ausgeht, sind es bei der Honorarzone V sehr hohe. Beispielsweise ist ein Kindergarten oder eine Schule als ein Bauvorhaben der Zone III eingeordnet. Aus dem Grund, dass die Kommunen mittels dieser Einordnung Geld sparen können. Ein ganz normaler Architekt mit zwei Mann kann so einen Kindergarten mit durchschnittlichen Planungsanforderungen bauen. Für eine Schule braucht er dann vielleicht ein Team mit drei Personen, aber keine 20 Angestellten. Angenommen jemand hat erst zwei Turnhallen gebaut hat, seine Mitbewerber aber bereits fünf: Ein kleineres Büro kommt dann weder an einen Auftrag noch in ein Vorstellungsgespräch. Dies hat zur Folge, dass nur sehr wenige, sehr große Büros übrig bleiben. Die haben vielleicht diese 1.000 Mann, die in England sitzen, mit einer Dependance in Hongkong. Diese Büros können mit mehr oder minder gefälschten Zahlen operieren, die niemand überprüfen kann – so kommen sie an Aufträge. Letztendlich nehmen an den Wettbewerben immer die Gleichen teil. Junge Architekten haben kaum Chancen – folglich weht auch kein frischer Wind im Bereich der Stadtarchitektur.

Das haben Sie sich ursprünglich bestimmt anders vorgestellt. Jetzt treten Sie neben Ihrer eigentlichen Arbeit noch für Ihren Berufsstand ein. Warum wollten Sie unbedingt Architekt werden?

Ich wollte eigentlich gar kein Architekt werden. Ich hatte einen Freund, dessen Vater ein gro- ßes Architekturbüro besaß. Dieser Vater wollte, dass der Sohn das Büro übernimmt. Der wollte aber nur mit mir zusammen Architektur studieren. Wir wollten dann für das Architekturstudium an die Kunstakademie – aber trotz meiner Eins im Zeichnen war ich nicht gut genug, um einen der Plätze zu bekommen. Deshalb habe ich mit meinem Freund gemeinsam an der TU München Architektur studiert.

Ein Freund hat Sie also zur Architektur gebracht – und zum Erfolg?

Wie bei vielen Sachen, braucht man auch ein bisschen Glück und eine ganze Menge von Beziehungen. Mein Vater war Maurer und wir arbeiteten in der Schulzeit bereits am Bau, um ein bisschen Geld zu verdienen. So sind wir an Kontakte zu Architekten gekommen, die damals in den 1970er Jahren alle sehr viel Arbeit hatten. Wir wurden von den Architekten schon während der Studentenzeit immer mit Aufträgen gefüttert, indem man uns gesagt hat: ›Zeichnet uns doch das Haus mal schnell!‹ , sodass wir uns dann während des Studiums schon mit relativ vielen Aufträgen beschäftigten. Außerdem konnten wir auch über die Verbindung zum Büro des Vaters meines Freundes an einigen Wettbewerben teilnehmen.

Was hat sich seit Ihren Anfangstagen in den 1970er Jahren in der Branche verändert?

Der Beruf ist natürlich sehr viel komplizierter geworden. Die gesamte Rechtsprechung richtet sich überwiegend gegen Architekten. Früher reichte ein einfacher Plan und Entwurf, aus dem dann ein gutes Gebäude geworden ist. Einen Mangel hat man notfalls beseitigt. Niemand ist auf die Idee gekommen, gleich die Architekten zu verklagen. Bei den Baukosten haben grobe Schätzungen gereicht – so penibel wie heute musste niemand sein. Als es immer mehr Architekten gab, entstand eine Konkurrenzsituation. Gleichzeitig ist die Anzahl der Juristen gestiegen. Viele Rechtsanwälte haben leider nichts anderes zu tun als Bauprozesse zu führen. Die Architekten sind dabei die Verlierer, weil man glaubt, dass man über ihre Versicherung leicht an Geld kommen kann.

Bei so viel Rechtslastigkeit, wie kreativ kann man da als Architekt noch sein?

Ich habe die ersten Jahre meine Pläne nur frei Hand gezeichnet, also auch die Eingabepläne für die Behörden. Das war die Vorstellung von der Architektur. Heute ist das natürlich total ausgeschlossen. Heute sitzen alle am PC, auch bei uns. Das ganze Handwerkliche ist dadurch leider verlorengegangen. Das, was die Architektur vor 30 Jahren ausgemacht hat, gibt es nicht mehr. Wir haben früher ganz tolle Modelle gebaut, die für einen Laien vielleicht sogar eine bessere Lösung sind als eine PC-Animation. Mittlerweile sind die ganzen Vorschriften und Richtlinien so kompliziert, dass die meisten Büros nicht mehr in der Lage sind, zum Beispiel die Bauleitung zu übernehmen oder die Ausschreibung rechtssicher zu machen.

Was erwarten Sie von heutigen Absolventen eines Architekturstudiums?

Viele sind praxisfremd. Das hat man uns zu meiner Zeit allerdings auch schon vorgeworfen. Man denkt, wer von der Hochschule kommt, kann einen Eingabeplan machen, Baueingaben fertigstellen, einen Werkplan für Gebäude oder Details zeichnen, aber so ist das nicht. Es braucht mindestens zwei Jahre Praktikum und auch danach ist es schwierig ein richtiges Büro zu finden, wo man nicht nur immer mit einseitigen bestimmten Aufgaben gefüttert wird. Sonst kann man zum Schluss nur eine Haustür im Detail eins zu eins zeichnen, wenn auch in drei Minuten. Die Auftragslage ist allerdings meistens so, dass die Spezialisierung in den Büros gefördert wird und der eine nur Werkpläne, der andere nur Ausschreibung, der Dritte nur die Eingabeplanung macht.

Welche Masterstudiengänge können sich für Architekten lohnen?

Zusätzliche Master in Design sind vor diesem Hintergrund ein häufiger Weg, die den Absolventen zugleich Chancen in der Industrie verschaffen – sei es, um Türgriffe oder Autos zu designen. Im normalen Architekturbüro ist man eher mit Entwürfen zur Bebauung von Flächen einschließlich Kostenschätzung beschäftigt. Die Bauidee kopiert sich der Bauwerber aus dem Internet und die Glasfassade liefert im Detail die Industrie. 


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