erstaunte junge Frau
Spezialbauten: Ingenieure lassen dich Bauklötze staunen hui-buh/Quelle photocase.com

Spezialbauten: Ingenieure bauen Türme, Brücken und Tunnel

Ob Türme, Brücken oder Tunnel: Wenn Ingenieure an Spezialbauten arbeiten, geht es hoch her

37 Monate hat es gedauert, bis er fertig war. Mit 251 Metern galt er damals als höchster Wolkenkratzer Europas und bis heute gehört er zu den bekanntesten der Welt. Als 1988 begonnen wurde, den Frankfurter Messerturm zu bauen, wäre Thorsten Graf gerne dabei gewesen. Der 41-Jährige war damals Student des Bauingenieurwesens an der TU Darmstadt und fasziniert davon, »dass in einer hessischen Stadt Gebäude wie in Chicago und New York errichtet werden«.

Herausforderungen als Projektleiter: 6.000 Tonnen Stahl, 700 Meter lange Brücke

Heute arbeitet Graf als Projektleiter bei der C+P Industriebau GmbH, einem Unternehmen der Christmann & Pfeifer Gruppe, und kann ebenfalls über Superlativen in seinem Job sprechen: »Mein spannendstes Projekt war die Mitarbeit als junger Ingenieur beim Bau der Talbrücke Albrechtsgraben. Es handelte sich um eine 700 Meter lange Talbrücke in Stahlverbundbauweise mit 6.000 Tonnen Stahl und einer betonierten Platte. Die Pfeiler und der Brückenbogen waren aus Beton«, erinnert er sich. Die technisch enorm anspruchsvolle Konstruktion im Zusammenspiel aller Beteiligten sei dabei die größte Herausforderung gewesen, beschreibt Graf weiter.

Bauingenieure: zwischen Büro und Baucontainer

Aktuell arbeitet er unter anderem an einem Neubau einer Hallenkonstruktion für ein Hochregallager:»Die Haupttragkonstruktion besteht aus einer Stahlkonstruktion, welche aus Stützen, Dachträgern und Aussteifungselementen wie Dach- und Wandverbänden besteht. Der Dachaufbau setzt sich zusammen aus einer Tragschale aus Trapezblech, Dampfsperre, Wärmedämmung und Dachabdichtungsbahn«, erklärt er und führt aus, dass bei der Verarbeitung der Dach- und Wandmaterialien penibel auf die Luftdichtigkeit der Gebäudehülle geachtet werden muss, da aus Gründen des vorbeugenden Brandschutzes eine Inertisierungsanlage zum Einsatz kommt: »Dies bedeutet, dass der Luftsauerstoffgehalt im Gebäudeinneren mittels Stickstoff auf einem so geringen Niveau gehalten wird, dass es nicht zu einem Brandereignis kommen kann.« Als besonders herausfordernd empfindet Graf dabei die Herstellung der luftdichten Gebäudehülle in Zusammenarbeit mit der Massivbaufirma und mit sämtlichen Fachplanern für die interne Gebäudelogistik, den Planern für die technische Gebäudeausrüstung und Lüftungs- und Klimatechnik sowie mit den Architekten und Statikern, um für den Bauherrn ein optimales Ergebnis zu erzielen. Allgemein ist er bei allen Projekten von der Auftragsvergabe bis zur Schlussrechnung vollumfänglich verantwortlich: von der Erstellung von Auftragsbudgets, der Ausschreibung, Verhandlung und Vergabe von Nachunternehmerleistungen über die Steuerung der Nachunternehmer hin zur Kosten- und Terminkontrolle:
»Der normale Tagesablauf spielt sich zwischen Schreibtisch im eigenen Büro und Baucontainer auf der Baustelle ab«,beschreibt der Ingenieur.

Cristina Abrantes Alves hingegen arbeitet die meiste Zeit im Büro. Die 25-Jährige Portugiesin, diean der Universität von Coimbra ein Masterstudium im Konstruktiven Ingenieurbau absolviert hat, istbeim Windkraftanlagenhersteller Enercon als Statikerin im Bereich ›Competence Center Turm‹tätig. Wenn Alves nicht gerade Fundamente auslegt, Pläne prüft, Pfähle bemisst oder nachLösungen für Probleme sucht, die während der Bauphasen auftreten, schließt sie sich immerwieder mit den weltweit beteiligten Kollegen aus dem Bauingenieurwesen, der Geotechnik, desMaschinenbaus, Elektrotechnik und Windenergie kurz. Auch die unterschiedlichen Materialien,Anforderungen, Bemessungsnormen und die – von den deutschen abweichenden – Standardsmachen ihren Arbeitsalltag interessant und herausfordernd: »Ich lerne ständig dazu«, erklärt Alvesund verweist dabei unter anderem auf ihre Sprachkenntnisse. Auch wenn Enercon ein internationaltätiges Unternehmen ist und Englisch eine sehr große Rolle spielt, musste Alves vor allem auch ihrDeutsch verbessern: »Die meisten Normen, Richtlinien und Literatur über Windenergie sindzumeist in deutscher Sprache verfasst. Außerdem informiere ich mich mithilfe von deutschenZeitschriften ständig über die technologischen Weiterentwicklungen in meiner Branche«, sagt dieIngenieurin.

Soft Skills als Bauingenieur gefragt

Sich immer wieder einarbeiten und einfühlen muss auch Robert Haaß. Der 39-Jährige, der wie Graf Diplom-Ingenieur im Bereich des Bauwesens ist, sitzt »zwischen dem Kunden, den Kollegen aus Konstruktion, Montageabteilung und kaufmännischer Abteilung sowie Subunternehmen und Lieferanten«. Dabei ist auch er oft auf Baustellen unterwegs, schließlich gibt es Kundentermine vor Ort. Oder er klettert auf einen neuen Mast oder Turm. Klettern gehört zu seinen Aufgaben, denn Haaß ist als Projektleiter bei Turmbau Steffens & Nölle tätig und hat dementsprechend viel mit Türmen und Masten zu tun. Aktuell arbeitet er daran, einen älteren Sendemasten des Bayerischen Rundfunks auszutauschen: »Der alte Mast wurde gesprengt und der Sendebetrieb läuft zurzeit über einen provisorischen Antennenträger. Es liegt an uns, den neuen 174 Meter hohen abgespannten Stahlgittermast so schnell wie möglich aufzubauen, damit der reguläre Sendebetrieb im Herbst wieder aufgenommen werden kann.«

Es ist ein spezieller Markt, in dem die beiden Ingenieure arbeiten. Hier zählt, neben theoretischem Wissen, vor allem die Soft Skills im Umgang mit Kunden und Kollegen. Dabei muss vor allem der Kontakt mit ersteren nicht immer stockernst sein. Der Austausch eines 220 Meter hohen Masten auf einem Berg in Irland war für Haaß nicht nur sein erster abgespannter, das heißt von Stahlseilen gehaltener Mast überhaupt und das erste Projekt in dieser Größenordnung, sondern auch das erste im Ausland. Hinzu kamen ein umfangreiches Vertragswerk, neue Subunternehmer und Lieferanten, extrem schlechte Wetterbedingungen und unkonventionelle Verhandlungen: abends im Pub.

Bauprojekt wirtschaftlich durchleuchten

In solche Situationen muss man erst einmal hineinwachsen. Graf bestätigt, dass er an der Uni nicht unbedingt alles gelernt hat: »Unter anderem ist dies die wirtschaftliche Betrachtungsweise jeder Handlung. Viele Dinge, die man tut oder unterlässt, oder Entscheidungen, die man trifft, haben mehr oder weniger wirtschaftliche Auswirkungen auf den Projektausgang.« Schließlich muss am Ende der Kunde zufrieden sein.

Darin sieht der 41-Jährige auch den Reiz in seiner Arbeit. Für ihn gilt, die Kundenwünsche in geforderter Qualität zur Zufriedenheit des Unternehmens im gesteckten Zeitrahmen zu erfüllen: »Es ist schön, wenn ein Bauvorhaben abgeschlossen, der Kunde zufrieden ist, das Unternehmen noch etwas Geld verdient hat und man anhand des fertigen Bauwerks ›die Früchte‹ der Arbeit sieht«, fasst Graf zusammen.

Doch bis ein Bauvorhaben abgeschlossen ist, vergeht nicht nur einige Zeit, es gilt auch, viele bürokratische Hürden zu nehmen. Während Haaß erklärt, dass sich der bürokratische Aufwand in einem kleinen mittelständischen Unternehmen in Grenzen hält, konstatiert Graf, dass die Dokumentation in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen habe, was oft viele Papierberge und volle Datenträger mit sich bringe: »Ob dadurch allerdings ein Bauwerk besser wird, bleibt oft unbeantwortet.«

Er sieht die steigende Dokumentationsflut darin begründet, dass seit einigen Jahren oft Juristen mit in das Projekt eingebunden werden. Wenn dann plötzlich mehr Juristen als Ingenieure an Baubesprechungen teilnehmen, stehe nicht mehr das Bauvorhaben, sondern der Vertrag im Vordergrund, was schade sei: »Qualität muss man schließlich bauen und nicht nur dokumentieren.«


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