Frau hält gebasteltes Papierschiff in der Hand

Was Ingenieure im Schiffsbau erwartet

Ingenieure im Schiffsbau sind Experten für viele Spezialanfertigungen

Schiffbauingenieure brauchen keine Seetauglichkeit, sie gehen selten an Bord – doch ihre Arbeit ist mindestens genauso spannend wie die der Seefahrer. Moderner Schiffbau ist hochtechnologisch, extrem komplex und jeder Auftrag eine Maßanfertigung. 2013 lieferten deutsche Werften genau 20 Schiffe ab. Die Zahl deutet an, wie sehr sich der Schiffbau von Branchen wie beispielsweise der konzerngeprägten Automobilindustrie unterscheidet. Massenfertigung gibt es im Schiffbau nicht. Neuartige Produkte, technische Innovationen, steigende Umweltansprüche, eine größere Spezialisierung – das sind die Zukunftstrends im Schiffbau. »Zusätzlich zeichnet sich ein Trend zum maritimen Anlagenbau ab. Auf den deutschen Werften werden Schiffe für sehr spezielle Anwendungen gebaut, als Einzelstücke oder in kleinen Serien. Dafür braucht man sehr viel mehr Ingenieurleistung als für Standardschiffe wie etwa Containerfrachter oder Tanker, daher wachsen in diesem Bereich die Design- und Konstruktionsanteile und damit der Bedarf an gut ausgebildeten Ingenieuren«, erklärt Kathrin Ehlert-Larsen vom Verband für Schiffbau und Meerestechnik (VSM).

Im Schiffbau ist kein Auftrag wie der andere

Mit jedem neuen Projekt stehen Schiffbauingenieure vor einer völlig neuen Herausforderung. »Kein Schiff, kein Kunde ist wie der vorherige Auftrag«, sagt Dirk Petersen, Director Human Resources bei Nobiskrug. Die Rendsburger Werft, Teil des norddeutschen Werftenverbundes German Naval Yards, ist unter anderem für ihre Superyachten bekannt. »Hinzu kommt das äußerst komplexe Zusammenspiel verschiedener Disziplinen wie Schiffbau, Maschinenbau, Elektrotechnik und Ausrüstung – und das unter Beachtung von zeitlichen und wirtschaftlichen Vorgaben.« Das geht nicht ohne ein hohes Maß an Fachwissen. Nobiskrug stellt deshalb bevorzugt Masterabsolventen ein. »Unsere Erfahrung zeigt, dass das benötigte Know-how in der Regel erst in den Masterstudiengängen an den Fachhochschulen oder an den Universitäten vermittelt wird. Absolventen, die sich für das Projektmanagement interessieren, sollten außerdem betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse mitbringen.« Der Mittelständler beschäftigt Ingenieure in Bereichen wie Konstruktion, Ausrüstung, Maschinenbau und Baumethodik, aber auch im Vertrieb und Projektmanagement. »Da wir viele Projekte mit einem internationalen Bezug bearbeiten, sind fundierte Englischkenntnisse eine Grundvoraussetzung, um bei Nobiskrug oder einer unserer Kieler Schwesterwerften anzufangen.«

Schiffsingenieure planen auch Offshore-Anlagen

Das Schiff ist eines der ältesten Transportmittel der Welt. Und noch immer macht der Transport auf dem Meeresweg einen sehr wichtigen Anteil der Export- und Importwirtschaft aus. Entsprechend gut sind die Berufsaussichten für Absolventen im Schiffbau. Ingenieure werden in allen Zweigen der Schiffbauindustrie gebraucht: Sie konstruieren nicht nur Fluss- und Seeschiffe in unterschiedlichsten Arten und Größen, sondern planen auch Offshore-Anlagen. Zu ihren Aufgaben gehört das Entwickeln neuer Schiffstypen und -formen, sie konstruieren einzelne Schiffsteile, planen und überwachen die Fertigung und Montage und sind auch für Umbau- und Reparaturarbeiten zuständig. Gefragte Fachrichtungen sind neben dem Schiffbau auch Maschinenbau, Elektrotechnik und Wirtschaftsingenieurwesen. »Obwohl die Konkurrenz der asiatischen Werften groß ist, ist die deutsche Schiffbau- und Meerestechnikindustrie gut aufgestellt«, sagt Ehlert-Larsen. »Karrierechancen bestehen nicht nur auf Werften, sondern auch in der Zulieferindustrie, bei Klassifikationsgesellschaften, Ingenieurbüros, maritimen Versuchs- und Forschungsanstalten, Reedereien, Häfen, Wasser- und Schifffahrtsämtern oder Aufsichtsbehörden der Marine.« Und auch in verwandten Branchen wie dem Anlagenbau, der Offshoretechnik, dem Stahlbau oder der Luftfahrtindustrie sind Schiffbauingenieure gefragte Experten. »Die zunehmende Komplexität der Produktpalette bewirkt einen steigenden Bedarf an Ingenieuren. In den letzten Jahren hat sich der Trend zur Erhöhung des Ingenieuranteils an der Beschäftigtenzahl immer weiter fortgesetzt. In allen schiffbaurelevanten Fachrichtungen werden auf Werften und in der Zulieferindustrie Nachwuchsingenieure gesucht, so dass sowohl für Bachelor als auch Master beste Beschäftigungsperspektiven bestehen«, so Ehlert-Larsen.

Schiffsingenieure bei Becker Marine

Jedes einzelne Teil, das in einem Schiff verbaut wird, muss vorab von einer Klassifikationsgesellschaft abgenommen werden. Erst wenn das Bauteil durch den ›Schiffs-TÜV‹ gekommen ist, kann es in die Fertigung gehen. Als Spezialisten für die Konstruktion von Hochleistungsrudern sind die Ingenieure bei Becker Marine Systems in Hamburg für ein hochsicherheitsrelevantes Bauteil am Schiff zuständig. Die größten Ruder, die das Ingenieurbüro entwickelt, umfassen bis zu 100 Quadratmeter. Zu den Kunden zählen Werften, Reeder und Eigner auf der ganzen Welt. »Unsere Ingenieure sind von der Zeichnung bis zur Abnahme der fertig konstruierten Bauteile für den gesamten Ablauf eines Projekts zuständig. Sie sind nicht nur Designer, sondern stehen auch in Kontakt mit den Kunden und der Klassifikationsgesellschaft«, erklärt Wibke Wolf, HR-Managerin bei Becker Marine Systems in Hamburg. »Aufstiegsmöglichkeiten bietet die Fachlaufbahn, bei der man zum Experten für einen bestimmten Rudertyp wird. In der klassischen Führungslaufbahn kann man es bis zum Team- oder Abteilungsleiter schaffen.«

Ein weiterer Schwerpunkt des Unternehmens ist die Entwicklung von Energiesparlösungen, mit denen der Zustrom des Wassers auf den Schiffspropeller optimiert werden kann. Da das Unternehmen mehrere Büros in Asien, Norwegen und den USA betreibt und hauptsächlich ausländische Kunden beliefert, besteht die Möglichkeit, auch internationale Arbeitserfahrungen zu sammeln. Geschäftsreisen zu den Produktionsstätten gehören dazu. Gesucht werden sowohl Ingenieure aus der Fachrichtung Schiffbau als auch Maschinenbauer. Seit Kurzem baut das Unternehmen ein drittes Geschäftsfeld auf, bei dem es um die emissionsarme Versorgung von Schiffen mit Flüssigerdgas (Liquefied natural gas, kurz LNG) geht. Im Frühjahr wurde im Hamburger Hafen die LNG Hybrid Barge getauft, die von Becker Marine Systems entworfen wurde. Das ist das erste schwimmende Kraftwerk, das Schiffe während ihrer Liegezeit im Hafen mit Strom versorgt. Im Gegensatz zu schiffseigenen Generatoren verursacht das Flüssiggas keine Schwefeloxide oder Rußpartikel und der Ausstoß von Stickoxiden und Kohlendioxid wird verringert. HR-Managerin Wolf: »Auch in diesem Bereich werden wir in Zukunft einen erhöhten Bedarf an Ingenieuren haben.«


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