Zwei Leguane versuchen sich zu paaren
Nachwuchssorgen! apfelgrün / Quelle:PHOTOCASE

Nachwuchssorgen: Ingenieure der Elektrotechnik gesucht!

Elektrotechnik ist eine der klassischen Ingenieursdisziplinen. Dennoch müssen Unternehmen jeden Stein umdrehen, um qualifizierte Fachkräfte zu finden

Wie funktioniert eigentlich unser Navi im Auto? Oder der Speicherchip in der Digitalkamera? Und was genau sorgt im Schienenverkehr täglich dafür, dass Züge in Fahrt kommen? Mit diesen Fragen befasst sich die ›Sendung mit der Maus‹. Und auf höherem, ingenieurwissenschaftlichem Niveau auch die Elektrotechnik. Ihr Gegenstand sind, allgemein gesagt, Produkte, Systeme und Verfahren, die sich elektrische Energie zunutze machen. Und das ist in unserem technisierten Alltag eben eine ganze Menge. Wissenschaftliche Teilbereiche der Disziplin sind etwa die Informations- und Telekommunikationstechnik, die elektrische Energietechnik, die Automatisierungstechnik oder die Mikroelektronik. Hieraus leiten sich zahlreiche Arbeitsfelder ab, zum Beispiel:

In Sachen Themenvielfalt können sich junge Elektroingenieure also nicht beschweren. Und auch nicht über die Berufsaussichten:

Zwei von drei Hochschulabsolventen der Elektro- oder Informationstechnik schreiben beim Start ins Berufsleben weniger als fünf Bewerbungen. Sie stellen sich im Durchschnitt bei drei Arbeitgebern vor und wählen anschließend unter zwei Angeboten aus.

Viel Verantwortung für Berufseinsteiger der Elektrotechnik

Gleich zu Beginn des Berufslebens wird ihnen schon viel zugetraut: Von den Befragten, die seit zwei bis drei Jahren berufstätig sind, übernehmen zwölf Prozent bereits Personalverantwortung. 28 Prozent erwarten diesen Karriereschritt innerhalb der nächsten drei Jahre.


Doch welche Arbeitgeber kommen für Elektroingenieure konkret in Frage? Zum Beispiel technische Dienstleister wie der TÜV Rheinland. Der 28-jährige Kubilay Sababoglu arbeitet hier seit einem Jahr als Sachverständiger. Seine Aufgabe ist es, elektrische Anlagen in Verwaltungen, Fabriken oder anderen Gewerbegebäuden zu prüfen und zu beurteilen, ob diese fachgerecht installiert und instand gehalten wurden. Sein Fokus liegt derzeit auf den versicherungsrechtlichen Anforderungen, die der Verband deutscher Sachversicherer festgesetzt hat. Die Versicherer möchten hiermit Schäden an den Anlagen frühzeitig aufdecken mit dem Ziel, das Risiko von Bränden und Schäden in den Gebäuden zu minimieren. Sababoglu ist fast täglich im Außendienst tätig. In einem Supermarkt zum Beispiel, den andere nur als Kunden mit Einkaufswagen betreten, bekommt der Ingenieur einen Blick hinter die technischen Kulissen. »Diese Innensicht ist jedes Mal spannend«, sagt er. Der TÜV Rheinland bildet seine Sachverständigen in mehreren Etappen aus: Neben der versicherungstechnischen Expertise erlangen die Mitarbeiter zum Beispiel auch baurechtliches Wissen, das bei Gebäuden mit hohem Menschenaufkommen wie Sportstadien oder Shopping-Centern von besonderer Bedeutung ist. Nach vier bis fünf Jahren ist man als Sachverständiger auf allen prüfungsrelevanten Ebenen fit. Ingenieure, die frisch von der Uni oder Fachhochschule kommen, haben nach Angaben des TÜVsgute Karten, diese Laufbahn einzuschlagen, da sie die für die Ausbildung notwendige Theorie noch gut drauf haben.

Auch Sebastian Lange kann sein Wissen aus dem Studium im Beruf gut anwenden: Der Elektroingenieur hat im Bereich optische Messtechnik promoviert und arbeitet heute bei Arnold & Richter Cine Technik (ARRI), einem Spezialisten für komplexe Film- und Digitalkameras. »Bei meiner Arbeit bekomme ich Einblick in modernste Elektronik«, sagt der 33-Jährige. »Noch dazu lerne ich grundlegende Geschäftsprozesse kennen.« Denn als Test- und Produktionsingenieur ist er an der Schnittstelle zwischen Entwicklung und Produktion tätig: Er erstellt und wartet Testprogramme, die für die Fertigung von Kamerakomponenten benötigt werden – eine Aufgabe, bei der man es oft mit unterschiedlichen Programmiersprachen zu tun hat. Außerdem befasst er sich mit der Fehleranalyse von ausgefallenen Baugruppen. Die Erkenntnisse daraus kommuniziert er den jeweiligen Zulieferern und weist sie auf mögliche Probleme während des Herstellungsprozesses hin.

Im Automobilbereich sind Testverfahren ebenfalls an der Tagesordnung. Mit sogenannten Fahrzeug-Diagnosetestern beschäftigt sich Marcel Herchel beim Entwicklungsdienstleister Bertrandt. Die Geräte werden in den Werkstätten für den Kundendienst eingesetzt. Der junge Ingenieur entwickelt Abläufe für die Fahrzeugdiagnose. Diese werden in einer Java-basierten Umgebung implementiert, getestet und bei Bedarf angepasst. Neben diesen fachlichen fallen für den 30-Jährigen auch koordinative Aufgaben an: zum Beispiel die Überwachung der einzelnen Testphasen und deren Dokumentation oder die Einsatzplanung der Kollegen, die an einem Projekt beteiligt sind. »Gutes Selbstmanagement ist dabei besonders wichtig«, meint Herchel.

Die Medizintechnik ist ein weiteres wichtiges Einsatzfeld für Elektroingenieure. Technische Fortschritte in diesem Bereich tragen dazu bei, dass Menschen heute länger leben und dabei länger gesund bleiben. Die Medizintechnologie in Deutschland liegt nach Angaben des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed) bei Patenten und Welthandelsanteil auf Platz zwei hinter den USA. Ein Drittel ihres Umsatzes erzielen die deutschen Medizintechnikhersteller mit Produkten, die höchstens drei Jahre alt sind. Innovativ und dynamisch ist die Branche also allemal – und ihr Bedarf an Ingenieuren entsprechend hoch. In einer Online-Umfrage des BVMed von 2010 gaben 94 Prozent der Medizintechnikhersteller an, die Berufsaussichten für Ingenieure seien gut bis sehr gut. Bei Fachkräften lag der Wert bei 98 Prozent. Mit Technologien für die computergestützte Chirurgie beschäftigt sich beispielsweise Stryker am Standort Freiburg: Zu den Schwerpunkten des Unternehmens gehören chirurgische Navigationssysteme für verschiedene medizinische Disziplinen. Für die Entwicklung und Produktion dieser Systeme ist Stryker vor allem auf Elektroingenieure angewiesen. Zu ihren Arbeitsfeldern gehören etwa die Entwicklung von Kalibrierkonzepten für chirurgische Instrumente mit videobasierter Navigation, die Implementierung von Testsystemen oder die Fehlerursachenanalyse – Aufgaben, mit denen sich Max Sirkin seit einem Jahr bei Stryker beschäftigt. Detailtreues Arbeiten und Dokumentieren sind dabei besonders große Herausforderungen – und typisch für eine Branche, in der es um die Gesundheit des Menschen geht. Auch die Verzahnung unterschiedlicher Disziplinen gehört dazu: So hat Max Sirkin es bei seiner Tätigkeit mit Mechanik, Elektronik und Software zu tun und kommt noch dazu mit Marketing und selbstverständlich auch mit medizinischen Aspekten in Berührung: Denn bei jeder ihrer Entwicklungen arbeiten die Ingenieure eng mit Chirurgen unterschiedlicher Fachrichtungen zusammen.


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