Mann zieht sich Frauenschuh an

Wie du als Elektroingenieur einen passenden Arbeitgeber findest!

Die beruflichen Chancen für Elektroingenieure sind zwar gut. Trotzdem – oder gerade deshalb – sollte man bei der Suche nach dem Wunscharbeitgeber nichts dem Zufall überlassen

Die letzte Prüfung ist abgelegt, die finale Arbeit geschrieben. Die Pflicht ist absolviert. Das war’s also. Für rund 78.000 Absolventen der Ingenieurwissenschaft – davon kommen rund 12.000 aus der Elektrotechnik und Informationstechnik – steht wie in jedem Jahr ein grundlegender Wechsel an: Sie tauschen ab jetzt ihre Immatrikulationsbescheinigung gegen einen Arbeitsvertrag. So weit, so gut, so schwierig. Denn nun beginnen die heiklen Fragen: Habe ich während meiner Hochschulausbildung die richtigen Weichen gestellt? Die passenden Praktika gewählt? Wie und vor allem wo soll ich mich bewerben?

Dr. Heiko Mell, Personalexperte für den Arbeitsmarkt von Ingenieuren, rät dazu, Studium und die berufliche Planung an den drei IBA-Kriterien auszurichten:

  • Interesse
  • Begabung
  • Arbeitsmarkt

»Orientieren Sie sich an Mitschülern und Kommilitonen. Zeigen Sie ein ähnliches Interesse und ein vergleichbares Talent wie diejenigen, die deutlich überdurchschnittlich engagiert bei der Sache sind? Dann können Sie davon ausgehen, den richtigen Studien- und Berufsweg eingeschlagen zu haben«, erklärt Mell.

Allerdings dürfe man auch das Kriterium Arbeitsmarkt nicht aus den Augen verlieren. Studieneinsteiger sollten deshalb vor Beginn ihres Studiums und angehende Ingenieure vor der Wahl ihrer Spezialisierungsfächer eine sorgfältige Analyse des derzeit geltenden Arbeitsmarkts vornehmen, rät der Experte. Am einfachsten ist es, sich Internetstellenbörsen vorzunehmen und zu erkunden, wie oft bestimmte Fachrichtungen nachgefragt werden. Dann wird auch ein Fehler reduziert, den Heiko Mell immer wieder beobachtet: Studierende der Ingenieurwissenschaften folgen der Verlockung, auf Exoten zu setzen, weil eine neue Studienrichtung in Mode ist oder eine Hochschule Neuartiges anbieten will. »Jeder, der auf diesen Zug aufspringen will, muss sich darüber klar sein, wie risikobehaftet neuartige Schwerpunktthemen sein können, die jenseits bereits gefestigter Trends wie etwa E-Mobility oder Smart Grid anzusiedeln sind.«

Reicht der Bachelor oder doch lieber den Master machen?

Doch selbst, wenn die Richtung klar ist: Wie weit soll ich gehen? Den Bachelor machen und dann einen (aufgrund der aktuellen Arbeitsmarktlage fast sicheren) Berufseinstieg wählen oder das Studium durch den Master ergänzen oder besser: komplettieren?

Laut Statistischem Bundesamt verlassen derzeit rund 4.700 Studierende die Hochschule mit Diplom oder Magister. Knapp 7.000 haben ihren Bachelor abgelegt – was allerdings nicht ausschließt, dass sie nicht noch den Master draufsatteln.

Denn für etliche klassische Ingenieuraufgaben reicht der Bachelor in der Regel nicht aus. Für die Entwicklung von Fahrzeugen oder Energieanlagen werden normalerweise Ingenieure eingestellt, die den Master besitzen. Eine Ausnahme bilden lediglich diejenigen Unternehmen, die ihre Traineeprogramme speziell für Bachelorabsolventen ausgerichtet haben.

Worauf du bei der Wahl der Hochschule achten solltest

Aber auch die Wahl der Hochschule kann den späteren Werdegang entscheidend beeinflussen. Zum einen, weil sich die Konzepte und Studienordnungen der Universitäten und Fachhochschulen oftmals stark voneinander unterscheiden. Und zum anderen, weil Ruf und Standort einer Hochschule auch Auswirkungen auf die spätere Karriere haben können:

»Wir stellen immer wieder fest, dass Unternehmen das Image der Hochschule auch auf den Absolventen übertragen. Wer also von einer Eliteuniversität kommt, hat unter Umständen bessere Chancen als ein Absolvent von einem eher unbekannteren Hochschulort«, betont Christian Richter, Geschäftsführer der Ingenieur-Personalberatung select if.

Zudem spiele die Standortnähe der Hochschule zur angestrebten Arbeitsstelle oftmals eine Rolle. Siemens beispielsweise zeige tendenziell eher Interesse an bayerischen, RWE eher an Einsteigern aus renommierten nordrhein-westfälischen Hochschulen.

In der Regel lässt sich über die Karriereportale auch einiges über die (oftmals von Arbeitgeber wie Arbeitnehmer) gewünschten Wechsel von Positionen und Unternehmen ablesen. Als Faustregel gilt: Ein Wechsel ist alle drei bis fünf Jahre möglich, ohne negativ aufzufallen. Dabei sei allerdings zu beachten, dass mit zunehmender Berufserfahrung eher längere Verweilzeiten im Unternehmen erwartet werden als zu Beginn der Karriere. Ein Wechsel auf Teufel komm raus sollte allerdings in jedem Fall vermieden werden.

Doch wie und wie schnell überhaupt kommt man an seinen Traumjob?

Zunächst: Auch wenn laut der aktuellen Studie ›Young Professionals‹ des Verbands der Elektrotechnik/Elektronik/Informationstechnik (VDE) weniger als fünf Bewerbungen und zwei Vorstellungsgespräche nötig sind, um einen Arbeitsvertrag unter Dach und Fach zu bringen: Eine Bewerbung braucht Zeit. Von der Online- oder Printanzeige bis zum eigentlichen Entscheid können Monate vergehen. Die ersten Vorstellungsgespräche finden meist drei Wochen und spätestens zwei Monate nach Erscheinen der Anzeige statt. Zusätzlich empfehlen Fachleute Kontakte etwa über den VDE beziehungsweise das VDE YoungNET zu nutzen. Hinzu kommt: »Die meisten Studierenden glauben, mit dem Studium hätten sie die geforderte Qualifikation erreicht.

Tatsächlich aber verfügen sie nur über eine Anhäufung von Wissen. Unternehmen stellen aber keine Wissensträger ein, sondern Menschen. Wer sein Studium bis dato also auch als Spielwiese für soziale Kompetenzen nutzt, wird erfolgreicher sein bei der Suche nach seinem passenden Beruf«, erklärt Rainer Schmidt, der Absolventen des VDE YoungNet Berufsseminare anbietet. Längst nicht außer Mode gekommen sind auch Initiativbewerbungen. Immer noch gilt: Wer sich initiativ bewirbt, zeigt, dass er echtes Interesse hat und nicht jeden Job annimmt. Doch unabhängig davon, ob man sich für eine ausgeschriebene oder initiativ für eine Stelle interessiert: In der Regel kommt eine vorherige telefonische Kontaktaufnahme bei Personalverantwortlichen gut an. Der Bewerber zeigt sich engagiert und wirkt motiviert, zielstrebig und kommunikativ.

Auf ein eher irritierendes Phänomen macht Christian Richter aufmerksam. Studierende engagieren sich jahrelang für ihr Studium, um gute Voraussetzungen für einen Berufseinstieg zu schaffen und vernachlässigen dann den Ausbau ihrer Kompetenzen in Sachen Selbstvermarktung.

»Studierende haben teilweise Probleme, ihre Bewerbungsunterlagen gut zu strukturieren, ihre Fähigkeiten sauber herauszuarbeiten und dies auch auf das Vorstellungsgespräch zu übertragen«, kommentiert Richter. Deshalb sei es wichtig, ein Seminar zu besuchen oder sich professionelle Beratung zu suchen: »Gerade weil man im Studium in der Regel nichts dem Zufall überlässt, sollte man auch den Berufseinstieg gezielt planen.«

 

 


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