BDEW-Präsident

»Deutschland wird von Jahr zu Jahr ›grüner‹ «

Im Interview verrät BDEW-Präsident Johannes Kempmann, wie die Energiebranche der Zukunft aussehen wird und warum es noch dauert, bis deutscher Strom komplett nachhaltig sein wird

Herr Kempmann, mal ehrlich: Wie schwer fällt es Ihnen als Grüner und ehemaliger Aktivist gegen Gorleben, nun für die Interessen der Energiekonzerne einzutreten?

Das passt gut zusammen. Der BDEW vertritt die Interessen von über 1.800 Unternehmen und da sind mittlerweile schon etliche aus dem Bereich erneuerbare Energien dabei. Es entspricht im Übrigen längst nicht mehr der Wirklichkeit, dass die einen allein für den Ausbau der erneuerbaren und die anderen ausschließlich für die konventionellen zuständig sind. In dieser Phase heftiger Umbrüche Präsident des BDEW zu sein, ist eine spannende Aufgabe.

Wieso ist noch nicht alles nachhaltig und grün im Energiesektor?

Deutschland wird von Jahr zu Jahr ›grüner‹. Im internationalen Vergleich belegen wir Top-Plätze, wenn es um den Ausbau der erneuerbaren Energien geht. Aber ein so großer Umbau wie der unseres Energiesystems geht nicht von heute auf morgen: Bei der Energiewende handelt es sich schließlich um das größte Infrastrukturprojekt seit der deutschen Wiedervereinigung. Eines Tages werden die erneuerbaren Energien das Leitsystem unserer Energieversorgung sein. Dafür müssen alle aber noch viel tun. Aktuell können die erneuerbaren Energien die Versorgung in Deutschland nicht sichern. Deshalb werden die fossilen Energien auf lange Sicht eine wichtige Funktion in unserer Stromversorgung haben. Denn bei allem, was wir in Deutschland vorhaben: Es muss gewährleistet sein, dass die Stromversorgung bezahlbar und rund um die Uhr, an jedem Ort sicher bleibt.

Seit dem Einstieg in die erneuerbaren Energien: Wie sehr ist die Branche in den letzten Jahrzehnten gewachsen?

Der Anteil der regenerativen Energien an der Bruttostromerzeugung wächst und liegt aktuell bei 26 Prozent. Entsprechend wächst auch die Zahl der Anbieter in diesem Bereich – etliche Unternehmen haben sich rund um diesen Zukunftsmarkt aufgestellt, ob mit technischen Produkten, Services oder Finanz- und Beratungsleistungen. Dazu zählen im Übrigen auch die klassischen Versorger mit ihren neuen Geschäftszweigen oder Tochterunternehmen. Auch die Beschäftigungszahlen haben sich in den letzten zehn Jahren nahezu verzehnfacht.

Welche Schwerpunkte sollte ein Ingenieur in seinem Studium setzen, wenn er die Energiewende mitgestalten möchte?

Für die Umsetzung der Energiewende brauchen wir Energie-, Klima- oder Umweltingenieure, aber auch gute Leute in den kaufmännischen Berufen sowie im handwerklichen Bereich. Etwa bei der Installation und Wartung von Windanlagen gibt es bereits jetzt einen Mangel an Fachkräften. Ähnlich ist es bei Ingenieuren, die die künftige Energieversorgung durch intelligente Netze steuern werden. Neue Berufsbilder, die es vor Jahren noch nicht gab, werden künftig noch stärker gefragt sein: Regulierungsmanager, Power-Trader, Portfoliomanager oder Netzingenieure. Die Energieunternehmen werden zusätzliche IT-Fachkräfte benötigen, damit die Kommunikation zwischen der Netzleitstelle und dem Haushalt noch intelligenter wird.

Wie soll die Energiewende finanziert werden?

Die Energiewende kostet Geld – für die Menschen in Deutschland und in Europa. Deshalb sind wir alle aufgefordert, den Umbau der Energieversorgung so effizient wie möglich zu gestalten. Wir haben uns deshalb dafür eingesetzt, dass zukünftig die Höhe der Vergütung für regenerative Anlagen über Ausschreibungen ermittelt wird, statt eine fixe Vergütung über 20 Jahre zu garantieren. Zur Frage, wie die Energiewende finanziert wird, gehört auch die Frage nach Investoren – denn ohne entsprechende Investitionen werden wir nicht erfolgreich sein. Das Problem: Die sich ständig verändernden politischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen stellen oft keine verlässliche Grundlage für unternehmerische Entscheidungen dar. Wie viel das Projekt insgesamt kostet, hängt also auch wesentlich von politischen Entscheidungen ab.

Inwiefern wird bei der Energiewende manchmal an den echten Sorgen der Bürger vorbeigeredet?

Keine neue Technologie kann ohne die Zustimmung der Menschen erfolgreich sein. Heute ist die Energieversorgung viel sichtbarer als früher: In Form von Windanlagen, Photovoltaik- und Biogas-Anlagen und zusätzlichen Stromleitungen. Bei den notwendigen Verständigungsprozessen kommt es deshalb darauf an, die unterschiedlichen Perspektiven von Bürgern, Planern, Verwaltung, Politik, Unternehmen, NGOs und Medien zu kennen. Energiewende bedeutet aber auch Veränderung, letztlich müssen die Menschen in Deutschland auch bereit sein, die notwendigen Veränderungen zu akzeptieren, sonst scheitert das Projekt.

Wie wichtig mag Energie in der öffentlichen Wahrnehmung letztendlich überhaupt sein?

Energie zählt heute zu den Top-Themen in der öffentlichen Debatte. Der Begriff ›Energiewende‹ ist weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Die ganze Welt schaut gespannt auf uns, ob wir das ehrgeizige Projekt erfolgreich meistern. Denn die Versorgung mit Energie ist Grundvoraussetzung für eine funktionsfähige Volkswirtschaft. Nachhaltiges Wachstum, Zukunftsfähigkeit und Lebensqualität für die Menschen können nur gesichert werden, wenn die Energieversorgung in bewährter Weise funktioniert. Im Rahmen der Energiewende wird auch der Kunde zum ›Prosumer‹, der bisherige Konsument also zum Wertschöpfer und Partner. Auch deshalb interessieren sich die Menschen für das Thema Energie und alles, was dazugehört.

Wie teuer darf Energie noch werden, wenn zum Beispiel in Großbritannien tausende Menschen, vor allem ältere, den Kältetod sterben?

In Deutschland gibt es so etwas wie ›Energiearmut‹ nicht und darf es auch nicht geben. Eine Unterbrechung der Energieversorgung im Falle einer möglichen Gefahr für Leib und Leben kommt grundsätzlich nicht in Betracht. Die Energieversorgungsunternehmen stellen sich Ihrer gesellschaftlichen Verantwortung und fördern einen sparsamen und sinnvollen Umgang mit Energie. Sollten Kunden einmal in Zahlungsschwierigkeiten geraten, bieten die Energieversorger verschiedene Lösungen an. Wichtig ist, dass der Kunde sich frühzeitig mit seinem Energieversorger in Verbindung setzt.

Laptops, Smartphones, Elektroautos – wie herausfordernd sieht die Zukunft für die Energiebranche auch aufgrund der erhöhten Nachfrage aus?

Man kann sagen, dass Strom eine Art ›Grundnahrungsmittel‹ für alle Bereiche unserer Zivilisation geworden ist. Strom avanciert zum Impulsgeber für fast alle technischen Leittrends der Zukunft. Damit steigt die Nachfrage. Deshalb ist es eine wichtige Aufgabe, die Energieeffizienz von Geräten, Maschinen und Anlagen deutlich zu erhöhen. Ich bin zudem davon überzeugt, dass sich das Leben und Wohnen der Menschen in Zukunft erheblich verändern wird. Wenn zum Beispiel die Entwicklungen beim ›Smart Home‹ erfolgreich weitergeführt werden, könnte die Steuerung von Häusern und Wohnungen zukünftig über eine Software geleistet werden, die Wohn- und Lebensgewohnheiten der Menschen berücksichtigt und den Energieverbrauch anpasst. Dadurch können Systeme entstehen, die sehr ökonomisch arbeiten. Hier darf man natürlich die Themen Datensicherheit und Datenschutz nicht außer Acht lassen.

Inwiefern mag das auch bedeuten, dass der Verbraucher ab und an Verzicht üben muss, beispielsweise durch eine Stromabschaltung über Nacht?

Es wird nicht so sehr um Verzicht gehen, sondern um eine intelligente Steuerung von Stromangebot und Stromnachfrage. Das basiert auf einem sehr komplexen Datenmanagement. Zentrale Fragen dabei lauten: Wie gehen wir mit den Daten der Verbraucher um, wie lassen sie sich nutzen – aber auch schützen? Was ist die Balance zwischen Beherrschbarkeit von Energiedatenströmen auf der einen Seite und effizienter Vernetzung und neuen Businessmodellen auf der anderen? Der BDEW beschäftigt sich mit diesen und weiteren Zukunftsfragen ausgiebig und die Unternehmen der Energiewirtschaft erschließen neue Geschäftsbereiche – dazu gehören beispielsweise auch Lösungen für ein innovatives Lastmanagement oder Flexibilisierungsoptionen durch Erdgas- und Elektromobilität. Wenn im Jahr 2050 80 Prozent des Stroms erneuerbar sind, liegt darin also auch eine große Chance: Der Strom wird dann hoffentlich äußerst umweltfreundlich produziert, hocheffizient übertragen und in vielen Endanwendungen effizient genutzt. n sdr, kk


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