Energieeffizienzklassen neben Haus
pixabay

Energieeffizienz: Mangelt es an Ingenieurnachwuchs?

Ein Stiefkind der aktuellen Energiediskussion: die Energieeffizienz. Mangelt’s hier auch an Ingenieurnachwuchs?

Vor 30 Jahren hat sich noch keiner darum geschert. Energie war billig und Energiesparen damals den Köpfen wahrscheinlich so fern wie heute das Waldsterben. »Die Energiekosten waren so weit unten – man hat gezahlt und gut war’s«, erinnert sich Harald Hentze. »Aktuell ist Energiemanagement aber ein ganz heißes Thema.«

Der Elektroingenieur kontrolliert die Energieverbräuche der Uni Stuttgart und versucht diese zu reduzieren, wo es nur geht. Seine offizielle Stelle als Energiemanager wäre vor ein paar Jahren ebenfalls noch nicht denkbar gewesen. »Inzwischen kommen immer mehr Firmen auf den Trichter, dass man in dieser Richtung etwas machen muss«, meint er. ›Energieeffizienz‹ lautet das Schlagwort.

Energieeffizienz: Nachholbedarf

»Dieses Thema hat noch Nachholbedarf «, bestätigt Philipp Emmerich, der sich im Rahmen seiner Doktorarbeit seit über zwei Jahren mit der Energieeffizienz an deutschen Hochschulen beschäftigt. Größere Hochschulen hätten einen Energieverbrauch vergleichbar einem kleinen Dorf mit etwa 5.000 Einwohnern, weiß er. »Mittlerweile kommt ein bisschen Fahrt in diese Sache. Aber als ich angefangen hatte, stand ich noch allein auf weiter Flur.« Demgegenüber hätten die erneuerbaren Energien schon eine starke Entwicklung gemacht. »Aber auch bei den Erneuerbaren sind noch Effizienzfortschritte möglich«, gibt er zu bedenken. »Für mich verschwimmen hier die Begrifflichkeiten: Die erneuerbaren Energien und die Bereiche Energieeffizienz und -einsparung müssen Hand in Hand gehen, um übergeordnete Klimaschutzziele zu erreichen.«

Der gleichen Meinung ist Professor Axel Mertens von der Leibniz- Universität Hannover: »Das Thema Energieeffizienz wird immer etwas stiefmütterlicher behandelt als das Thema der Energieerzeugung auf regenerativem Wege. Warum, weiß ich nicht«, rätselt er. »Es ist wohl anschaulicher, dass man etwas für die Umwelt tut, wenn man ein Windrad aufbaut oder eine Photovoltaikanlage aufs Firmendach montiert, als wenn man für andere nicht sichtbar den Energieverbrauch um 20 Prozent drosselt.«

Drei Stufen für eine effiziente Energieproduktion

Mertens macht drei Stufen aus, die für eine effiziente Energieproduktion und -nutzung unumgänglich sind: »Erst einmal muss die Umwandlung der Energie auf Strom möglichst effizient erfolgen. Im nächsten Schritt sollte bei Transport und Verteilung effektiv gearbeitet werden. Und im dritten Schritt hat die Anwendung natürlich möglichst effizient zu erfolgen.«

Dabei lägen die größten Einsparpotenziale heutzutage im dritten Schritt, der Anwendung. »Ein Beispiel sind Gebäude, da geht viel Wärme über Fenster und Dächer verloren. Auch in industriellen Prozessen gibt es eine große Vielfalt an Anknüpfungspunkten. Dabei besteht allerdings die Problematik, dass Verbesserungen häufig nur in einer speziellen Anlage sehr zielgerichtet vorgenommen werden können.« Massenproduktion und Pauschallösungen helfen also nicht weiter. »Hier kommen wir an den Punkt, an dem Institute und Universitäten helfen und beraten können«, meint Mertens.

Riesiger Bedarf an Ingenieuren

»Ideen werden häufig an der Uni geboren«, bestätigt auch Harald Hentze und ergänzt: »Aber die Universitäten haben ohne Fremdmittel praktisch keine Möglichkeiten, sie in der Realität umzusetzen beziehungsweise Serienprodukte herzustellen. Deswegen ist der Bedarf an Ingenieuren in der Wirtschaft so groß – um Ideen für die Öffentlichkeit zugänglich und nutzbar zu machen.« Die guten Aussichten für Ingenieure auf diesem Feld unterstreicht Professor Mertens: »Uns werden die Ingenieure, was Energietechnik angeht, quasi aus den Händen gerissen!«Philipp Emmerich von der Uni Kassel ist ebenso sicher, dass Ingenieure in allen Bereichen gefragt sind: »Forschung, Entwicklung, Planung, Vertrieb ...«, zählt er auf. »Nachwuchsbedarf gibt’s überall und inzwischen auch unzählige Studiengänge dazu. Aus meiner Erfahrung heraus kann ich denen raten, die nur einen Bachelor ablegen wollen, sich sofort auf die erneuerbaren Energien zu fokussieren. Für die, die darüber hinaus noch einen Master machen wollen, bietet sich an, erst einen grundständigen Studiengang wie Maschinenbau oder Elektrotechnik zu wählen, und sich dann erst auf die Erneuerbaren zu spezialisieren.«

Flaschenhals beim Ausbau der erneuerbaren Energien

Der Mangel an Ingenieurnachwuchs, meint Emmerich, sei der Flaschenhals beim Ausbau der erneuerbaren Energien – und damit auch dem Vorantreiben der Energieeffizienz. »Wer in diesem Bereich einsteigen will, braucht sich wahrscheinlich keine Sorgen um einen Job zu machen.« Professor Mertens fügt an: »Wir haben mehrere Felder, die momentan boomen. Die Elektromobilität zum Beispiel und Industrieausrüstungen beziehungsweise alles, was elektrisch bewegt wird. Das Thema Energie ist aber am langfristigsten und nachhaltigsten. Da wird auch auf lange Sicht sehr viel Bedarf an Arbeitskräften sein. Das gilt in verstärktem Maße für Elektrotechniker, denn in den vergangenen Jahren sind hier die Studentenzahlen nicht so stark gestiegen wie zum Beispiel im Maschinenbau.«

Dass sich in naher Zukunft noch völlig neue Energiegewinnungsmethoden auftun werden, für die spezielles Know-how benötigt würde, glaubt Philipp Emmerich nicht. »Es gibt immer vermeintliche Zukunftstechnologien, die ›gehypt‹ werden. Die Kernfusion wird schon seit 50 Jahren als Lösung aller Energieprobleme propagiert«, sagt er. »Sicher gibt es einige Technologien, die noch ganz am Anfang stehen und hohe Potenziale haben, aber ich würde den Fokus eher auf das legen, was bereits existiert – wie Wind- und Sonnenenergie und eben die Energieeffizienz.« Dass der Ausbau von Windenergieanlagen gerade im südlichen Raum Deutschlands erheblich stockt, bedauert er. »Mit den Wirkungsgradsteigerungen kommt man mittlerweile an Grenzen. Aber es sind noch riesige Potenziale vorhanden, die mit der vorhandenen Technik ausgeschöpft werden könnten.« Harald Hentze wäre glücklich, wenn Ingenieurstudenten auch in ganz neue Richtungen forschen würden. »Ich denke zum Beispiel an den Piezo- Effekt, womit – integriert in Verkehrswegen – durch Druck Spannung erzeugt werden könnte«, schlägt er vor. »Als vor 118 Jahren die Photozelle erfunden wurde, war eine Energiegewinnung wie im heutigen Stil noch nicht vorstellbar gewesen. Es gibt garantiert noch eine Menge Möglichkeiten, an die man heute noch gar nicht denkt. Man muss nur kreativ sein!«


Anzeige

Anzeige