Starkstromsteckdose in bemalter Landschaft

Hiervon mehr, davon weniger

Ingenieure der Umwelttechnik kümmern sich darum, dass Energie effizienter und die Umwelt gesünder wird

Für diejenigen, die davon noch nichts gehört haben, lässt das 20-20-20-Ziel viel Raum für Spekulationen. Da sie doch zu leicht ins Semi-Lustige abdriften könnten, nehmen wir sogleich Abstand von diesen und lösen auf: Das 20-20-20-Ziel ist ein Richtlinien- und Zielpaket für Klimaschutz und Energie, worauf sich die Europäische Union im Dezember 2008 geeinigt hat. Dieses Paket peilt folgende Ziele konkret an: 20 Prozent weniger Treibhausemissionen als im Jahr 2005, 20 Prozent Anteil an erneuerbaren Energien und 20 Prozent mehr Energieeffizienz. Dabei tragen zur Reduktion der Treibhausemissionen alle Mitgliedstaaten bei – allerdings mit unterschiedlichen nationalen Zielen. Demnach bekommen beispielsweise Großemittenten wie Industrieanlagen und Kraftwerke im Jahr 2020 nur 21 Prozent weniger Emissionsrechte als im Jahr 2005. Österreich hingegen ist verpflichtet, die übrigen Emissionen bis 2020 um 16 Prozent gegenüber 2005 zu reduzieren. Selbstredend dürfen auch mehr CO2-Emissionen eingespart werden, was Deutschland dazu veranlasst hat, eine vierzigprozentige Einsparung bis 2020 erreichen zu wollen. Ein hehres Ziel, das – unabhängig von dessen realistischer Umsetzung – das Know-how vieler Experten und Fachkräfte erfordert.

Facettenreicher Job für Ingenieure

Konstantin Kurz ist einer dieser Know-how-Träger. Der Vertriebsingenieur ist bei der Vaillant Group tätig und arbeitet täglich an diesen Klimaschutzzielen der EU, indem er unter anderem Energiekonzepte bewertet und erstellt. Konkret heißt dies in seinem Fall, den Vertrieb von Heizsystemen zu unterstützen.

»Meine Arbeit teilt sich in Innen- und Außendiensttätigkeiten auf. Der Außendienst beginnt damit, dass ich Architekten und Ingenieurbüros in der Planung und Konzepterstellung unterstütze und endet mit der technischen Beratung des Fachhandwerks bei der Umsetzung auf der Baustelle«, erklärt der 27-Jährige, der an der BA Glauchau Versorgungs- und Umwelttechnik studiert hat.

Kurz arbeitet dabei stets gleichzeitig an einer Vielzahl von Projekten in unterschiedlichen Baufortschritten. Eines seiner aktuellsten Projekte ist ein Gebäude mit Fitnessstudio in Karlsruhe, in dessen obere Etagen 32 Studentenzimmer und vier Wohnungen gebaut werden:

»Das Gebäude soll mit einem Blockheizkraftwerk und hocheffizienter Gas-Brennwerttechnik beheizt und mit Strom versorgt werden. Diese Anlage ist sehr umweltschonend und energiesparend im Betrieb, da die Heizkraftwerke den Strom dort produzieren, wo er verbraucht wird und diese die dabei anfallende Wärme zum Heizen und für die Warmwasseraufbereitung nutzen«, erklärt der Ingenieur weiter.

Wenngleich seine Tätigkeit durchaus sehr ›ingenieurslastig‹ ist, so beinhaltet Kurz’ Arbeit auch juristische Aspekte – schließlich muss er, um allen rechtlichen Anforderungen gerecht zu werden, einschlägige Normen, Richtlinien und Gesetze anwenden: »Außerdem bin ich in Vertragsverhandlungen und im Verkauf der Anlagen auch kaufmännisch tätig«, so der Vertriebsingenieur weiter.

Interdisziplinäres Arbeiten ist auch ein wichtiger Teil im Arbeitsalltag von Tobias Wagner. Der ebenfalls 27-Jährige ist häufig auf Kollegen mit Spezialwissen aus anderen Abteilungen angewiesen – Wissen, das »ein Umweltingenieur normalerweise nicht mitbringt« wie zu Themen über Instandhaltung, Controlling oder Qualitätsmanagement. Wagner arbeitet als Immissionsschutzbeauftragter und Energiemanager beim Chemiespezialisten Budenheim. Dank dieser Interdisziplinarität und dem breiten Themenfeld lerne er ständig etwas Neues und sei stets angehalten, sich in neue Bereiche einzuarbeiten. Wagners Tätigkeit erfordert dabei einerseits großes Fachwissen und damit hohe Lern- und Leistungsbereitschaft, auf der anderen Seite muss er teamfähig, zuverlässig und kritikfähig sein – schließlich arbeitet er mit vielen Kollegen zusammen, kommuniziert Themen intern und hält Schulungen. Aktuell bereitet er eine Inhouse-Schulung für die internen Auditoren vor, initiiert ein Pilotprojekt zur Steigerung der Biodiversität auf dem Werksgelände und verbessert die unternehmensinterne Kommunikation von Umwelt- und Energiethemen. So abwechslungsreich sein Job ist, so sehr steht dieser auch für Nachhaltigkeit:

»Durch unser zertifiziertes Energie- und Umweltmanagement trägt die Arbeit als Umweltingenieur täglich dazu bei, den Umweltschutz weiter zu verbessern. Unsere Arbeitsprozesse unterliegen einem ständigen Verbesserungsprozess. Jährlich werden neue Ziele festgelegt sowie Tätigkeiten und Abläufe optimiert. Eines unserer langfristigen Ziele bis 2020 besagt, dass wir die Energieeffizienz um 15 Prozent steigern und unsere Treibhausgasemissionen um 15 Prozent reduzieren wollen.«

 

Die Arbeit von Ingenieuren der Umwelttechnik hat allgemein viel mit Reduzierung zu. Stefan Trittler beispielsweise arbeitet momentan daran, den Dieselverbrauch einer australischen Gold- und Kupfermine zu minimieren: Sein Arbeitgeber juwi plant den Bau eines der weltweit größten Solar-Hybrid-Kraftwerke. »Das 10,6 Megawatt starke, einachsig nachgeführte Sonnenkraftwerk sowie ein Sechs-Megawatt-Batteriespeicher werden nach Fertigstellung vollständig in das bereits bestehende 20-Megawatt-Dieselkraftwerk des Bergwerks integriert sein. Tagsüber wird dann kostengünstiger Solarstrom den Großteil der Energieversorgung übernehmen«, erklärt Trittler, der am Umwelt-Campus Birkenfeld an der FH Trier Wirtschaftsingenieurwesen/Umwelttechnik auf Diplom studiert hat und nun als Technical Expert Hybrid Systems tätig ist.

Im Rahmen dieses Projekts steht er nicht nur im engen Austausch mit seinen Kollegen aus dem Vertrieb und der Technik bei juwi Australien, sondern auch mit verschiedenen Lieferanten, da der erstmalige Einsatz von Lithium-Ionen-Technik einen hohen Abstimmungsbedarf nötig macht. Hinzu kommen Simulationen zur Berechnung der Photovoltaik-Erträge beziehungsweise der Diesel-Ersparnisse und damit der Wirtschaftlichkeit.

Auch außerhalb dieses Pilotprojekts wird dem 34-Jährigen alles andere als langweilig: Im Produktmanagement Speicher/Hybrid Systeme ist er für den technischen Kontakt zu Lieferanten, die technische Unterstützung des Einkaufs, die Suche und Prüfung geeigneter Produkte, die Entscheidung über das Produktportfolio sowie dessen interne Schulung und Info-Pflege verantwortlich. Als Simulationsexperte im Bereich Speicher/Hybrid Systeme simuliert er weltweite Projekte mit unterschiedlicher Software und entwickelt juwi-eigene Simulations-Software. Hinzu kommen seine Aufgaben im Vertriebssupport, die die Unterstützung der weltweiten Vertriebseinheiten im Bereich Speicher- und Hybrid-Projekte, interne Schulungen der Vertriebseinheiten, Kundenschulungen und Messe-Unterstützung sowie Teilprojektmanagement umfassen.

Es erstaunt nicht allzu sehr, dass er seine Tätigkeit als »sehr abwechslungsreich« bezeichnet. Außerdem sei er einerseits Generalist, da er in vielen Teilbereichen auf das Know-how anderer Kollegen zurückgreife, andererseits aber auch Experte für Speichertechnologien – als Teil eines Teams. Dass dies oftmals mit gewissen Herausforderungen verbunden ist, versteht sich quasi von selbst, vor allem, wenn eine Zusammenarbeit mit Kollegen auf der anderen Seite der Welt stattfindet, mehrere Projekte gleichzeitig laufen, deren Priorität sich aber immer wieder ändert, die Zusammenarbeit mit Kollegen und Lieferanten eine gute Koordination erfordert und sich die Aufgabenstellungen sowie Projektanforderungen oftmals ändern. Dass es auch in Zukunft alles andere langweilig wird, dafür sorgen bereits die Umstände. Denn das 20-20-20-Ziel erreicht sich – schätzungsweise – nicht von alleine.


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