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Ingenieure in der Lebensmittelindustrie haben Verantwortung

Nahrungsmittel sind ein kostbares Gut. Ihre Produktion bietet anspruchsvolle Herausforderungen für Ingenieure

Es ist schon beachtlich, was Otto Durchschnittsdeutscher im Laufe seines Lebens so alles verdrückt: zum Beispiel 5.192 Brote, 3.360 Tafeln Schokolade, runtergespült mit wahlweise 8.857 Liter Bier, 77.000 Liter Kaffee oder 3.700.000 Liter Wasser. Fakt ist, wir essen und trinken einfach gerne: Nicht immer Haute Cousine – jeder Deutsche aß im Jahr 2014 durchschnittlich etwa 42,2 Kilogramm Tiefkühlware und an Weihnachten gibt es in 36 Prozent der deutschen Haushalte Würstchen mit Kartoffelsalat – dafür aber lassen wir uns das Füllen unserer Bäuche auch gerne etwas kosten. Im Jahr 2014 investierten laut Angaben des Statistischen Bundesamtes die Privathaushalte in Deutschland rund 142 Milliarden Euro in den Konsum von Nahrungsmitteln. Das reicht satt, um eine umfangreiche Industrie zu beflügeln: Die Nahrungsmittelindustrie. Der Bereich umfasst 35 Einzelbranchen, von der Süßwarenproduktion bis zur Fleischwarenindustrie, und gehört mit etwa 556.000 Beschäftigten in über 6.000 Betrieben zu den Big Five der deutschen Branchen. Auch für Ingenieure bietet dieses Betätigungsfeld vielfältige Möglichkeiten.

Produktionsverluste gering halten

So zum Beispiel auch für Nils Schuster. Der 31-Jährige arbeitet als Projektingenieur bei Danone in Ochsenfurt. Dort hat man sich auf die Herstellung von Milchfrischeprodukten wie Joghurt oder Desserts spezialisiert.

Zu seinen Aufgaben zählt es mitunter, die Verluste, ergo die Vernichtung von eigentlich noch brauchbaren Lebensmitteln im Produktionsprozess so gering wie möglich zu halten. Das ist nicht nur ökonomisch effizient, sondern auch mit einer besonderen Verantwortung verbunden, denn schließlich handelt es sich bei Nahrungsmitteln um ein kostbares Gut.

Eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Das sieht auch Luisa Bertmann so. Nachdem die 25-Jährige ihren Bachelorabschluss in Lebensmitteltechnologie an der Beuth Hochschule für Technik in Berlin in der Tasche hatte, legt sie aktuell den Master of Science im Fach Lebensmittel- und Bioproduktechnologie an der Hochschule Neubrandenburg nach. Die gesellschaftliche Relevanz ihres künftigen Berufszweigs hat die angehende Ingenieurin deutlich vor Augen: »Gegessen wird immer – mit meinem Wissen aus dem Studium möchte ich dazu beitragen, dass der Bevölkerung sichere und hochwertige Lebensmittel angeboten werden. Mir ist bewusst, dass ich hier in meinem späteren Berufsfeld eine große Verantwortung übernehmen werde. Durch meine ersten Einblicke in die Praxis, zum Beispiel bei einem der führenden Lebensmittelkonzerne, wurde mir auch klar, wie wichtig es ist, das theoretische und fundierte Wissen aus meinem Studium im realen Tagesgeschäft wirklich so umzusetzen.«

Die Anforderungen sind alles andere als niedrig

Dieses Tagesgeschäft für Ingenieure in der Lebensmittelindustrie bringt so einige ganz spezielle Anforderungen für Ingenieure mit, denn: Das Produktionsgut ist zumeist nicht besonders lange haltbar – stehen die Maschinen, hat dies demnach nicht nur Lieferungsverzögerungen zufolge, welche die Kunden vergrämen, sondern verursacht das auch schnell immense Kosten für die Vernichtung der verderblichen Ware. Nils Schuster weist auch auf die strengen Hygienevorschriften hin, die unter anderem im Maschinendesign im Produktionszyklus beachtet werden müssen:

»Aufgrund des Fremdkörperrisikos sollen so wenige Schrauben wie möglich verwendet werden. Zudem müssen die Anlagen vollständig gereinigt werden können und auch gegenüber einer häufigen Reinigung beständig sein. Dies sind Herausforderungen, die sich in anderen Branchen so nicht direkt ergeben.«

Produktvielfalt erfordert Innovationen und Flexibilität

Darüber hinaus wächst die Produktvielfalt stetig – sicherlich auch auf Nachfrage konsumverwöhnter Kunden hin: In immer kürzeren Abständen verlangen diese neue Produkte und Innovationen bei gleichzeitig immer kleiner werdenden Produktchargen. Die Innovationsaufwendungen der deutschen Nahrungsmittelindustrie betrugen im Jahr 2013 allein über 2,7 Milliarden Euro. Ein Muss, denn der neue Sortenreichtum kann schließlich nur mit äußerst flexiblen Produktionslinien bewerkstelligt werden.

Nebenbei bemerkt, nur wenige Produkte schaffen es tatsächlich, sich umsatzträchtig auf dem Markt zu etablieren. Besonders ertragreich scheinen hingegen sogenannte Nachahmerinnovationen zu sein, Produkte, welche zum Zeitpunkt ihrer Einführung bereits durch ein anderes Unternehmen auf den Markt gebracht wurden – beispielsweise kam es einst zum Rechtsstreit zwischen Dr. Oetker und Aldi, deren Schokoladenpuddings mit Vanilleflecken sichtbar ähnlich gerieten.

Der Anteil solcher Nachahmerprodukte am Gesamtumsatz der Branche beträgt 4,4 Prozent, im Gegensatz zu gerade mal 0,9 Prozent Umsatzbeitrag durch echte Marktneuheiten. Ein Umstand, der jedoch eher den Marketingfachkräften und nicht so sehr den Lebensmittelingenieuren Kopfzerbrechen bereiten dürfte.

Wer in der Lebensmittelindustrie arbeitet, entwickelt den Expertenblick

Trotz allem entwickelt man als Ingenieur in der Lebensmitteltechnologie ein ganz besonderes Auge für das, was täglich zwischen unseren Ober- und Unterkiefern verschwindet. Auch Luisa Bertmann schenkt Nahrungsmitteln seit ihrem Studium sehr viel mehr Beachtung:

»Ich gehe ganz anders einkaufen. Dabei fällt mein Blick nicht unbedingt nur auf irgendwelche Zutatenlisten, sondern eher auf das ›Gesamtpaket‹, zum Beispiel auf die Art der Verpackung und auf das Design und auch auf die Werbung um dieses Produkt. Zugegeben brauche ich tatsächlich mehr Zeit im Supermarkt, schaue mit dem Blick des Insiders auf Innovatives und neue Lebensmittelprodukte.«

Das Bewusstsein der Masterstudentin für Qualität von Lebensmitteln und eine gesunde Ernährung nahm durch ihr Studium merklich zu. Ebenso ergeht es Nils Schuster, während des Wocheneinkaufs blickt er längst nicht mehr aus der Perspektive einer Privatperson auf die Regale. Die eigene Produktpalette wird am Verkaufsort begutachtet, wie wirkt der Joghurt im Kühlregal, welche Produkte des Wettbewerbers stehen dort zur Auswahl?

»Nicht selten tätige ich auch einmal einen Testkauf. Einen Joghurt esse ich nicht einfach nur, ich achte auch bei Konkurrenzprodukten stets auf unsere Qualitätsstandards, zum Beispiel wie sich die Becher brechen oder öffnen lassen oder auf die Farbe, die Struktur und natürlich den Geschmack des Produkts«, so der junge Ingenieur.

Wer einmal den Weg in die Lebensmitteltechnologie eingeschlagen hat, den lässt die Branche so schnell nicht mehr los. Deshalb ist es nur günstig, wenn man auch schon im Vorfeld eine gewisse Leidenschaft für Lebensmittel mitbringt. Besonders für Absolventen der Verfahrenstechnik sowie der Lebensmitteltechnologie stehen viele Möglichkeiten in diesem Bereich offen: Bei Danone kann man, wie Schuster als Bereichsleiter der Abpackung, als Projektmanager auch nach dem Einstieg als technischer Trainee oder Junior Manager mit Personalverantwortung arbeiten – die derzeitige Molkereileiterin in Ochsenfurt hat eben diesen Weg über ein Traineeship eingeschlagen. Weiter werden Ingenieure in der Produkt- und Verpackungsentwicklung und der Qualitätssicherung benötigt. Bertmann hingegen zieht es eher in den Bereich Lebensmittelmarketing, wo sie sich mit ihrem lebensmitteltechnolgischen Wissen einbringen möchte.

Der Markt ist da

Im europaweiten Vergleich zählt Deutschland neben Italien und Frankreich zu den größten Herstellern von Lebensmitteln – gute Aussichten für all jene, die hier Karriere machen wollen. Langweilig wird es bei der Produktion all der Köstlichkeiten für Ingenieure bestimmt nicht.


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