Frau mit Hut sitzt auf Koffer und wartet

Ich wär’ gerne mitgeflogen …

… singt Reinhard Mey. Flughafeningenieure fliegen auch nicht mit — am Boden ist es spannend genug

Wer kennt das nicht: Man steht mit gepackten Koffern bereit, um direkt vom Flughafen aus in den Urlaub zu starten – aber bevor man auf dem Polstersitz mit Wolkenblick Platz nehmen kann und alle Ängste und Sorgen am Boden zurückbleiben, muss man erst einmal durch die Sicherheitskontrolle. Wehe dem, der vergaß, sein Getränk aus der Handtasche oder den Gürtel vom Bund zu nehmen: PIEEEP, Nachkontrolle, Metalldetektor, bitte heben Sie die Hände nach oben! Und jetzt stelle man sich das ganze Szenario einmal vor, wenn man nicht mit einem leichten Handgepäck, sondern mit einer kompletten Baumaschine durch die Sicherheitskontrolle muss. Muss ja aber keiner, denkt man vielleicht.

Falsch gedacht – für Flughafeningenieure wie René Hessenauer gehören solche Hürden zum Arbeitsalltag. Der 44-Jährige ist als Leiter des Business Units Technik und Umwelt für das Facilitymanagement des Flughafens Nürnberg zuständig. Ein wichtiger Sektor im Gesamtkonzept Flughafen, denn dort passiert weit mehr als nur das Starten und Landen von Flugzeugen. »Vom Prinzip her ist ein Flughafen wie eine kleine Stadt aufgebaut: Man findet dort hochtechnische Anlagen neben grünen Wiesen, die es zu pflegen gilt, Gewerbe- und Passagierbereiche mit Reisebüros und Cafés genauso wie den Frachtbereich. Ähnlich wie die Betreiber eines Stadtwerks sind mein Team und ich dafür verantwortlich, dass alles – Immobilien, Anlagen, Straßen und Plätze, Vorfelder und Start-Landebahn-Systeme – technisch instandgehalten wird, um wie vorgesehen genutzt werden zu können«, so Hessenauer, der Ende der 1990er als Bauingenieur zum Flughafen kam. Sein Einstiegsprojekt hatte zu seinem eigenen Erstaunen auf den ersten Blick wenig mit dem eigentlichen Flughafen zu tun – er überwachte die baubetrieblichen Aspekte für den Neubau des U-Bahnhofs für die Flughafen GmbH. Nach dem ersten Augenbrauenheben ist es nur logisch, dass auch Dinge wie diese zum Aufgabenspektrum von Ingenieuren am Flughafen gehören: Denn um überhaupt fliegen zu können, müssen die Passagiere ja erst einmal zum Flughafen und in das Flugzeug kommen. Hierfür muss die U-Bahn fahren, die Rolltreppe muss funktionieren, Gepäckverladung, Sicherheitskontrolle und Flugzeugbeladung reibungslos ablaufen – dafür braucht es kluge Köpfe, die die Infrastruktur im Griff haben. Carsten Bolte, Fachbereichsleiter Bau am Flughafen Bremen, betrachtet die stationären Ingenieure am Flughafen als Basis für das ›Abheben‹ – ohne sie gäbe es flughafenrelevante Einrichtungen schlicht nicht.

An kleineren Flughäfen wie in Bremen und Nürnberg kommt es kaum vor, dass sich Ingenieure innerhalb der einzelnen Disziplinen auf nur ein Fachgebiet spezialisieren. Zwar arbeitet man je nach Fachkompetenzen und Ausbildungsschwerpunkten in unterschiedlichen Abteilungen, wie zum Beispiel Bau, Technik, Elektrotechnik, Aviation oder IT, ist dort jedoch eher als Generalist gefragt, der eine möglichst große Ausbildungsbandbreite mitbringen sollte. Viele der ›klassischen‹ Ingenieure werden an Flughäfen gebraucht: Bauingenieure, wie Hessenauer einer ist, Maschinenbauer, Elektrotechniker, Versorgungstechniker, ITler sowie Luft- und Raumfahrttechniker. Sie eignen sich besonders für die Arbeit rund um den Flugbetrieb.

Das Tätigkeitsfeld ist abwechslungsreich und bringt stets neue Herausforderungen mit sich. Am Flughafen Nürnberg lief beispielsweise über sechs Jahre lang das Projekt ›Sanierung von Start- und Landebahn‹. An jeweils nur zehn Nächten pro Jahr durfte gebaut werden, um die Störung des Flugplans so gering wie möglich zu halten. Das hieß: Exakte Vorausplanung. In einem Fenster von wenigen Stunden mussten die benötigten Baumaschinen und eine Vielzahl von Lieferfahrzeugen – nach Passieren der Sicherheitskontrolle – an- und abrücken, dazwischen wurde die alte Betonstartbahn des zu renovierenden Teilstücks innerhalb von nur sechseinhalb Stunden aufgebrochen und anschließend durch Schotter und Asphaltschichten ersetzt. Pünktlich um 08:00 Uhr morgens sollten dann wieder Flieger über den frischen Asphalt rollen, nur möglich, wenn die Oberflächentemperatur des neuen Teilstücks von Start- und Landebahn bereits unter 60 Grad Celsius gesunken ist – absolute Präzisionsarbeit. »Bauarbeiten während des laufenden Betriebs sind immer eine logistische Herausforderung«, so Hessenauer. »Bei uns gibt es nur selten eine Baustelle, die nicht direkt unter den normalen betrieblichen Anforderungen läuft, das passiert immer parallel.« Um die Anforderungen der Nutzer mit den baulichen Gegebenheiten unter einen Hut zu bekommen, bedürfe es auch viel Kommunikation – und manchmal muss man als Verantwortlicher auch viel aushalten können, denn nicht immer verlaufe alles ohne Komplikationen. »Man kann schlecht einen Nagel in die Wand hämmern, ohne dass es jemand hört. Unsere Sicherheitskontrolle wird derzeit mitten ins Herz des Terminals verlegt – das bedeutet, Baumaßnahmen direkt unter den Konferenzräumen, in denen man eigentlich nicht von Abbrucharbeiten oder ähnlichen gestört werden sollte«, berichtet der studierte Bauingenieur. Ein Spagat, den es zu leisten gilt. Zusätzlich zu den regulären Baumaßnahmen kommen auch noch die anspruchsvollen und sich kontinuierlich ändernden gesetzlichen und normativen Regelungen – DIN-Normen oder EU-Sicherheitsvorgaben für den Flugbetrieb oder die Gebäudesicherheit –, die umgesetzt werden müssen. Hessenauer merkt an, dass man für Aufgaben wie diese natürlich so gute Englischkenntnisse brauche, dass man auch englischsprachige Inhalte von Gesetzestexten verstehen kann. Darüber hinaus seien weitere Fremdsprachenkenntnisse aber nicht unbedingt erforderlich.

Gerade an den etwas kleineren Standorten lockt Ingenieure die Vielfalt des Betätigungsfelds: Dort ist das Aufgabenspektrum der einzelnen Ingenieure nicht so stark eingegrenzt wie an den großen Luftverkehrsdrehkreuzen, meint Carsten Bolte vom Airport Bremen. Die erweiterte Bandbreite mache das Arbeiten somit natürlich interessanter – und man könne Prozesse auch noch gänzlich durchdenken, ergänzt der Leiter des Units Umwelt und Technik in Nürnberg, Hessenauer. »Der Flughafen Nürnberg hat eine Größe, die irgendwo noch greifbar ist. Es ist hier nicht so riesig wie Frankfurt oder München, wo es für den Einzelnen einfach unüberschaubar wird, sondern wir sind in einer Größenordnung, in der man alles immer noch im Griff halten kann.« Ständig auf dem Flughafen unterwegs– fliegt man da als Flughafeningenieur eigentlich noch gern? »Auch wenn es jetzt desillusionierend klingen mag, die Fliegerei ist für uns Ingenieure zweitrangig«, meint Carsten Bolte. Na, dann scheint es ja am Boden ziemlich spannend zu sein!


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