Visionäre willkommen

Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie und CEO bei Airbus im Interview.

lächelnder Mann
Visionäre willkommen Airbus

Dr. Thomas Enders, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) und CEO bei Airbus, spricht im audimax-Interview über Trends und Chancen in der Branche.

Herr Dr. Enders, wohin geht der technische Trend in der Luftfahrtindustrie in 2011?
Bestimmendes Thema der Luftfahrtindustrie wird die langfristige Sicherstellung globaler Mobilität durch umweltverträgliches Verkehrswachstum sein. Rund 8 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts werden derzeit durch den Luftverkehr generiert. Gleichzeitig verursacht der globale Luftverkehr rund zwei Prozent aller CO2-Emissionen, Tendenz steigend. Für mich ist klar, dass wir in der Entwicklung des Luftverkehrs an Grenzen stoßen, wenn wir diese Klimawirkung nicht begrenzen können. Das steuern wir als Entwickler und Hersteller neuer fliegenden Systeme und Antriebe. Wir als Industrie sehen dies als große Chance für neue Technologien, z.B. in den Bereichen Material, Struktur oder Antrieb. Denn Ökoeffizienz bedeutet nicht nur Umweltverantwortung, sondern im Luftverkehr gleichzeitig auch Kosteneffizienz. Damit werden die innovativsten Produkte im globalen Wettbewerb die Nase vorn haben. Wir arbeiten daran schon lange und haben bereits Enormes in punkto Verbrauchsminderung sowie Schadstoff- und Lärmemissionen erreicht. Eine Hauptaufgabe der kommenden Jahre wird es sein, die von unserer Industrie selbst gesetzten ACARE-Ziele (Advisory Council for Aeronautics Research in Europe), die bis 2020 eine drastische Reduzierung der CO2-Emissionen um 50 Prozent, der NOx-Emissionen um 80 Prozent und des Lärms um 50 Prozent anstreben, weiter zielstrebig umzusetzen.

Wie sehen Sie die Berufseinstiegschancen für junge Ingenieure in dieser Branche derzeit?
Generell stehen die Chancen gut. Allein Airbus hat derzeit einen Bedarf von etwa 1.200 Ingenieuren, und hat sich das Ziel gesetzt, mindestens 30% des externen Bedarfs unter Berufseinsteigern zu rekrutieren (www.airbus-careers.com). Die gesamte deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie benötigt pro Jahr rund 2.500 Ingenieure. Wir brauchen Absolventen, aber wir benötigen auch bereits erfahrene Branchenwechsler, zum Beispiel aus der Automobilindustrie, dem Automotive-Bereich, dem klassischen Maschinenbau oder der Energieanlagenherstellung.

Warum würden Sie jungen Menschen raten, in der Luft und Raumfahrt Industrie zu arbeiten? Worin liegt der Reiz?
Ganz einfach: weil wir in einer faszinierenden, technisch hoch anspruchsvollen Industrie mit großer Zukunftsrelevanz arbeiten. In kaum einer anderen Branche findet sich eine so enge Verzahnung verschiedenster Hochtechnologiebereiche. Gleichzeitig stellen wir Produkte von hohem Wert und langer Beständigkeit her. Unsere Industrie ist multinational in ihren Teamstrukturen, gleichzeitig national verwurzelt und doch auf der ganzen Welt zuhause. Unsere Produkte begeistern - der Traum vom Fliegen lässt bis heute  so gut wie keinen Menschen unberührt.

Begeisterung für Luftfahrttechnik

Sie sind nicht nur Präsident des BDLI, sondern auch CEO bei Airbus. Sie haben im Zuge dessen sicher schon des Öfteren mit Ingenieuren in der Branche zusammengearbeitet. Auf welche Zusatzqualifikationen und Eigenschaften, denken Sie, kommt es abgesehen von der fachlichen Qualifikation an? Wie sollte man ticken?
Ganz abgesehen von einer gesunden Begeisterung für Luftfahrttechnik und soliden Fachkenntnissen sollte man sicherlich Teamfähigkeit mitbringen, sowie die Bereitschaft mit internationalen Kollegen aus verschiedensten Kulturkreisen gemeinsam und effizient Probleme zu lösen – denn Einzelkämpfer kommen in unseren multinationalen Programmstrukturen und globalen Liefer- und Prozessketten nicht weit. Natürlich werden gute Englischkenntnisse vorausgesetzt, denn das ist nun mal die Lingua Franca der weltweiten L&R-Industrie. Und, last but not least, Kundenorientierung: schließlich sollen alle unsere Produkte unseren Kunden optimal dienen und ihnen Mehrwert schaffen.

In vielen MINT Bereichen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) beklagen deutsche Unternehmen einen Nachwuchsmangel an Fachkräften. Stimmen Sie dem zu, und wenn ja was könnte man Ihrer Meinung nach dagegen unternehmen?
Den von Ihnen angesprochenen Mangel gibt es in der Tat. Seitens des BDLI und der Unternehmen unserer Branche sind wir sehr aktiv, um die Situation zu verbessern. Lassen Sie mich nur ein paar Beispiele nennen: Der BDLI schafft mit dem ILA Career Center während der ILA Berlin Air Show nicht nur die größte nationale Job-Plattform der Branche, er engagiert sich auch in der Initiative „MINT –Zukunft schaffen“. Airbus hat eine eigene studentische Wettbewerbsplattform mit dem Titel „Fly your ideas“ geschaffen, und mit dem  Universitätsdialog den Kontakt zu den Hochschulen ausgebaut. Mit dem Engineers’ Day und dem Girls’ Day generieren wir vor Ort in unseren zahlreichen Unternehmen starkes Interesse für die verschiedenen hochwertigen Berufsbilder der Luft- und Raumfahrtindustrie.

Wie sehen Sie den Standort Deutschland im Bereich Luft- und Raumfahrt im internationalen Vergleich?
Was die Bandbreite unserer technologischen Kompetenzen angeht, ist unser Standort derzeit gut aufgestellt. Abgesehen von der Konkurrenz zur USA werden wir aber mittelfristig auch im Wettbewerb mit anderen, momentan entstehenden Entwicklungs- und Industriestandorten der Luft- und Raumfahrt, zum Beispiel China, Russland oder Indien stehen. Dort wird es eine wachsende Nachfrage nach Entwicklungsleistungen, Produkten und Dienstleistungen unserer Industrie geben.

Die Gefahr einer Know-how-Abwanderung ist deshalb gegeben. Aus diesem Grund muss unser Standort langfristig attraktiv bleiben. Das funktioniert nur, wenn wir uns als Industriestandort unsere Kernkompetenzen erhalten und auch weiterhin führende Produkte anbieten können. Dann werden wir gute Köpfe halten und High Potentials anziehen können.

Internationale Mobilität

Was würden Sie denn einem Studenten sagen, der plant nach dem Studium mit seiner Qualifikation ins Ausland zu gehen, weil er/sie denkt, die Chancen und Möglichkeiten sind dort höher?
Als CEO eines multi-nationalen, global aufgestellten Unternehmens wie Airbus befürworte ich die Bereitschaft zur internationalen Mobilität – diese muss ja nicht die dauerhafte Abwanderung aus Deutschland bedeuten. Viele deutsche Airbus-Mitarbeiter arbeiten in Spanien, Frankreich, Großbritannien und China - und gleichzeitig haben wir viele internationale Kollegen in Deutschland. Die Erfahrungen, die man im Ausland sammeln kann, sind sehr wertvoll, gerade auch für die persönliche und berufliche Entwicklung.

Die ZEIT zitiert Sie in einem Artikel mit der Aussage, dass immer weniger Ingenieure heutzutage sich mit allen Bereichen im Flugzeug auskennen, aufgrund der stetig ansteigenden Komplexität der Maschinen. Sehen Sie die Spezialisierung auf einzelne Bereiche somit als negativ?
Wir brauchen gerade angesichts des rapiden technologischen Fortschritts hervorragende Spezialisten, keine Frage. Genauso ist es jedoch erforderlich, dass alle unsere Ingenieure breite Grundkenntnisse im Luftfahrzeugbau mitbringen und interdisziplinär arbeiten können. Gerade für Airbus wird das Profil der Flugzeug-„Architekten“ immer wichtiger, die das gesamte System im Blick haben – mit all seiner Komplexität im Zusammenspiel aller Komponenten – und die natürlich auch die Anforderungen unserer Kunden genauestens verstehen.

Außerdem geht aus dem Interview hervor, dass Sie versuchen, dieses geforderte Allgemeinwissen über Flugzeugsysteme gerade jungen Ingenieuren zu vermitteln. Wie kann man sich das vorstellen, muss man dann noch zusätzlich die Schulbank drücken, trotz abgeschlossenem Studium?
Da unser nationales Ausbildungssystem im Regelfall nicht dual ausgelegt ist, beginnt für einen jungen Ingenieur das „wahre“ Leben der Luftfahrtindustrie erst im Job. Wir setzen innerhalb der Industrie darauf, unsere Fachkräfte mit einer Vielzahl von Trainings „on the job“ kontinuierlich weiterzubilden und an heutige, komplexe Programmstrukturen und damit verbundene Aufgabenstellungen so heranzuführen, dass Unternehmen und Mitarbeiter optimalen Nutzen daraus ziehen. Allerdings setzt z.B. Airbus zunehmend auch auf die Ausbildung dualer Studenten, bei denen sich Studien- mit Praxisphasen im Unternehmen abwechseln. So lässt sich bereits während des Studiums Berufserfahrung sammeln.

Nur wenn es Ihnen nichts ausmacht darüber zu reden: Sie haben vier Söhne, hat einer von ihnen Interesse auch mal im Bereich Luftfahrt zu arbeiten?
Zumindest mein dritter Sohn, 16 Jahre alt, zeigt seit Jahren großes Interesse. Das freut mich natürlich und das fördere ich auch so gut ich kann.


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