Mann sitzt in Einkaufswagen

Der Bewegungsdrang von Logistikingenieuren

Im Versand-Zentrum der Hermes Fulfilment GmbH in Haldensleben landen täglich 40.000 Kartons mit Waren aus aller Welt. Jeder Karton erhält bei Ankunft automatisch einen Barcode und ...

...Im Versand-Zentrum der Hermes Fulfilment GmbH in Haldensleben landen täglich 40.000 Kartons mit Waren aus aller Welt. Jeder Karton erhält bei Ankunft automatisch einen Barcode und wird gescannt. Nach der Erfassung läuft alles vollautomatisch, Computerprogramme geben den weiteren Ablauf exakt vor – ob Kartons zum Beispiel ins Versandzentrum geschickt oder im 30 Meter hohen Hochregallager abgelegt werden. Das IT-Logistik-System speichert genau, wo die Ware liegt und wann sie an wen verschickt werden muss. Über 1,2 Millionen Lieferkartons warten hier auf den Weitertransport. »Ein solches Distributionssystem kann man nicht einfach mal stoppen, weil man zum Beispiel ein neue Anlage einführen will«, sagt Mathias Thomas, Geschäftsführer der gaxsys GmbH und Beirat der Gesellschaft Produktion und Logistik (GPL) im Verein Deutscher Ingenieure (VDI).

»Denn wenn wir stehen bleiben, kostet jede Minute Geld für Ware, die nicht rausgeht.«

Für solche Fälle müssten zum Beispiel Back up-Systeme entwickelt werden, um im Zweifelsfall zurückschalten und Lagerstandorte von Warenkartons rekonstruieren zu können.

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Für solche komplexen Logistik-Systeme benötigt die Industrie in Deutschland zunehmend Ingenieure mit Spezial-Kenntnissen. Da die Produktion im Internet-Zeitalter immer stärker darauf angewiesen ist, die richtige Ware zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu haben, steigt auch der Anspruch an jene Fachkräfte, die für den reibungslosen Ablauf sorgen.

»Das wichtigste Alleinstellungsmerkmal auf den etablierten Logistikmärkten der einkommensstarken Länder ist nicht die Infrastruktur oder die Zollabfertigung, die allgemein auf einem hohen Standard sind«, sagt Prof. Alan McKinnon, Leiter des Departments Logistik der Kühne Logistics University in Hamburg. »Es ist sondern vielmehr die Leistungsqualität und die Kompetenz der Logistik-Manager.«

Wegen der wachsenden Nachfrage nach Logistik-Managern in Deutschland haben sich gerade in den letzten Jahren zahlreiche Studienangebote auf dem Bildungsmarkt etabliert, die Logistik stärker in den Mittelpunkt rücken: Traditionell sind Produktion & Logistik Vertiefungen eines Studiums des Wirtschaftsingenieurwesens – doch immer mehr Hochschulen bieten reine Logistik-Studiengänge an, rund 55 Bachelor-Angebote gibt es mittlerweile in Deutschland. Entsprechende Absolventen sind oft bei Logistikunternehmen angestellt, wo sie an der Planung und der Koordination des Warentransports beteiligt sind. Logistiker sind aber auch bei vielen Industrieunternehmen sehr gefragt, etwa in der Automobilindustrie, bei Speditionsunternehmen, in der Luftfahrtindustrie oder bei Fluggesellschafen. Auch hier übernehmen sie meist organisatorische Aufgaben, zum Teil sind sie auch für die Bereiche Marketing und Personalmanagement zuständig oder leiten Projekte. Da die Logistikbranche ein sehr internationales Feld ist, entscheiden sich viele Absolventen für eine Karriere bei Unternehmen, die international tätig sind.

Befeuert wird der Trend zu immer effizienteren Transportsystemen von uns allen: Immer mehr Menschen bestellen sich Ware im Internet. »Der Onlinehandel wird wachsen, aber zugleich können nicht immer noch mehr Transporter auf den vollen Autobahnen und durch die verstopften Innenstädte fahren«, sagt Mathias Thomas.

»Die Herausforderung in den nächsten Jahren wird sein, die lokalen Händler in die Bestellabwicklung der Online-Shops zu integrieren und urbane Logistik-Lösungen zu entwickeln, die das Verkehrschaos minimieren.«

Gleichzeitig werde der Einzelhandel neben dem Online-Handel auch in Zukunft bestehen können, sagt Thomas, dessen Unternehmen Lösungen für traditionelle und neue Vertriebswege entwickelt – zum Beispiel die Verbindung von E-Commerce und stationärem Handel am klassischen ›Point of Sale‹.

Dabei sind auch die Zukunftsaussichten rosig: Laut der VDI-Studie ›Produktion und Logistik in Deutschland 2025‹, bei der rund 800 Ingenieure befragt wurden, sind deutsche Unternehmen gut gerüstet für den internationalen Wettbewerb. Ihre Kompetenzen, insbesondere in den Bereichen Forschung und Ressourceneffizienz, würden auch im Jahr 2025 weltweit gefragt sein.

»In Deutschland fehlen die Rohstoffe, Energie ist teuer und wir sind in vielen Augen überreguliert. Deshalb müssen Deutsche Unternehmen Geschäftsmodelle und Prozesse neu denken und noch effizienter werden«, heißt es in der Studie.

Zu den neu aufgelegten Studienangeboten gehört seit dem Wintersemester 2012/13 der Bachelorstudiengang Verkehrssystemmanagement für angehende Ingenieure an der Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft. Die zukünftigen Logistiker sollen lernen, wie man das Zusammenspiel von Verkehrsangebot und -nachfrage optimiert und Antworten auf aktuelle und zukünftige Mobilitätsfragen liefern. Die Besonderheit des neuen Studiengangs: Das Profil haben Wirtschaftsvertreter von Anfang an mit zugeschnitten. Ein Beirat aus Vertretern der Hochschule und den Kooperationspartnern begleitet den Studiengang. Ziel ist ein praxisnahes und an den Bedürfnissen der Wirtschaft orientiertes Studium, das dennoch den Anforderungen aus Forschung und Lehre gerecht wird.

»Mobilität befindet sich in einem dramatischen Veränderungsprozess, eingebettet in Randbedingungen aus Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft«, erklärt Studiendekan Prof. Dr. Christoph Hupfer. »Vor diesem Hintergrund haben sich die Aufgaben der Mobilität zur Querschnittsaufgabe entwickelt, die sich in der klassischen Fakultätsstruktur der Hochschulen kaum noch darstellen lässt.«

Dass die deutschen Hochschulen mit ständig an den Markt angepassten Studienangeboten den Nachwuchs auf hohem Bildungsniveau halten, zahlt sich aus: Nach der neu herausgegebenen Weltbank-Studie für 2014 belegt Deutschland in der Leistungsfähigkeit der Logistik den ersten Platz unter 160 Ländern. Zur Ermittlung des sogenannten Logistics Performance Index (LPI) wurden weltweit insgesamt 6.000 Logistikunternehmen befragt.


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