verbogene Reagenzgläser mit bunten Flüssigkeiten

Chemieingenieure können mehr als nur Technik

Von Forschung & Entwicklung bis zur Geschäftsführung. Ein facettenreiches Tätigkeitsfeld. Für Chemieingenieure, die interdisziplinär aufgestellt sind sowie neugierig, kreativ und vor allem flexibel

Grob betrachtet ist alles um uns herum chemisch, egal ob organisch, anorganisch oder physikalisch. Nicht ohne Grund gehört die Chemieindustrie zu einem der wichtigsten Industriezweige und auch die prognostizierten Umsatzzahlen sprechen für die Branche. Bis 2020 soll der Umsatz – alleine in Deutschland – rund 143 Milliarden Euro betragen. 2014 lag er noch bei 137,1 Milliarden Euro. Es geht also stetig bergauf. Darüber freuen können sich nicht nur die einzelnen Unternehmen, sondern unter anderem auch die Absolventen, die als Chemieingenieure durchstarten möchten.

Es gibt viel zu tun für Chemieingenieure …

… unabhängig davon, ob sie in der Forschung und Entwicklung, Planung, Konstruktion, im Anlagenbau, in Betrieb und Produktion, Einkauf und Vertrieb, Technischer Überwachung und Beratung, in der Lehre, im Patentwesen oder in der Geschäftsführung tätig werden möchten.

»Dank ihrer breiten Ausbildung sind Chemieingenieure weit über die chemische und pharmazeutische Industrie hinaus einsetzbar«, erklärt Dr.-Ing. Claas-Jürgen Klasen, President Greater China Region Evonik Industries und Vorsitzenderder VDI-Gesellschaft Verfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen.

Einsatzfelder sind beispielsweise die Bereiche Energieversorgung und Automotive, weiter der gesamte Wachstumsbereich biotechnologischer Produktionsverfahren sowie die Sparte der erneuerbaren Energien – hier vor allem im Bereich Forschung und Entwicklung.

Gute Einstiegschancen und ein Gehalt, das sich sehen lassen kann

Jobs gibt es also genug. Dies bestätigen auch die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit – auch wenn die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in den Chemieberufen 2015 leicht rückläufig war: Insgesamt waren 289.000 Menschen in Chemieberufen tätig, während 9.600 als arbeitslos gemeldet waren. Insgesamt lag die Arbeitslosenquote bei drei Prozent und es wurden im Jahr 2015 insgesamt 14.000 Stellenangebote gemeldet. Eine noch geringere Arbeitslosenquote wiesen Chemiker mit Studienabschluss auf. Hier waren 2.700 Arbeitslose gemeldet. Das entspricht einer Quote von 2,6 Prozent. Mit 1.100 Stellenangeboten konnte das Jahr 2015 sogar zehn Prozent mehr Stellen als im Vorjahr verzeichnen.

Auch der durchschnittliche Verdienst kann sich sehen lassen: Denn dieser wurde laut Statista.de in den vergangenen Jahren immer mehr. Betrug der Bruttomonatsverdienst 2010 noch 3.941 Euro, lag er 2014 bereits bei 4.431 Euro. Schöne Aussichten für alle, die ihren Einstieg in dieser Branche suchen.

Was es braucht, ein guter Chemieingenieur zu sein

Janine Czurgelies ist Anfang 2014 bei Actega Terra, einer Tochtergesellschaft von Altana, als Projektmanager in der UV-Lack-Entwicklung eingestiegen. Ihr Aufstieg im Unternehmen war rasant: bereits ein paar Wochen nach ihrem Einstieg hat sie ein internes Weiterbildungsprogramm absolviert und war im Anschluss als Laborleiterin für eine neu geschaffene Entwicklungsgruppe tätig: »Meine Aufgaben teilten sich auf in Lackentwicklung und Führungsaufgaben. Ich hatte Verantwortung für drei Mitarbeiter, die ich fachlich sowie disziplinarisch geführt habe. Hinzu kamen organisatorische Aufgaben.« Als im Unternehmen das F&E-Controlling eingeführt wurde, hat sie zusammen mit zwei anderen Gruppenleitern dessen Entwicklung übernommen und – um unter anderem die Entwickler zu entlasten – auch die Präsentation der jeweiligen Ergebnisse. Ihren schnellen Aufstieg bezeichnet sie zwar eher als Ausnahme, dennoch ist sie überzeugt, dass jeder, der Eigeninitiative und Offenheit zeigt, viele Möglichkeiten hat, sich beruflich zu entwickeln. Voraussetzung ist: Flexibilität.

Diese gehe aber leider immer mehr verloren, beschreibt die 30-Jährige, die bereits öfters im Ausland tätig war. Diese »Negativentwicklung«, dass Absolventen weniger Bereitschaft zeigen, Kompromisse einzugehen oder ins Ausland zu wechseln, findet sie schade. »Es ist wichtig, dass die Weltoffenheit nicht verloren geht – auch wenn heute viel über Skype oder Telefonkonferenzen geklärt werden kann.« Klasen vom VDI sieht dies ähnlich: »Mit zunehmender Globalisierung bietet sich für Chemieingenieure die Chance, im internationalen Umfeld tätig zu werden. Dies ist mit einer gewissen Freude an Mobilität und an interkultureller Zusammenarbeit verbunden. Außerdem macht es die rasant verlaufende technologische Entwicklung notwendig, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln.«

»Des Weiteren müssen Chemieingenieure vor allem neugierig und kreativ sein, jeden Tag etwas Neues entdecken und lernen sowie Werte schaffen wollen«, fährt der 56-Jährige fort. Mut, die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, unternehmerisches Handeln, gekoppelt mit dem entsprechenden kaufmännischen Verständnis seien dabei die Grundpfeiler der technischen Umsetzung, die letztlich die Innovation ausmache.

»Zudem erleichtern Kooperationsbereitschaft und Spaß an Teamarbeit den Erfolg«, so der Ingenieur weiter – ist doch das Chemieingenieurwesen auch geprägt von Interdisziplinarität, die nach diesen Eigenschaften verlangt.

Der Weg vom Techniker zur Führungskraft

Das von Klasen beschriebene Kompetenzprofil eines Chemieingenieurs hat auch die Entwicklung Czurgelies von Actega Terra sehr geprägt. So übernimmt sie in ihrer Rolle als Segment Manager nicht nur Führungsverantwortung, sondern auch betriebswirtschaftliche Aufgaben. Das Unternehmen unterstütze sie dabei sehr, beispielsweise durch interne Seminare und die Teilnahme an einem achttägigen Führungskräftetraining, erklärt sie. Schließlich sei dies für sie als technisch fixierter Mensch erstmal Neuland gewesen.

Interesse an betriebswirtschaftlichen Themen wird demnach auch für Chemieingenieure immer wichtiger – ebenso wie soziale und ökonomische Aspekte. Schließlich müssen viele Antworten und Lösungsansätze zu Umweltschutz, Technikfolgen-Abschätzung, Ingenieurethik und Energie- sowie Rohstoffeinsparung gefunden werden. Einfacher geht dies, wenn Chemieingenieure eine ausgeprägte Bereitschaft dafür haben, mit Kollegen anderer Fachrichtungen neue technische Wege zu beschreiten. ■


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