Mann mit weißem Hemd hält sich kleines Holzherz vor die Brust
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Herzensangelegenheit: Arbeitswelt Medizintechnik

Technik ist in der Medizintechnik kein Selbstzweck – sie dient dem Wohl der Patienten

Nur etwa fünf Zentimeter lang ist der Schnitt, den ein Kardiologe zur Implantation eines Herzschrittmachers unterhalb des Schlüsselbeins setzt. Dann schiebt er ein bis zwei dünne und biegsame Elektroden durch eine Vene bis zum Herz, schließt sie an das Gerät an und programmiert dieses nach Bedarf. Anschließend wird der kleine elektronische Lebensretter unter die Haut geschoben – Naht zu, fertig. Schon am selben Tag kann man meist wieder aufstehen, nach spätestens 24 Stunden das Krankenhaus verlassen, bald darauf nimmt man die technische Hilfeleistung im Alltag nicht mehr wahr. Bumm, bumm, bumm ... klopft es nun schön regelmäßig in der Brust. Bewusstlosigkeit, Schwindelattacken und Schwächegefühle werden durch die elektrischen Impulse zur Kontraktion des Herzmuskels verhindert. im Jahr 2012 wurde allein in Deutschland 106.909 Menschen, deren Herz zu langsam schlägt, ein Herzschrittmacher eingesetzt.

 

Der Weltmarkt für Medizintechnik wächst stetig

Ein Herzschrittmacher ist nur ein Beispiel für ein medizintechnisches Gerät, welches eine große Verbesserung der Lebensqualität für Personen mit sich bringt. Prothesen, künstliche Linsen, Cochlea-Implantate – den Schätzungen des Bundesgesundheitsministeriums zufolge gibt es derzeit etwa 400.000 verschiedene Medizinprodukte. Der Weltmarkt wächst seit Jahren stetig und erwirtschaftet enorme Beträge, derzeit wird der globale Umsatz mit Produkten der Medizintechnik auf etwa 220 Milliarden Euro geschätzt. Deutschland kann sich als drittgrößter Markt ein großes Stück vom Kuchen abschneiden, und auch als Produktionsstandort nehmen deutsche Firmen weltweit Rang drei hinter den USA und Japan ein. Innovationen sind auf diesem Gebiet ein maßgebender Faktor: Über ein Drittel ihres Umsatzes erzielen Medizintechnikunternehmen hierzulande mit Produkten, die noch keine drei Jahre alt sind.

 

Trends in der Medizintechnik

In kaum einer anderen Branche basiert der wirtschaftliche Erfolg derart auf Forschung und Entwicklung. im Jahr 2013 investierte die weltweite Medizintechnikindustrie über 22,9 Milliarden Euro in diesen Bereich. Die größten Trends der Forschung sieht Roland Mäder, Leiter des Medizintechnischen Servicezentrums des Universitätsklinikums Magdeburg und Vizepräsident des Fachverbands Biomedizinische Technik, unter anderem in der Individualisierung von Therapien, wenn beispielsweise eine Prothese individuell an den Patienten angepasst wird. Zudem werden beständig Mittel und Wege erkundet, um die Diagnostik zum Beispiel durch noch schnellere und immer genauere Labortests oder noch hochauflösendere Bildgebungsverfahren zu verbessern. Bekannte Verfahren wie Ultraschall- und CT-Bilder werden immer neu miteinander kombiniert und weiterentwickelt. Ein weiterer Fokus liegt auf der Entwicklung sogenannter minimalinvasiver Therapien. Wie der Name schon andeutet, will man damit einen möglichst geringen ›Schaden‹ bei der Heilung anrichten, große Operationen sollen dort vermieden werden, wo es Alternativen gibt. Der Zufall mag wohl durchaus früher in der Forschung eine größere Rolle gespielt haben, wie etwa bei der Entdeckung der Röntgenstrahlung,

»heutige innovationen entstehen aber meist evolutionär, durch gezielte Forschung und Weiterentwicklung«,

erläutert Mäder.

Auch für Franziska Prade dreht sich derzeit alles um die medizintechnische Forschung. Die 26-Jährige studiert im vierten Mastersemester Medizintechnik mit der Fachrichtung Medizinelektronik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und arbeitet derzeit an ihrer Masterarbeit. In diesem Zusammenhang beschäftigt sie sich intensiv mit Magnetic-Drug-Targeting, einem neuartigen Ansatz der Krebsheilkunde. Die Idee:

»Medikamente wie Zytostatika, Zellteilungshemmer, die in der Chemotherapie eingesetzt werden, sollen gezielt und lokal zum Tumor geleitet werden. Dazu wird der Wirkstoff an winzige magnetische Nanopartikel gebunden, um diese dann über ein von außen angelegtes Magnetfeld zum Zielort zu führen. Ich untersuche nun, ob man diese magnetischen Nanopartikel mithilfe von Ultraschallverfahren an ihrem Zielort sichtbar machen kann«,

so Prade. Die Welt in Hinblick auf Heilung und Gesundheit voranzubringen, stellt eine große Motivation für die junge Studentin dar.

 

Medizintechniker: Mehr Mediziner oder mehr Ingenieure?

Wenn man Prade fragt, ob sie und ihre Kommilitonen sich nun eher im medizinischen oder im technischen Bereich verorten würden, ist die Antwort eindeutig:

»Ganz klar, ich bin Ingenieurin!«

Das Medizintechnikstudium sei rein technisch ausgerichtet, obwohl natürlich einige medizinische Grundlagenfächer in den ersten Semestern veranschlagt seien. Mit diesem Hintergrundwissen solle es den künftigen Medizintechnikern möglich sein, die Problematiken zu verstehen, die auftreten, wenn man technische Komponenten mit organisch lebenden Systemen verbinden will. Die Studentin hat häufig miterlebt, dass gerade Studienanfänger den Studieninhalt falsch eingeschätzt hatten. Als Alternative zum Medizinstudium begonnen, gaben einige die Medizintechnik schnell wieder auf. Franziska Prade wusste von Beginn an, dass es sich um ein rein ingenieurtechnisches Studium handelt und blieb so von enttäuschten Erwartungen an den Medizinanteil des Studiums verschont. Trotzdem ist es aber letztlich der Bezug der Technik zum Menschen, der für Prade den Reiz des Medizintechnikstudiums ausmacht.

 

Medizintechnik: Karriere mit Hirn und Herz

Die Krebsheilkunde, das Themengebiet ihrer Abschlussarbeit ist nur einer von vielen Bereichen, die sie sich später als Betätigungsfeld vorstellen kann. Und die Auswahl ist groß: Neben der Forschung kann man in Krankenhäusern, medizintechnischen Unternehmen, aber auch in der Entwicklung, der Qualitätssicherung und dem Verkauf medizintechnischer Geräte arbeiten oder den Weg als Berater einschlagen. Auch die Schulung von Personal im Umgang mit den hochkomplexen medizintechnischen Produkten ist eine Möglichkeit, denn was nutzt die beste Apparatur, wenn sie falsch bedient wird. Allein auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind über 170.000 Menschen im Medizintechniksektor beschäftigt, Bedarf steigend. Über 1.200 Unternehmen der mittelständisch geprägten Branche gibt es in Deutschland – bezieht man das internationale Stellenangebot mit ein, kann man als Bewerber wahrlich aus dem Vollen schöpfen. Und wer kann schon von sich behaupten, mit seiner Arbeit wirklich etwas zum Wohl der Mitmenschen beizutragen? In der Medizintechnik gibt es sie noch, die Karriere mit Hirn – und Herz!


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