Wegweiser
Wegweisende Ingenieurskunst! cinematic / Quelle: PHOTOCASE

Technik, die Menschen hilft gut zu leben

Ingenieure, die technisch begabt sind und gerne Menschen helfen, können sich in der Medizintechnik verwirklichen. Ein Einblick in die Arbeitswelt von Medizintechnikern

Er ist in jedem guten Haushalt zu finden und fester Bestandteil eines Verbandskasten: der Wundschnellverband, umgangssprachlich ›Pflaster‹ genannt. Ganz selbstverständlich verarzten wir kleine Wunden damit – ohne darüber nachzudenken, dass dieses kleine Ding einen wichtigen Schritt in der Entwicklung der Medizintechnik darstellt.

Inzwischen hat die Medizintechnik viele revolutionäre Behandlungsmethoden, intelligente Prothesen und biologische Implantate hervorgebracht. »Besonders beeindruckt hat mich die Entwicklung der minimal invasiven Operationen«, sagt Urs Neudecker, der im vierten Semester Medizintechnik an der FAU Erlangen studiert. »Eingriffe, dievor einigen Jahren noch unter Vollnarkose und mit sehr großen post- operativen Risiken verbunden waren, kann man heutzutage beispielsweise mit Endoskopen und einem kleinen Schnitt in der Leistengegend durchführen. Das ist nicht nur für den Patienten angenehmer, sondern auch risiko- und kostenärmer.«
 


»Als Ingenieur in der Medizintechnik kann ich mit der faszinierenden Technik von morgen dazu beitragen, bisher nicht heilbare Krankheiten bei Mensch und Tier zu diagnostizieren und zu heilen.«

Urs Neudecker, studiert im vierten Semester Medizintechnik an der FAU Erlangen-Nürnberg



Dem 21-Jährigen gefällt besonders die Interdisziplinarität des Studiengangs gut: Mathe, Physik und Biologie gehörten schon in der Schule zu seinen Stärken und finden sich zusammen mit Maschinenbau, Elektrotechnik und Informatik im Studium wieder. Im dritten Semester entscheiden sich die Studierenden für eine Vertiefung: Zur Auswahl stehen ›Bildgebende Verfahren‹ und ›Gerätetechnik und Prothetik‹. Neudecker hat sich für das informatik-lastige ›Bildgebende Verfahren‹ entschieden, obwohl ihn die Programmieraufgaben in den ersten Semestern schlaflose Nächte im CIP-Pool bereitet haben.

Diese Zeit hat er zum Glück überstanden und so setzt er die gelernte Theorie nur noch in den Hochschulpraktika in die Praxis um. »Während des Bachelors müssen wir ein zehnwöchiges ingenieurnahes Industriepraktikum absolvieren. Uns ist freigestellt, bei welchem Unternehmen wir uns bewerben. Hier kann man schon mal den ersten Einblick in den zukünftigen Medizintechnikberuf bekommen«, ergänzt Neudecker. Nebenbei übt er sich auch noch im Eventmanagement und organisiert die erste Konferenz der Medizintechniker, die KOMET 2014, in Erlangen. Für seine zukünftige Tätigkeit als Ingenieur in der Medizintechnik sieht er vor allem den demographischen Wandel und die damit verbundenen Ausgaben für das Gesundheitssystem als Herausforderung: »Dabei geht es manchmal leider nicht darum, dem Patienten einen angenehmeren oder schnelleren Heilungsprozess zu ermöglichen, sondern vor allem, ob Kosten eingespart werden können. Somit sind gerade in diesem Bereich der Ingenieurwissenschaften besonders innovative Ideen gefordert«, sagt Urs Neudecker.

Zwar geht es in der Medizintechnik um Maschinen und Geräte, diese sollen aber dem Menschen helfen. »Es ist wichtig«, erklärt Prof. Dr. Ullrich Wenkebach, Studiengangsleiter Biomedizintechnik an der FH Lübeck, »als Ingenieur zu wissen, was man am Menschen tut, wenn man zum Beispiel eine Schutzschaltung entwickelt.« Deshalb bietet die FH Lübeck in ihrem Studiengang Vorlesungen zu Anatomie, Physiologie und Hygiene im Regelstudium an und ergänzt den Studiengangstitel um ein ›Bio‹.

Wenkebachs Werdegang zeigt, dass man auch über Umwege in die Medizintechnik gelangen kann. Nach seinem Studium der Elektrotechnik arbeitete der 57-Jährige bei einem Elektronikkonzern, wo er an der Entwicklung von Komponenten und Applikationen auf Basis des ›Controller Area Networks‹ (CAN) mitwirkte. Als er nach persönlicher Weiterentwicklung suchte, erschien ihm der Einsatzbereich von Technik in der Medizin als sehr sinnvoll und er belegte ein Zusatzstudium zum Doktor der Medizin als Nichtmediziner. Nach erfolgreicher Promotion bewarb er sich bei einem Medizingerätehersteller in Lübeck. »Dieser nahm mich übrigens nicht wegen meiner Medizin-, sondern wegen meiner Kenntnisse des CAN-Bussystems. Geräte der Anästhesie und Beatmungstechnik verwenden diesen sehr robusten Datenbus, für das ich als erste Aufgabe ein Netzwerkbetriebssystem geschrieben habe«, ergänzt Wenkebach.

Neben seiner Lehrtätigkeit als Professor widmet er sich auch als Studiengangsleiter einer neuen Aufgabe: Neben den Vertiefungsrichtungen ›Allgemeine Biomedizintechnik‹ und ›Qualitäts- und Sicherheitstechnik‹ gibt es seit kurzem auch den Bereich ›Ophthalmotechnologie‹, also die Entwicklung von Technik für die Augenheilkunde. Damit sind nicht nur Sehhilfen gemeint, sondern vor allem auch optische Diagnostikgeräte. »Wir nehmen einen starken Bedarf der Industrie in den kommenden Jahren für derart ausgebildete Ingenieure an«, erklärt Wenkebach.

Auf sich verändernde Bedürfnisse und Zielgruppen müssen sich Ingenieure in der Medizintechnik einstellen, aber auch darauf, stets ›up-to-date‹ zu bleiben. Manfred Beeres, Pressesprecher des Bundesverbands Medizintechnologie e.V. (BVMed), beschreibt die Entwicklung der Medizin und insbesondere der Medizintechnologie als sehr dynamisch. »Rund ein Drittel ihres Umsatzes erzielen die deutschen Medizintechnikhersteller mit Produkten, die höchstens drei Jahre alt sind.« Als zukunftsträchtige Bereiche sieht er vor allem die Miniaturisierung, zu der zum Beispiel die minimalinvasive Chirurgie zählt sowie die Vernetzung von Medizintechnik und IT. Auch die Biotechnologie wird eine zunehmende Rolle spielen. So können beispielsweise Knorpel- und Gefäßimplantate mit biologischen Komponenten versehen werden, wodurch die Implantate verträglicher werden. Dieser Faktor fördert auch die personalisierte Medizin, bei der Patienten mit für sie maßgeschneiderten Komponenten, Geräten und Systemen behandelt werden.

»Durchschnittlich investieren die forschenden MedTech-Unternehmen rund neun Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung«, sagt Beeres. Eine gute Grundlage also, um Innovationen zu entwickeln. Professor Wenkebach sieht in vielen Bereichen hingegen keine ›Revolutionen‹ mehr, sondern eher ein ›Elegantermachen‹ der bestehenden Funktionalitäten. »Aber hier und da gibt es auch neue Erkenntnisse, die zu neuen Produkten führen: Die Verfügbarkeit von Lichtquellen im ›Nahen Infrarotbereich‹ (NIRS) führte zu einem neuen Monitorparameter in der Anästhesie, der sich im klinischen Alltag als valide herausgestellt hat«, berichtet der Diplom-Ingenieur. Da er selbst auf dem Gebiet der ›adaptiven Beatmungsgerätesteuerung‹ tätig ist, würde er gerne an einem Beatmungsgerät forschen, das eigenständig einen Patienten analysiert und Beatmungsparameter festlegt. »Das wäre vergleichbar mit einem Autopiloten. Ich denke, dass es nicht mehr sehr weit bis dahin ist«, sagt er.

Der angehende Medizintechnik-Ingenieur Neudecker hat fachlich gesehen noch kein konkretes Wunschprojekt, weiß aber bereits, dass er gerne mal eine eigene Firma aufbauen würde. »Gerade im Studium haben wir die Möglichkeit, durch geförderte Projekte unsere eigenen Ideen relativ risikofrei umzusetzen«, sagt der Student. Mit einem Start-up könnte sich Neudecker gut in die Reihen der Medizintechnikfirmen einreihen, denn tatsächlich sind 95 Prozent der Betriebe kleine und mittelständische Unternehmen.


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