Sportler mit Prothese läuft Marathon

Wie Ingenieure in der Medizintechnik Leben verändern

Keiner weiß es besser als ein Ingenieur in der Medizintechnik: Die Maschine sollte immer dem Menschen dienen. Vor allem nach Extremunfällen sind Menschen auf die Medizintechnik angewiesen!

Dank Medizintechnik bei den Paralympics

59 Medaillen! So viele edle Plaketten ergatterten die deutschen Teilnehmer der Paralympics bei der Olympiade in Peking. Unter ihnen war auch Heinrich Popow. Mit Hilfe einer High-Tech-Prothese lief er die 100 Meter in sensationellen 12,98 Sekunden und holte damit Silber.

Viele medizintechnische Innovationen wie die Prothesen der Firma Otto Bock sind ›Made in Germany‹. Das Unternehmen hat es sogar geschafft, noch komplexere und elektronisch gesteuerte Beinprothesensysteme zu entwickeln: Mit Hilfe eines künstlichen Kniegelenks und einer komplexen Prozessorsteuerung wird so eine größtmögliche Annäherung an das natürliche Gehen erreicht.

Selbst Freizeitaktivitäten wie Fahrradfahren oder Inline-Skaten werden möglich. Wissenschaftliche Grundlagen für diese Medizintechnik lieferte die Orthobionic, die aus der Analyse natürlicher Bewegungen technische Lösungen entwickelt.

Alle 0,02 Sekunden senden Sensoren Informationen an den Mikroprozessor, der das Kniegelenk steuert. Es passt sich unterschiedlichsten Gehgeschwindigkeiten und Bodenverhältnissen an und schützt dank seiner kurzen Reaktionszeit vor Stürzen. Ein amerikanischer Soldat beispielsweise bestand mit einer solchen Prothese sogar die physischen Tests der US Air Force und erhielt seine Fluglizenz.
 

Medizintechnik: Vom Ultraschall bis zur Dialysemaschine

Medizintechnik ist aber nicht nur in Extremfällen wie diesen ein unverzichtbarer Begleiter für Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen weltweit: Vom Ultraschall im Mutterleib bis zur Dialysemaschine im hohen Alter prägt sie unsere Lebensqualität. Das reicht von Sensoren in funktionalen Textilien, die kardiologische Daten eines Herzpatienten messen, über künstliche Gelenke in der Prothetik, Messeinrichtungen zur Gehirnstromanalyse in der Neurologie bis hin zur digitalen Patientenakte.

»Medizinische Geräte haben die Lebenserwartung und -qualität der Menschheit verbessert«, ist Hai Dao sicher. »Durch meine Arbeit leiste ich einen guten Beitrag für die Gesellschaft. Dass ich daran Anteil habe, ist für mich wichtig.«

Der 32-Jährige ist glücklich, bei Bertrandt Services in Nürnberg diese Arbeitsstelle mit ›Mehrwert‹ gefunden zu haben. »Ein weiterer Grund für mich, in die Medizintechnik zu wechseln, war die Möglichkeit, in einer höchst innovativen Branche zu arbeiten«, erzählt der Diplomingenieur, der sich vorher mit Schaltanlagen beschäftigt hatte. Sein erstes Projekt bei Bertrandt Services war denn auch gleich ein zukunftsweisendes: »Ich habe in der Partikeltherapie angefangen. Das ist ein neues Verfahren zur Krebsbekämpfung. Teilchen werden annährend auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt, treffen mit hoher Energie auf die Krebszellen und zerstören diese.«
 

Enormes Zukunftspotenzial in der Medizintechnik

Aufgrund der vielen zukunftsgerichteten Perspektiven hat sich auch Dennis Unseld für die Medizintechnik entschieden. »Bei näherer Betrachtung der Branche wurde mir deutlich, welches Zukunftspotenzial hier vorhanden ist – nicht zuletzt aufgrund des demografischen Wandels«, sagt der 26-Jährige. Selbst in Zeiten der Wirtschaftskrise hat sich sein heutiger Arbeitgeber, die Paul Hartmann AG, erfolgreich entwickelt. Der Wirtschaftsingenieur stieg bereits als Student ins Unternehmen ein und konnte sich im Zuge seiner Diplomarbeit als ›Spezialist Verbesserungsmanagement‹ etablieren. In seiner Abteilung ›Continuous Improvement Process‹ ist er für die systematische Durchführung von Verbesserungsprojekten in der Produktion und Administration verantwortlich.

»Eine wesentliche Aufgabe ist die Schulung der Mitarbeiter auf Veränderungen sowie der Aufbau einer transparenten Kultur des Miteinanders«, erklärt er. Der Kontakt mit den unterschiedlichsten Schnittstellen und das gemeinsame Erarbeiten von Ergebnissen mit Kollegen prägen seinen Alltag. Als besonders produktiv erfährt er jeden Tag den Ansatz des Hartmann-Produktionssystems, an dem sich die Paul Hartmann AG orientiert.

Medizintechnik aus Deutschland ist zu einem Markenzeichen für eine permanente Neu- und Weiterentwicklung von medizintechnischen Produkten mit außergewöhnlich hoher Komplexität geworden: »Die deutschen Medizintechnikunternehmen behaupten auf dem internationalen Markt schon lange Spitzenplätze und liegen auf dem zweiten Platz gleich hinter den USA«, betont Professor Olaf Dössel, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Biomedizinische Technik im VDE und Professor für Biomedizinische Technik an der Universität Karlsruhe. Damit das so bleibt, ist weiteres Ingenieur-Know-how unabdingbar, so Dössel.

Allerdings gilt das Arbeitsfeld Medizintechnik auch als besonders anspruchsvoll:
»Bei der Entwicklung eines medizintechnischen Produkts arbeitet der Ingenieur in enger Absprache mit den Ärzten, um den medizinischen Ansprüchen zu jedem Zeitpunkt des Projekts gerecht zu werden«, weiß Dössel.

Zudem übernehmen Ingenieure eine fast schon ›hautnah‹ spürbare Verantwortung: Das entwickelte Produkt – vom Messgerät, über Sende- und Analysegeräte bis hin zum intelligenten Bett – soll nicht nur den Ansprüchen von Ärzten und Patienten genügen, sondern muss gleichzeitig so kosteneffizient arbeiten, dass es die Haushaltskasse von Krankenkassen und Kliniken schont. »Wer in der Medizintechnik erfolgreich sein will, benötigt in der Regel nicht nur eine hervorragende Ingenieurausbildung«, bestätigt Professor Steffen Leonhardt, Direktor des Lehrstuhls für Medizinische Informationstechnik an der RWTH Aachen.

Empfehlenswert sei eine medizinische Vertiefung, die grundlegende anatomische Kenntnisse vermittelt sowie insbesondere für das Wunscharbeitsfeld Forschung die »projektbezogene Spezialisierung im Rahmen einer Promotion«. Zu den Basics, die Personaler regelmäßig von Bewerbern erwarten, zählen außerdem die Kenntnis von Fremdsprachen, Know-how in Vortragstechnik sowie ein projektbezogener Arbeitsstil. Was die hochkomplexen Aufgaben in der medizintechnischen Industrie jedoch ganz entscheidend erfordern, ist Interdisziplinarität. »Nur durch eine reibungslose interdisziplinäre Kooperation können Innovationen entstehen. Die Projektteams sind sehr breit besetzt«, meint Olaf Dössel.

Beim Gesamtgerätentwickler PROdesign zum Beispiel setzt sich die Belegschaft zur Hälfte aus Ingenieuren zusammen, der Rest »verteilt sich auf Softwareentwickler, Administration, Betriebswirtschaftler, Produktion und technische Redaktion«, zählt Marko Hilzendegen aus der Kommunikationsabteilung auf. Je nach Unternehmen treffen Ingenieure auch auf Physiker, Ärzte, Zellbiologen und Fachkräfte ähnlicher Berufsgruppen. Es reiche also nicht, beispielsweise die Funktion verwendeter Sensortechnik allein anderen Ingenieuren darlegen zu können, sagt Professor Dössel: »Der Ingenieur muss zwar kein Arzt sein, doch mit diesem auf einer Ebene kommunizieren können, seine Denkwelten und seine Fachsprache verstehen.« 


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