Ingenieure beim Schiffbau: Karriereperspektiven

»Das Meer bedeutet mir alles. Es bedeckt sieben Zehntel unseres Erdballs. Sein Hauch ist rein und wohltuend. Es ist eine unermessliche Wüste, wo der Mensch niemals einsam ist, denn er fühlt, wie das Leben um ihn herum pulsiert.« Kaum etwas fasziniert die Menschen so sehr wie das Meer. Am Strand machen wir Selfies im Gegenlicht, in Filmen und Büchern beflügelt das Meer unsere Phantasie – ganz wie bei Jules Verne, der seinen Kapitän Nemo die Sätze sagen ließ, die uns hier als Einleitung dienen sollen. Das Problem mit dem Meer ist nur: Rein anatomisch sind wir Menschen nicht dafür gemacht, so ganz ohne Schwimmhäute, Kiemen und Flossen. Um in den Fluten nicht unterzugehen, müssen wir erst mühsam eine Technik lernen, das Schwimmen, und es braucht reichlich kluge Technik und Erfindergeist, die Schiffe zu konstruieren, die uns oder alle nur denkbaren Waren sicher über das Meer schippern. Eine Aufgabe für Ingenieure.

Philip M. Gennotte ist so ein Ingenieur. »Aus starkem Interesse für das Meer und für Schiffe« heraus absolvierte der heute 35-Jährige das Studium ›Naval Architecture‹ im englischen Newcastle upon Tyne. 2001 schloss er als ›Master of Engineering with Honours in Naval Architecture‹ ab, anschließend verschlug es ihn von Englands Nordwesten nach Ostfriesland: Gennotte ist Konstruktionsleiter bei der Meyer Werft, einem vor mehr als 200 Jahren gegründeten Unternehmen, das im niedersächsischen Papenburg einst Holzschiffe baute. Mit den Kähnen der ersten Jahre hat das, was heute die Docks der Meyer Werft verlässt, nur noch wenig zu tun. Allenfalls ist ihnen gemein, dass sie schwimmen. Es ist der Bau von Kreuzfahrtschiffen, mit dem sich die Meyer Werft mittlerweile einiges internationales Renommee erarbeitet hat, und als Konstruktionsleiter ist Philip Gennotte für »die gesamte Entwicklung der Kreuzfahrtschiffe, die wir im Auftrag haben, zuständig«. 

»Die Schiffe heutzutage sind wahnsinnig fortgeschritten. Entwicklung und Fertigung solcher Schiffe erfordern richtig knackige Ideen und Lösungen, und die kommen nur von den besten Ingenieuren weltweit.«

Philip M. Gennotte, Konstruktionsleiter und Geschäftsleitungsmitglied der Meyer Werft

Beworben, erzählt Gennotte, hatte er sich schon während des Studiums. Als er bei der Meyer Werft anfing, war er zunächst für ›die Theorie‹ zuständig, mithin für das Berechnen von Schiffsprojekten hinsichtlich der Hydrodynamik, Stabilität und des Gewichts also. Später wechselte er ins Projektmanagement. »Die Entwicklung«, erzählt Gennotte über seinen Job, liege bei Meyer Werft in den Händen fünf verschiedener Abteilungen. Seine Aufgabe sei es da, zu koordinieren, Prozesse zu verbessern und »am Ende unsere Fertigung optimal mit Unterlagen zu beliefern«. Die Pläne für ›Disney Dream‹ etwa gingen auch durch seine Hände, den Bau des fast 340 Meter langen Kreuzfahrtschiffes bezeichnet Gennotte auch heute noch als sein bislang spannendstes Projekt.

Es werden noch viele aufregende Projekte hinzukommen. In den Auftragsbüchern der Meyer Werft stehen einige Kreuzfahrtschiffe, die in den nächsten Jahren an verschiedene Reedereien aus dem In- und Ausland ausgeliefert werden sollen. Das Unternehmen folgt damit einem Branchentrend: »Wir haben uns unwiderruflich vom Standardschiffbau verabschiedet«, berichtet Ralf Sören Marquardt, Geschäftsführer des Verbands für Schiffbau und Meerestechnik (VSM). Alle deutschen Werften stellten inzwischen Einzelexemplare her, sagt Marquardt – jedenfalls die, welche das krisengeschüttelte letzte Jahrzehnt schadlos überstanden haben. Vor allem Passagierfährschiffe, Jachten und verschiedene Spezialschiffe – Zubringerschiffe für Ölplattformen und Offshore-Windkraftanlagen etwa – würden heute in den Werften an Nord- und Ostsee gefertigt, während der Bau von Tankern und Massengutschiffen überwiegend in Asien stattfindet. Mit der Spezialisierung aber scheinen die hiesigen Werften einen richtigen Schritt getan zu haben, nach einigen Aufsehen erregenden Pleiten sieht der VSM die Branche jedenfalls wieder auf einem guten Weg: »Im Großen und Ganzen«, sagt Marquardt, »ist der deutsche Schiffbau durch die Krise durch.« 

Weil das so ist, gewinnt er auch als Arbeitgeber für Ingenieure wieder deutlich an Attraktivität. Der Bedarf an gut ausgebildeten Ingenieuren nimmt zu, versichert Marquardt, sei es nun in den Werften selbst oder bei einem der vielen Zulieferbetriebe. In einer Informationsbroschüre des VSM heißt es gar: »Die deutsche Schiffbauindustrie sucht zurzeit wesentlich mehr Nachwuchsingenieure als von den Hochschulen angeboten werden.« Ein Karriererisiko gehe man mit einer entsprechenden Studienspezialisierung deshalb auch auf keinen Fall ein. Kein Wunder, schließlich müssen Ingenieure nicht nur Schiffe entwerfen und den Bau koordinieren, sondern auch Werften planen, Werkstoffe testen, Reedereien beraten und noch vieles mehr. Das Aufgabenspektrum ist beinahe unübersehbar, weshalb sowohl Bachelor- als auch Masterabsolventen in der Branche leicht ihren Platz finden. Allerdings: Für eine Tätigkeit in ihren Forschungs- und Entwicklungsabteilungen setzten die Werften dann meist doch einen Master voraus, sagt Marquardt.

Ebenfalls notwendig neben einer »soliden, breit aufgelegten Ingenieursausbildung« (Marquardt): einerseits ein Schuss Internationalität. »Ein deutscher Ingenieur muss heute sprachlich fit sein und sich auf andere Kulturen einstellen können«, heißt es beim VSM, »denn seine Zulieferer und Kunden kommen aus aller Welt.« Und andererseits bräuchten Ingenieure der Branche Leidenschaft, sagt Philip Gennotte, die Leidenschaft »für komplexe, hochtechnologische und sehr große Kreuzfahrtschiffe«. Und ein wenig von der Passion fürs Meer, die schon Jules Verne mitbrachte, kann bei solch einem Beruf sicher auch nicht schaden. 

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Basiswissen zum Schiffbau

  • Das Wort ›Werft‹, lehrt das Etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache, entwickelte sich im 18. Jahrhundert aus dem niederdeutschen werf. Ursprünglich bezeichnete es einen aufgeworfenen Wall, später einen erhöhten Bauplatz.
  • Im Jahr 2013 erzielten die deutschen Werften einen Umsatz von rund fünf Milliarden Euro. 2010 hatte er noch 7,5 Milliarden Euro betragen (Quelle: Statista.de).
  • Die Zahl der Beschäftgten nahm zwischen 2010 und 2013 um rund fünf Prozent ab, sie lag im Vorjahr bei 15.805 Mitarbeitern (Quelle: Statista.de).
  • Fun Fact: Weil viele Kreuzfahrtschiffe über eigene Theater verfügen, ist die Meyer Werft Deutschlands größter Theaterbauer. Kein anderes Unternehmen hat deutschlandweit mehr und größere Theater mit wechselnden Bühnenbildern und versenkbaren Orchestergräben gebaut als die Meyer Werft.
  • Jeweils 18 Prozent des Umsatzes bei Schiffsbauzulieferern werden in Schleswig-Holstein, Bayern und Baden-Württemberg erwirtschaftet.