Auf der Überholspur

Wie verändert die Digitalisierung die Arbeitswelt, welche Herausforderungen warten auf Ingenieure, und: Wo steht Deutschland im Digitalisierungswettlauf? Dr.-Ing. Dagmar Dirzus, Geschäftsführerin der VDI/VDE-Gesellschaft für Mess- und Automatisierungstechnik, hat die Antworten parat.

Frau Dr. Dirzus, wie wirkt sich die Digitalisierung auf die Arbeitswelt von Ingenieuren aus?

Die digitale Transformation wird die gesamte Berufs- und Arbeitswelt sowie das private Umfeld bis ins Letzte komplett verändern – und damit natürlich auch die Welt der Ingenieure. Diesen Transformationsprozess gibt es schon seit 15 Jahren. Er verstärkt sich nur durch die exponentiell steigende Geschwindigkeit der Technologien, was aber den gesamten Arbeitsmarkt betrifft. 

Das hat sicherlich Auswirkungen auf die Arbeitsweise von Ingenieuren.

Ja, zwar gibt es inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit schon seit mehreren Jahren, allerdings war die Zusammenarbeit, beispielsweise die zwischen Ingenieuren und Informatikern, bisher davon geprägt, dass das Aufgabengebiet der IT eine Black-Box war und die Ingenieure vor sich hin entwickelten. Erst am Projektende wurde dann festgestellt: Die Ergebnisse passen oder passen nicht zusammen. Durch Methoden wie Scrum, also agilem Projektmanagement, das aus der Softwareentwicklung kommt, veränderte sich auch die Zusammenarbeit: enger, schneller und kurzfristiger. Deswegen müssen angehende Ingenieure das interdisziplinäre Kommunizieren schon frühzeitig lernen.

Stichwort Industrie 4.0: Wie verändern sich die Anforderungen an Ingenieure mit fortschreitender Digitalisierung?

Mit dem Einzug von 5G wird Wissen darüber, welche Kommunikation innerhalb und zwischen den einzelnen Maschinen möglich ist, immer wichtiger. Denn innerhalb der letzten zehn bis 15 Jahre haben beispielsweise immer mehr Pumpen, Mess- und Stellgeräte Einzug in die Produktionshallen gehalten, die die menschlichen Arbeitskräfte unterstützen oder ersetzen. Diese werden künftig untereinander kommunizieren können. Basierend auf dieser Entwicklung müssen Ingenieure wissen, welche Softwarearchitektur vonnöten ist, damit die Kommunikationsfähigkeit gewährleistet werden kann. Kurz: Sie brauchen Verständnis für Software und Funktechnologien. Das heißt nicht, dass jeder Ingenieur zwingend verschiedene Programmiersprachen beherrschen muss, aber er sollte wissen, wie ein Programmierer denkt und Problemlösungen angeht.

Das hört sich nach einem komplexen Arbeitsfeld an. Welchen Rat haben Sie im Hinblick auf die Wahl des dafür geeigneten Studiengangs?

Studienanfänger sollten erst einmal ein allgemeines Ingenieurstudium wie beispielsweise Bauingenieur- oder Elektroingenieurwesen absolvieren und dann in dem Bereich, in dem die eigenen Interessensgebiete liegen, einen Master beginnen. Dabei müssen sich angehende Ingenieure interdisziplinäres Fachwissen aneignen. Es ist wichtig, dass sie neben einem breiten Grundlagenverständnis Kenntnisse über Daten- und IT-Sicherheit mitbringen und wissen, welche gesellschaftlichen Implikationen Forschungen oder Entwicklungen haben. Denn es wird mehr auf interdisziplinäre Gruppenarbeiten gesetzt.

Wo steht Deutschland im Vergleich zu anderen Nationen hinsichtlich der Digitalisierung?

Wir haben eine gute, um nicht zu sagen eine sehr gute Ausgangsposition. Natürlich gibt es im Silicon Valley die großen Giganten, aber wir müssen uns klarmachen, dass die größten US-amerikanischen IT-Unternehmen, zu denen etwa Google, Amazon und Facebook gehören, ein jährliches Forschungsvolumen haben, das so groß ist wie das Gesamtbudget der Bundesregierung. Wir haben extrem forschungsstarke Hochschulen, die zum Beispiel im Bereich Künstliche Intelligenz (KI) sehr fortschrittlich sind. Die Schwierigkeit besteht aktuell noch darin, die Innovationen auf die Straße zu bringen. Aus diesem Grund sind Investitionen sehr wichtig. Außerdem brauchen wir auch viel mehr Vernetzung, sowohl regional als auch überregional, um Forschung voranzutreiben und auch die Notwendigkeit der Forschung im Bereich KI und Digitalisierung deutlicher zu machen. Denn: Die beste Methode, um nicht überholt zu werden, ist selbst auf die Überholspur zu wechseln.


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