Schweißbrenner
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Industrie 4.0: Ingenieur meets Software

Ohne Software ist das Ingenieurwesen nicht mehr vorstellbar. Eine Entwicklungsingenieurin, ein Projektkoordinator und ein Gründer beantworten die aktuelle Frage nach den Kompetenzen für Ingenieure 4.0

Er misst einen Meter mal einen Meter, ist vierzig Zentimeter hoch, mobil im Raum unterwegs und kann 1,5 Tonnen befördern. Beladen mit Montageteilen navigiert der kleine Logistik-Assistent vom Hochregallager zur Fertigungsinsel, versorgt Mitarbeiter mit Montageteilen, fährt mit dem fertigen Produkt zum Warenausgang. Seit 2014 drehen Roboter die programmierten Runden in der Schaufensterfabrik von SEW-Eurodrive. Der Hersteller für Antriebstechnik hat eine Smart Factory aufgebaut, in der mobile Assistenten in der Fertigung helfen und Abläufe erproben. Tanja Walz hat die Schaufensterfabrik von Anfang an miterlebt. Die Wirtschaftsingenieurin hat im Unternehmen vor dreieinhalb Jahren ihre Bachelorarbeit über ›Serviceorientierte Architektur für eine wandelbare Fabrik‹ geschrieben. Währenddessen arbeitete sie sich in die Systeme und Architekturen ein, lernte die Technologien, die SEW nutzt, kennen:

»Ich hatte Vorkenntnisse in Programmierung, zu Lean-Produktion, Logistik und Betriebsabläufen aus dem Studium. Im Betrieb ist es wichtig, kontinuierlich dazuzulernen, offen und kreativ für Neues zu bleiben.«

Disziplinentango

Die Ingenieurin arbeitet interdisziplinär zwischen IT- und Prozesswissen, mit Technologen, Steuerungstechnikern, Software- und Systementwicklern. In der Abteilung Forschung und Technik beschäftigt sie sich mit Pilotprojekten und Lösungen, manchmal als Konzept für die interne Logistik, ein andermal für Kunden aus der Automobil- oder Holzindustrie. Das Ziel: Software und Betriebsprozesse so zu verzahnen, dass eine neue vernetzte Anwendung und ein Vorteil entsteht. Das kann eine geringere Durchlaufzeit in der Montage sein oder die Losgröße eins.

»Die Kunst ist, die verschiedenen Systemlandschaften zu integrieren und mit dem vorhandenen Wissen in der Anwendung zurechtzukommen. Selbst ein Generalist muss sich heute tiefgründig mit Technologien beschäftigen«.

Zudem ist für Walz Kommunikationsfähigkeit

»über die vielen Disziplinen hinweg entscheidend: die Begriffe der einzelnen Gewerke zu klären und verstehen«.

Basiswissen zählt nach wie vor

Abstimmung und berufsfeldübergreifende Zusammenarbeit sind auch für Christian Klettner Tagesgeschäft. Im globalen Projekt ›BASF 4.0‹ koordiniert der Automatisierungsingenieur die Digitalisierung von Produktions- und Technikabläufen.

»Das Kerngeschäft der BASF ist die Chemie. IT und Automatisierungstechnik sind unterstützende Gewerke. Man sitzt auf der Anwenderseite.«

Klettner beauftragt IT- und Automatisierungslieferanten mit digitalen Applikationen, wie etwa für die Augmented-Reality-Anwendung, die Mitarbeiter der Instandhaltung bei Kontrollgängen an Produktionsanlagen auf einem Tablet nutzen. Das Potenzial für digitale Anwendungen ist hoch. BASF rekrutiert stetig neue Leute für das Projekt.

»Es gibt viele ITler, die sich gut mit großen Systemarchitekturen, Big Data und Netzwerktechnologien auskennen. Ihnen fehlt aber oftmals das Applikations-Know-how, die Verfahrenstechnik einer Produktionsanlage«,

plädiert Klettner für profundes Ingenieurwissen.

»Denn ohne Umsetzungskompetenz keine Beurteilungskompetenz.«

Er muss sowohl die Produktions-, Technik- und Sicherheitsprozesse kennen, als auch die Sys- teminfrastruktur. Studierenden rät er, in der Praxis verschiedene Felder und Seiten ausprobieren, um den eigenen Schwerpunkt zu finden.

Wagnis Selbstständigkeit

Robin Streiter ist einer, der gern etwas probiert und Neues wagt. Der Ingenieur für Informations- und Kommunikationstechnik ist auf dem Weg, Unternehmer im Bereich Mobilität 4.0 zu werden. Schon im Studium an der TU Chemnitz hat er mit Freunden Produkte und Geschäftsideen zusammengesponnen. Während der Diplomarbeit fing er Feuer für das Thema Satellitennavigation. Der 34-Jährige testete in der Forschungsumgebung sowohl neue Satellitentechnologien als auch sein Studienwissen. Zusammen mit einem Softwareentwickler, einem Hardware-Experten und einem BWLer hat Streiter Anfang des Jahres die Firma Naventik gegründet. Streiter ist der Strippenzieher, der dem Team einen Rahmen gibt, die Kollegen verstehen muss und Forschungsgelder akquiriert. Das Start-up will eine softwarebasierte Technologie der Signalverarbeitung namens ›Pathfinder‹ auf den Markt bringen. Diese soll den klassischen Chip in mobilen Geräten ersetzen, preisgünstiger sein, bessere Leistung bringen, Orte genauer bestimmen als bisher. Noch bis Anfang 2018 nutzt die Hochschulausgründung die Infrastruktur des Lehrstuhls, um das Produkt marktreif zu machen.

»Danach müssen wir selber für den Umsatz sorgen, Investoren und Anwendungsgebiete bei Kunden finden. Wir haben uns voll dazu kommittet. Es gibt keine Option, auszusteigen«,

sagt Streiter, ein Ingenieur 4.0, der keine Angst davor hat, etwas falsch und dann weiterzumachen.


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