Dr. Werner Eichhorst
Dr. Werner Eichhorst, Koordinator für Arbeitsmarktpolitik Europa am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) Kay Herschelmann

So funktioniert Industrie 4.0. Ausblick in die Zukunft

Wie wird Industrie 4.0 unser Leben verändern? Dr. Werner Eichhorst, Koordinator für Arbeitsmarktpolitik Europa am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA), gibt spannende Einblicke

 

Herr Dr. Eichhorst, was sind die wichtigsten Bausteine für eine Fabrik der Zukunft?

Die wichtigsten Bausteine in der Industrie 4.0 werden sein, dass die Produktion sich in einem wesentlich höheren Maße selbst steuert und die Maschinen untereinander kommunizieren. Gleichzeitig wird die Produktion auch deutlich flexibler werden, weil mehr Daten zur Verfügung stehen und stark kundenorientierte Produkte erstellt werden können. Eine Massenproduktion von Unikaten wird möglich werden.

Heißt das, das Handwerk wird bald ersetzbar sein?

Das Handwerk bleibt garantiert noch längere Zeit erhalten. Gerade im Umgang mit räumlichen Situationen, der Montage von Anlagen und auch im Gebäudebereich wird es weiterhin eine Rolle spielen.

Und wie sieht es mit dem klassischen Fabrikarbeiter aus?

Die menschenleere Fabrik wird es wohl nicht geben. Arbeitnehmer, die einfache Produktionstätigkeiten ausführen, werden aber weniger gefragt sein. Gebraucht werden Koordinatoren. Menschen, die sich mit der Steuerung beschäftigen und die Kompetenz haben, Störungen zu beseitigen.

Werden dann auch vermehrt Akademiker gefragt sein?

Bei Leuten, die weiterhin in diesem industriellen Bereich arbeiten, ist eine Tendenz zur höheren Qualifikation zu beobachten. Ich würde vermuten, dass sich eine industrielle Facharbeiterausbildung vielleicht in Zukunft mit Bachelor und Master überlappen wird. Das Duale Studium zum Beispiel entspricht dieser Komplexität schon recht gut.

Es gibt Geschichten aus Japan, wo Roboter als Pflegekräfte eingesetzt werden. Das macht dem Verbraucher natürlich Angst, bald in einer robotergesteuerten Welt zu leben …

Also da gibt es ganz deutlich Grenzen! Das ist natürlich technisch möglich und vielleicht auch in Teilen praktikabel, beispielsweise wenn man einen bettlägrigen Patienten hochheben möchte. Hier kann die physisch anstrengende Arbeit der Pflegekräfte technisch unterstützt werden. Auch interaktive Medien können das Wohlbefinden von Pflegebedürftigen verbessern. Aber ich sehe hier weiterhin in großem Umfang eine Rolle von menschlicher Arbeit und insbesondere menschlicher Zuwendung. Das kann eine Maschine nicht leisten.

Aber welche Vorteile entstehen für uns als Verbraucher dann durch Industrie 4.0?

Es wird dazu führen, das wir individuellere Erzeugnisse bestellen können. Die Vorteile von Massenproduktion werden mit Unikaten verknüpft. Die Produktivitätserhöhung kann außerdem dazu führen, dass Produkte für uns auch günstiger werden. Die Frage ist natürlich aber immer, was davon wir auch wirklich brauchen und bereit sind, zu kaufen.

Viele Studierende machen sich Gedanken, wie sie hinsichtlich des Wandels zu Industrie 4.0 ihr Studium anpassen müssen. Was empfehlen Sie?

Ich denke, dass die Studiengänge in Deutschland schon passen. Die Entwicklung der letzten Jahre wird sich einfach fortsetzen, wir wachsen nur mehr in den steuernden, gestaltenden Bereich hinein. Auch die Bereiche Marketing, Kundenorientierung und -betreuung nehmen gegenüber operativen Tätigkeiten zu. Gleichwohl würde ich aber schon sagen, dass solide Fachkompetenz wichtig bleibt.

Wie schätzen Sie die Lage von Deutschland in der Entwicklung ein?

Bei Innovationen im maschinellen Bereich und der Entwicklung von Robotern sind wir schon sehr weit. Das gilt für Großunternehmen und KMU. Der Arbeitsmarkt ist in einer guten Verfassung, auch für Berufseinsteiger. Gerade Akademiker haben jetzt offene Türen und sollten sich keine Sorgen machen.

 

Industrie 4.0 - FAQs

Warum heißt Industrie 4.0 auch ›vierte industrielle Revolution‹?  Innovationen haben die Industrie schon immer verändert. Die Erfindung des elektronischen Webstuhls galt als erste industrielle Revolution. Die zweite industrielle Revolution machte die Massenproduktion möglich, die dritte führte zu einer weiteren Automatisierung durch Elektronik und die IT. Und Industrie 4.0? Sie wird es ermöglichen, die moderne Informations- und Kommunikationstechnik mit der Produktion zu verknüpfen. Was das heißt? Kundenorientierte Massenproduktion bei geringeren Kosten und höherer Qualität – eine echte Revolution.

Wie wird Industrie 4.0 in Deutschland vorangetrieben?  Um die vierte industrielle Revolution voranzutreiben, wurde die Plattform Industrie 4.0 gegründet. Die Verbände Bitkom, VDMA und ZVEI sind Mitglieder, denn die Verzahnung von IT und Industrie muss branchenübergreifend angegangen werden. Auch Partner aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und von den Gewerkschaften haben Sich der Plattform angeschlossen.

Was ist eine ›Smart Factory‹?  Sie kann sich zu großen Teilen selbst steuern. Maschinen koordinieren Fertigungsprozesse, Roboter übernehmen Montagearbeiten und Transportfahrzeuge erledigen logistische Aufgaben ohne menschliche Führung. Der Mensch behält den Überblick über sämtliche Prozesse und analysiert Daten der Fabrik.

Betrifft Industrie 4.0 die gesamte Wirtschaft?  In allen Branchen, die sich industrieller Prozesse bedienen, wird Industrie 4.0 Einzug halten, beispielsweise in der Landwirtschaft. Individuelle, kundenorientierte Fertigung wird von kleinen und mittelständischen Unternehmen genauso wie von Großkonzernen gefordert werden.

Wie beeinflusst Industrie 4.0 unseren Arbeitsalltag?  Wir werden uns vermehrt um Koordination und Steuerung kümmern. Schnelles Reagieren wird im Störungsfall notwendig. Da die Industrie aus IT-, Automatisierungs- und Softwarebestandteilen bestehen wird, werden interdisziplinäre Experten gebraucht.


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