Existenzgründung für Ingenieure

Existenzgründung als Ingenieur. Foto: probitron
Existenzgründung für Ingenieure

Als Ingenieur in die Selbstständigkeit: Soll ich oder soll ich nicht?

»Mache ich das, was mich seit Kindesbeinen an interessiert und gründe mein eigenes Unternehmen? Oder gehe ich auf Nummer sicher, nehme eine Anstellung an und weiß, welches Gehalt am Ende des Monats auf meinem Konto landet?« Das waren die Fragen, die sich Patrick Oliver Battré nach seinem Studium immer wieder stellte.

 

Seine Leidenschaft siegte: Der 31-jährige Elektroingenieur gründete gemeinsam mit einem Wirtschaftsjuristen die probitron GmbH in Bielefeld. Das junge Unternehmen ist spezialisiert auf Prüftechnik für Bahnanlagen und baut im Kerngeschäft Prüf- und Sicherheitsanlagen für Schienennetze. Zweimal reichte probitron bereits beim Deutschen Patent- und Markenamt ein Schutzrecht ein: Beim ersten Mal auf einen Prüfstand und beim zweiten Mal auf ein LED-Boden-Warnsystem, das für mehr Sicherheit für Fußgänger an Bahnübergängen sorgen soll.

Sinkende Gründerzahlen - nicht nur bei Ingenieuren

Mit seinem Unternehmergeist gehört der Ingenieur allerdings zu einer immer kleiner werdenden Gruppe von Gründern. Das belegt die Gründerklima-Studie ‘Global Entrepreneurship Monitor’ (GEM). Danach liegt die Bereitschaft, ein Unternehmen zu gründen, in Deutschland seit zehn Jahren unverändert auf niedrigem Niveau. In der aktuellen Erhebung landete Deutschland im Ranking gerade mal auf Platz 15 von 20 Ländern, deren Volkswirtschaften als innovationsbasiert gelten. Zwar schaffte es die Bundesrepublik bei den wichtigen Hightech-Gründungen, die hierzulande vier Prozent aller Gründungen ausmachen, auf Platz fünf, aber dieser Hoffnungsschimmer tröstet nur wenig.

Denn ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass die High-Tech-Gründungen deutlich unter die Marke der 90er-Jahre gerutscht sind. Geht die Entwicklung so weiter, wird die Zahl der Unternehmensgründungen bis 2030 um zehn Prozent und bis 2050 um 20 Prozent zurückgehen: Dies lassen aktuelle Daten des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), die in Zusammenarbeit mit Microsoft Deutschland erhoben wurden, befürchten.

Der Weg in die Selbstständigkeit: Hohe Einstiegshürden 

Patrick Oliver Battré weiß die Gründe für die geringe Anzahl an Gründungen. Über hohe Einstiegshürden kann er einen Vortrag halten, angefangen vom Stammkapital über Versicherungen, der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten bis hin zum Thema Steuern. Dass sein Team trotzdem auf Erfolgskurs segelt, hängt unter anderem damit zusammen, dass er zum einen einen Wirtschaftsjuristen mit an Bord hat und zum anderen von Anfang an gut beraten war.

 

»Wir hatten das Glück, auf die Infrastruktur des Institutes zurückgreifen zu können und mussten nicht bei Null anfangen.«


Trotz dieser Vorteile bezeichnet er den Schritt in die Selbstständigkeit als »Sprung ins kalte Wasser«. Berufserfahrung bringt Vorteile:

 

»Nicht die Idee steht im Mittelpunkt der Aufgaben, die größte Herausforderung liegt in dem Erstellen eines soliden Businessplans sowie in der Finanzierung.«

 

Auch Volker Wittpahl, Fachbereichssprecher der Informationstechnischen Gesellschaft (ITG) im VDE und seit fünf Jahren Geschäftsführer eines eigenen Ingenieur- und Innovationsbüros in Oldenburg, hält die Fokussierung auf die Technik für das größte Risiko einer ingenieurwissenschaftlichen Existenzgründung:

 

»Das Paradoxe ist, dass Elektroingenieure und Informationstechniker meistens nur in technischen Lösungen denken.«

 

Der Kern des Geschäftsmodells orientiere sich aber beispielsweise auch an der Marktlage oder an Fragen des Benutzerinteresses und der Handhabung. 

Gründungszuschuss und Unterstützung 

Ingenieure unterschätzen nicht nur die organisatorischen, juristischen und betriebswirtschaftlichen Probleme, sie erhoffen sich solide Unterstützung durch staatliche Gründungszuschüsse: Je nach Institution und Businessplan sind dies aber selten mehr als 1.000 bis 2.000 Euro monatlich – und das für einen Zeitraum von nur ein bis zwei Jahren. Zudem sind die Banken derzeit sehr schwerfällig bei der Vergabe von Krediten. Einzelne Sparkassen und die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) gelten hier übrigens als deutlich aufgeschlossener.

Ingenieure besser auf das Gründen und Führen eines Unternehmens vorzubereiten, ist eines der Ziele der VDI/VDE Innovation + Technik GmbH (VDI/VDE-IT), die seit über 30 Jahren mit Beratung und Coaching junge Technologieunternehmen unterstützt. Mehrere Tausend technologieorientierte Gründungsunternehmen haben die Experten der VDI/VDE-IT in dieser Zeit in ihrer Entwicklung begleitet: »Die Berater haben hervorragende Kenntnisse über Finanzierungs- und Förderungsmöglichkeiten sowie die entsprechenden Netzwerke im Bereich der Gründungsfinanzierung und -unterstützung auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene«, urteilt Birgit Buchholz, Seniorberaterin für Gründung und Mittelstand.

Selbstständig als Ingenieur: Stolpersteine für Gründer

Stolpersteine für gründungsinteressierte Ingenieure ergeben sich Ihrer Ansicht nach oftmals aus einer konsequenten Ignorierung der eigenen Schwächen und der Risiken eines Start-ups: »Unterschätzt werden oft die Wichtigkeit der Zusammensetzung eines Gründungsteams sowie die Bedeutung von übereinstimmenden Zielen«, erklärt sie.

Zudem sollten die eigenen Schwächen selbstkritisch analysiert werden. Möglicherweise fehlende Kompetenzen und Erfahrungen können durch den Aufbau von Netzwerken, Kooperationen, Einbindung externer Experten, Weiterbildung oder eine entsprechende Personalpolitik ausgeglichen werden.« Sie empfiehlt außerdem, Ziele, auf die das Team gemeinsam hinarbeitet, zu definieren und Zuständigkeiten für alle relevanten Unternehmensbereiche frühzeitig festzulegen. Zudem sollte die Planung ausreichend zeitliche, personelle und finanzielle Ressourcen und Reserven berücksichtigen. Immer wieder muss sie auch eine unzureichende Abgrenzung des Zielmarktes konstatieren. Ebenso eine mangelhafte Kenntnis über Wettbewerber und Zielgruppen sowie deren Bedürfnisse und Probleme sei zu beobachten.

Ihr Rat deshalb: Grundsätzlich sollten Alleinstellungsmerkmale und Kundennutzen immer auch mit den Angeboten der Wettbewerber verglichen werden.

Nach Erfahrung von Volker Wittpahl hätten die meisten Ingenieure den Weg in die Selbstständigkeit gar nicht im Visier. Den oft erhobenen Einwand des hohen unternehmerischen Risikos in Zeiten der Wirtschaftskrise möchte Wittpahl allerdings relativiert wissen: »Einerseits ist gerade wegen der Wirtschaftskrise der Arbeitsplatz auch bei etablierten Firmen und Konzernen nicht in Stein gemeißelt und zum anderen ist es in dieser Situation auch besonders attraktiv, sein eigener Herr zu sein und die Entwicklung der Karriere selbst zu bestimmen.«

Risiken und Chancen halten sich seiner Meinung nach die Waage. Laut Zahlen der ZEW-Studie könnte er durchaus Recht haben. So belegt die Untersuchung unter anderem, dass diejenigen Ingenieure, die ein Unternehmen gründen, ihren Optimismus nicht verloren haben - zumindest was ihr eigenes Geschäft angeht.

So erwartet zwar ein Drittel der Start-ups, dass Wettbewerber vom Markt verdrängt werden könnten. Selbst gefährdet fühlt sich aber kaum ein Jungunternehmer. Die Geschäftslage wird insgesamt weiterhin als zufriedenstellend bis gut beurteilt - wenn auch mit leichter Tendenz nach unten.

Und auch das Verhalten der Banken oder die geringe Unterstützung durch staatliche Institutionen kann ‘Betroffene’ in der Regel kaum abschrecken: Denn sowohl an Krediten als auch an staatlicher Förderung ist das Interesse mittlerweile gering. Lediglich ein Viertel aller Start-ups hat im vergangenen Jahr auf Bankkredite oder Wagniskapital zurückgegriffen. Und die meisten Gründer lehnen staatliche Bürgschaften sogar als ‘marktverzerrend’ ab. Warum aber ist die Zurückhaltung der Ingenieure, ein eigenes Unternehmen zu gründen so groß?

Existenzgründung für Ingenieure: Durchhaltevermögen beweisen!

Offensichtlich gibt es eine nur schwach ausgeprägte ‘Gründerkultur’ in Deutschland, meint Michael Schanz, der im VDE unter anderem für die Bereiche Berufsausbildung und Karriere verantwortlich ist: Engagement und Zielstrebigkeit würden zu wenig honoriert, das Scheitern eines Start-ups führe mitunter zu einer ‘Stigmatisierung’ der jungen Unternehmer.

Um dies tunlichst zu verhindern und interessierten Studierenden oder Young Professionals einen ersten Überblick über die wichtigsten Schritte und Hürden einer Unternehmensgründung zu geben, hat Michael Schanz alle wichtigen Punkte auf einer Website des VDE zusammengefasst.

Und er hat einen zusätzlichen Rat: Durchhaltevermögen beweisen! Jedes technische Start-up müsse sich klarmachen, dass es einige Jahre dauert, bis »der Laden läuft« beziehungsweise laufen kann.

 

»Ein Unternehmen muss erst Kunden-, Vertriebs- und Partnernetzwerke aufbauen - das gelingt nicht von heute auf morgen«

 

Weitere Tipps und Informationen zur Existenzgründung findest du hier: 

 

Selbstständigkeit nach dem Studium? Unsere Expertin gibt Tipps, wie es klappt

 

Das interessiert dich auch: Tipps zur Existenzgründung von Rainer Brüderle

 

Wir wünschen dir viel Erfolg!

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Als selbstständiger Berater durchstarten

Ingenieure im Consulting

 

Zwei INGs auf ungewohnter Mission. Einer im Kloster, einer im Gerichtsgebäude. Was machen die da? Selbstständig beraten!

 

Beide haben dem klassischen Weg des Ingenieurseins entsagt. Beide haben direkt nach dem Studium als Consultant angefangen. Und beide haben sich mittlerweile im schönen Düsseldorf am Rhein selbstständig gemacht.

 

»Der Weg in die Selbstständigkeit war sehr schwierig und ohne Erfahrung aus der freien Wirtschaft wäre der Schritt so gut wie unmöglich gewesen«, sagt Harald Grüning.

 

Der Einstieg ins Consulting war bei dem 49-Jährigen nicht wirklich geplant und kam eher durch einen glücklichen Zufall zustande.

 

»Direkt nach meinem Studium im westfälischen Münster ergab sich die Möglichkeit, in einem Ingenieurbüro in Bochum anzufangen.«

 

Und auch danach sammelte Grüning zunächst noch mehr Erfahrung in der Großindustrie, bevor er sich selbstständig machte.

 

»Man braucht einen unbeugsamen Willen, muss mit dem Kopf durch die Wand gehen und mit Halbherzigkeit kommt man definitiv nicht voran. Das heißt teilweise auch, unliebsame Vorschläge zu machen. Zudem muss man sich gut artikulieren können – und zwar ausdrücklich in Wort und in Schriftform – und eine starke Persönlichkeit sein, da man mit eben solchen, also beispielsweise auch Vorständen, am Tisch sitzt. Das ist ein bisschen wie bei David und Goliath«, fährt Grüning fort.

 

Ganz ähnlich liest sich der Lebenslauf von Ralf Schoen. Schoen hat ebenfalls seine Erfahrungen bei den Big-Playern der Branche gemacht, bevor er seine eigene Firma gründete. »Ich habe während meines Maschinenbaustudiums bereits gemerkt, dass ich nicht als Ingenieur arbeiten möchte, weil mir das Einsatzspektrum einfach zu begrenzt ist. Ein Praktikum bei McKinsey & Company hat mich auf den Geschmack gebracht und so habe ich mich für die Consultingbranche entschieden. Das letzte Jahr meines Studiums habe ich in Japan absolviert und deswegen bereits ein Jahr vor meinem Abschluss Bewerbungen geschrieben. Dadurch hatte ich meinen Vertrag bei der Boston Consulting Group schon vor Reisebeginn in der Tasche.«

Foto: Armando Aguayo Rivera / Quelle: <a href="http://www.flickr.com/" target=_blank>Flickr.com</a> unter CC BY 2.0

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