Comic Chemie-Labor

Forschungsnation Deutschland

In die Forschungsnation Deutschland wird kräftig investiert. Wir zeigen dir, in welchen Branchen und Regionen bundesweit geforscht wird

Im Frühling nach der Jahrtausendwende gaben sich die mächtigsten Frauen und Männer Europas unter der milden Wintersonne Lissabons die Hand und lächelten zuversichtlich in die Kameras der Journalisten. Kaum verwunderlich, befand sich damals doch der New-Economy-Boom gerade auf seinem Zenit, die Zeichen in Europa standen auf Aufschwung. Auf dem Sondergipfel der Europäischen Staats- und Regierungschefs im März 2000 wurde eine Art Masterplan, die Lissabon-Strategie, mit dem hochgesteckten Ziel auf den Weg gebracht, »die EU zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt« zu machen. ›Go big or go nothing‹ – irgendwie mutig, aber irgendwie auch geradezu prädestiniert dafür, die Ikarusflügel von der Sonne verbrannt zu bekommen.

Die Idee war gut, die Welt (ähm, die EU) noch nicht bereit. Um im 21. Jahrhundert zu bestehen und die etwas verschlafene EU zu einer modernen Informations- und Wissensgesellschaft zu transformieren, sollten unter anderem europaweit über drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung (FuE) fließen. Deutschland ließ sich nicht lumpen und wendete allein im Jahr 2010 69,9 Milliarden Euro für FuE auf. Dies entsprach 2,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes – weitaus mehr als in jedem anderen Land in Europa. Noch im selben Jahr und damit ein knappes Jahrzehnt nach ihrer Geburtstunde und einem missglückten Wiederbelebungsversuch des ehrgeizigen Plans für Wettbewerbsfähigkeit der EU im Jahr 2005, ging die Lissabon-Strategie besonders in Hinblick auf die Investitionen in FuE dennoch als gescheitert in die Geschichtsbücher ein. Zu euphorisch die zugrunde gelegten Konjunkturerwartungen, zu groß die wirtschaftlichen und politischen Hürden durch die Vergrößerung der EU von 15 auf 27 Mitgliedstaaten. 

Nochmal von vorn – und ab an die Spitze. So leicht lies sich der Europäische Rat jedoch nicht geschlagen geben: 2010 hieß es Ärmel hochkrempeln, nachsitzen, neu und besser machen. Nun soll die ›Europa 2020‹-Strategie für ›intelligentes, nachhaltiges und integratives Wachstum‹ dafür sorgen, dass die auf mittlerweile 500 Millionen Einwohner in 28 Mitgliedsstaaten gewachsene EU konkurrenzfähig gemacht wird – die Forschungsnation Deutschland mitten drin. Im Gegensatz zum Vorgänger sind die Zielvorgaben von Europa 2020 an konkreten Zahlen festgemacht und damit quantifizierbar sowie evaluierbar. Die öffentlichen und privaten Ausgaben für den Bereich FuE wurden wiederholt auf drei Prozent des jeweiligen Bruttoinlandsprodukts veranschlagt – im Jahr 2012 verpasste Deutschland mit 2,97 Prozent knapp den Zielwert, sank jedoch 2013 bedingt durch die Neuberechnung des BIPs sowie die Stagnation der FuE­-Tätigkeiten deutscher Unternehmen wieder auf einen 2,85 Prozent-Anteil ab. Knapp 389,3 US-Dollar macht das laut Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) pro Einwohner – klingt irgendwie wenig, trotzdem stehen wir damit im EU-weiten Vergleich sehr gut da: Nur Dänemark, Schweden und Finnland investierten in diesem Zeitraum anteilig mehr in Forschung- und Entwicklung. Eine deutsche Besonderheit in der Wissenschaftsförderung ist zu dem die Hightech-Strategie: 27 Milliarden Euro – so viel, wie das Vermögen des reichsten Mannes Chinas, Wang Jianlin – betrug die Fördersumme allein bis zum Jahr 2013, um die Heimat von Helmholtz, Leibniz, Max Planck & Co. in den sechs Feldern Digitale Wirtschaft und Gesellschaft, Nachhaltiges Wirtschaften und Energie, Innovative Arbeitswelt, Gesundes Leben, Intelligente Mobilität und zivile Sicherheit zum globalen Innovationsführer zu trimmen.

Welcome to Research-City. Würden alle Beschäftigte aus FuE in Deutschland in einer Stadt wohnen, käme diese Wissenschaftsmetropole mit einer Personenstärke von rund 590.000 heute in etwa auf die gleiche Einwohnerzahl wie Düsseldorf. Standorttechnisch würde diese Stadt wohl aber eher weiter südlich in Deutschland zu finden sein: Mehr als 50 Prozent der deutschen FuE-ler arbeiteten nach Angaben des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft im Jahr 2013 in Baden-Württemberg und Bayern, und zwar mehrheitlich im Kraftfahrzeugbau und in der Elektrotechnik.  Insgesamt stellt der privatwirtschaftliche Sektor hierzulande den größten Arbeitgeber in FuE dar: Über die Hälfte der FuE-Beschäftigten sind einem Bericht des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zur Folge hier angestellt, während gut ein Fünftel in der Hochschullandschaft sowie etwa zehn Prozent direkt beim Staat arbeiten. Welchen Anteil die Wirtschaft am deutschen Innovations- und Forschungserfolg trägt, zeigt sich auch deutlich beim Blick in die Bücher: Laut der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) schultern Unternehmen rund zwei Drittel aller FuE-Ausgaben in Deutschland.

Familienfreundlichkeit und Chancengleichheit im schwarz-rot-goldenen Forschungsland. Arbeit und Familie lassen sich in der deutschen Wissenschaftsgemeinschaft ungefähr so gut zusammen bringen, wie Rückenschwimmen und das Tragen eines Schneeanzuges? Das Bundesministerium für Bildung und Forschung sieht das anders und fördert in Hinblick darauf nicht nur familienfreundliche Wissenschaftsbedingungen, sondern auch die Gleichstellung der Geschlechter. Nach Angaben des 18. Berichtes zur Chancengleichheit in Wissenschaft und Forschung der GWK existiert trotz allen Bemühungen derzeit noch eine sichtbare Schere zwischen Forschern mit Doppel-X- und XY-Chromosom, wobei das Ungleichgewicht grob einhergehend mit steigendem akademischen Grad zunimmt:

Besonderer Dorn im Auge aller Liebhaber der Gleichstellung: Je niedriger die Besoldungsgruppe, desto größer ist laut GWK der Anteil an Frauen und umgekehrt – Zaster in der Wissenschaft gibt es aktuell wohl leider hautpsächlich für männliche Forscher. In der privatwirtschaftlichen Forschung sehen die Zahlen ähnlich aus: Der Stifterverband für die Deutschwissenschaft ermittelte für das Jahr 2013 einen Frauenanteil von weniger als 20 Prozent unter dem deutschen FuE-Personal. Inwiefern die zahlreichen Maßnahmen zur Frauenförderung in der deutschen Wissenschaft, wie das mit über 300 Millionen Euro geförderte Professorinenprogramm, greifen, wird sich im nächsten Bericht des GWK zeigen.

 


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