Moritz Mösler
Foto: privat

Helfen kennt keine Grenzen

Moritz Mösler von Ingenieure ohne Grenzen erzählt von seinem Engagement in Deutschland und Kenia

Herr Mösler, wie viele Hauptberufliche und Ehrenamtliche gibt es bei Ingenieure ohne Grenzen?

Der Verein hat eine Geschäftsstelle in Berlin, dort arbeiten derzeit zwölf hauptamtliche Mitarbeiter. Sie kümmern sich um die Koordination der über 30 Regional- und Kompetenzgruppen in Deutschland sowie um die Finanzierung und Kommunikation des Vereins. Die Projekte werden fast ausschließlich von Ehrenamtlichen durchgeführt, derzeit sind rund 1.500 Menschen in den Regional- und Kompetenzgruppen tätig. Neben unseren Auslandsprojekten betreuen sie zum Beispiel Inlandsprojekte und kümmern sich um die Öffentlichkeitsarbeit.

Welche Ziele verfolgt der Verein?

Der Verein möchte allen Menschen Zugang zu einer guten Infrastruktur ermöglichen. Dieses Ziel erreichen wir konkret durch Projekte aus den Bereichen ›WASH‹ (WAsser, Sanitär und Hygiene), Erneuerbare Energien, Brückenbau und Nothilfe. Einsatzbereiche sind vorrangig Länder des globalen Südens, also Afrika, Südostasien und Lateinamerika. Im Bereich der Bildungsarbeit arbeiten wir auch an unterschiedlichen Inlandsprojekten wie zum Beispiel unserem Integrationsprogramm für Geflüchtete. Derzeit fassen wir außerdem verschiedene Projekte in Programmen zusammen, etwa im Programm ›Grundversorgung für Schulen – Wasser. Strom. Sanitär.‹, denn für unterschiedliche Schulprojekte können wir oft die gleichen Lösungsansätze anwenden.

Inwiefern lässt sich das ehrenamtliche Engagement bei Ingenieure ohne Grenzen mit dem Beruf vereinen?

Meiner Meinung nach sehr gut. Die gemeinsamen Treffen finden alle abends statt – sie kollidieren also nicht mit den üblichen Arbeitszeiten. Auch die Workshops, die bei uns angeboten werden, finden am Wochenende statt. In der Regel lassen sich ehrenamtliche Tätigkeiten gut einteilen. Das hängt natürlich auch von der Gruppengröße und dem aktuellen Arbeitsaufwand ab.

Was motiviert Sie persönlich, bei Ingenieure ohne Grenzen zu arbeiten?

Dass ich meinen eigenen Teil dazu beitragen kann, die Welt ein wenig gerechter zu machen. Das Konzept von Ingenieure ohne Grenzen hat mir schon immer gefallen: mit technischem Wissen und der selbstständigen Umsetzung der Projektidee etwas Wichtiges beitragen. Darüber hinaus kann man andere Kulturen und Menschen kennenlernen und auch mal über den eigenen Tellerrand hinausblicken.

Was war Ihr bisher größter Erfolgsmoment bei Ingenieure ohne Grenzen?

Das war auf jeden Fall die Reise nach Kenia. Wir hatten bei dem Projekt ›Wasser für Nyamache‹, bei dem es um den Aufbau einer sicheren Wasserversorgung für Schulen im gleichnamigen Dorf ging, eine sehr lange Planungsphase, in der wir versucht haben, ortsansässige Partner zu finden und Spenden zu akquirieren. Der Empfang bei unserer Ankunft in Kenia war unvergesslich: Alle Projektbeteiligten haben auf uns gewartet und sich sehr auf uns gefreut. Diese Dankbarkeit war beeindruckend – genauso wie das Eintauchen ins alltägliche Leben der Dorfbewohner.

Wie haben Sie das erlebt?

Es war ein einschneidendes Erlebnis: Wir haben in Schlafsäcken auf dem Boden in einer kleinen, sehr einfachen Hütte übernachtet. Wir hatten keinen Strom, kein fließendes Wasser, keine befestigte Toilette und keine Dusche.  Genau diese Bedingungen wollten wir jedoch kennenlernen, um herauszufinden, wie es den Menschen tatsächlich geht und was ihnen fehlt. So lässt sich die Situation besser einschätzen.

Was stellt in Kenia die größte Herausforderung dar – sowohl fachlich als auch zwischenmenschlich?

Eines der größten Probleme sehe ich in den schlechten und oft steilen Straßen. Die Transportwege für Baumaterial werden schwierig zu bewältigen sein, aber die Leute vor Ort wissen, wie die Arbeit trotzdem machbar ist. Außerdem herausfordernd ist die interkulturelle Komponente, vor allem die Kommunikation. Da bedeutet das, was man sagt, nicht automatisch das, was man auch meint. Auch der Kontext ist natürlich wichtig für funktionierende Kommunikation – durch Missverständnisse fühlt sich schnell jemand vor den Kopf gestoßen. Wir benötigen hier viel Feingefühl.

Ihr spezielles Ingenieurwissen war vor Ort bestimmt sehr gefragt.

Die technischen Grundlagen aus dem Studium sind sicherlich eine hervorragende Basis für viele Projekte. Ich bin allerdings ausgebildeter Elektroingenieur, hatte in meinem Studium also wenig mit Wasser zu tun. Alle Grundlagen zum Wasserbau habe ich mir im Rahmen des Projekts angeeignet.

Wie denken Sie rückblickend über den Aufenthalt in Kenia?

Für mich war es eine extrem aufschlussreiche und interessante Reise. Wir konnten sehr tiefe Einblicke in die Kultur gewinnen und haben die Freundlichkeit der Menschen zu spüren bekommen. Allerdings gibt es viel mehr Missstände als unser Projekt alleine beheben kann. Es braucht viel Zeit und Know-how, um vor Ort langfristig wirklich etwas verbessern zu können.

Wie stellt der Verein sicher, dass die Projekte vor Ort auch nachhaltig sind?

Dafür gibt es mehrere Säulen. Eine ist unser Konzept, immer Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Die Beteiligten müssen sehr viel Eigenleistung in das Projekt stecken, damit wir es gemeinsam zum Erfolg führen können. Dadurch sehen die Menschen vor Ort es auch als ihr eigenes Projekt an und nehmen es anders wahr und an, als wenn einfach ein fremdes Team einen Brunnen baut. Wir binden die Menschen von Beginn an in unsere Projekte ein und beziehen ihre Erfahrungen und Bedürfnisse ein. Unsere zweite Säule ist das Ausbilden von Multiplikatoren, zum Beispiel durch Hygieneschulungen für Lehrer. Diese Bildungskomponente ist sehr wichtig und spielt bei uns immer eine Rolle. Die dritte Säule ist unser nachhaltiges Finanzierungskonzept. Wir überlegen uns schon sehr früh, wer die Anlage instand halten wird und wer dafür finanziell aufkommt. Projektpartner erklären sich dazu bereit, die Betreuung der Anlagen ab einem bestimmten Punkt  zu übernehmen.

Wie können sich unsere Leser bei Ingenieure ohne Grenzen engagieren?

Der Großteil unserer Mitglieder besteht natürlich aus Ingenieuren. Prinzipiell können wir aber Expertise in ganz verschiedenen Bereichen gebrauchen – etwa in der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit. Interessierte können sich in einer Regionalgruppe oder einer überregionalen Kompetenzgruppe engagieren. Erfahrungen in der Entwicklungszusammenarbeit sind sicher ein Vorteil, aber kein Muss. Wichtig sind neben fachlichen Kenntnissen Engagement, Ausdauer, Teamfähigkeit und ein Gespür für Interkulturelle Kommunikation. Unsere Mitglieder bekommen für ihr Engagement viel zurück: unvergessliche Erlebnisse, ein internationales Netzwerk und umfassende Weiterbildungsmaßnahmen. Außerdem macht die Arbeit echt Spaß!


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