Nachhaltigkeit: Forschung für bessere Ökologie

Ökologisch und ökonomisch: Forschung in Nischenbereichen

Unnötige Regelungswut oder notwendige Energiesparmaßnahme? Seitdem raus ist, dass sich ab 1. Januar 2015 das Verhältnis zwischen Wärmeplatte und Kaffeekanne ab einem gewissen Zeitpunkt merklich abkühlen wird, kochen die Gemüter teilweise über.

Wie sehr darf sich die EU in alle Lebensbereiche einmischen?

Denn seit die EU-Richtlinie bezüglich der Einsparungen im Stromverbrauch im August 2013 verabschiedet wurde, gibt es ausführliche Diskussionen darüber, wie sehr sich die EU in sämtliche Lebensbereiche einmischen darf, soll oder sogar muss. Bezüglich der Kaffeemaschinen ist diese Frage hinfällig, denn beschlossen ist beschlossen und Kaffeemaschinen-Produzenten müssen ihre Geräte auf- beziehungsweise umrüsten. 

Foto: Gortincoiel / Quelle: PHOTOCASE
Eier, Milch und Äpfel: Ökologische Forschung?

Wohl dem, der immer auf dem Laufenden ist und das politische Geschehen aufmerksam verfolgt. Schließlich haben politische Entscheidungen oftmals direkten Einfluss auf das Handeln, erklärt Sven Neuhaus, Diplom-Maschinenbauingenieur bei der Melitta Europa GmbH.

»In allen Ländern, in denen wir mit unseren Produkten vertreten sind, müssen wir die Entwicklungen beobachten, um zeitgerecht reagieren zu können«, so der 39-Jährige weiter.

Dabei seien insbesondere die Vorlaufzeiten durch Entwicklung, Prüfung, Produktion und Logistik zu berücksichtigen. Nicht ständig auf dem neuesten politischen Stand zu sein, kann hier einen hohen Kostenfaktor bedeuten. Bei Melitta ist dies allerdings kein Thema:

»Wir sind sehr gut auf die Umsetzung der Ökodesign-Richtlinie vorbereitet. Auch Filterkaffeemaschinen fallen unter diese Richtlinie, weil sie oft unnötigerweise eingeschaltet bleiben«, erklärt Neuhaus und spricht damit die Regelung an, dass die automatische Warmhaltefunktion von Kaffeemaschinen nach 40 Minuten abgeschaltet wird. Bei einigen Geräten kann der Kunde zusätzlich noch zwischen einer 20- und 60-Minutentaktung wählen.

»Unabhängig davon werden alle Filterkaffeemaschinen, die Melitta ab 2015 verkauft, eine automatische Abschaltung haben und entsprechen damit in besonderem Maße den Anforderungen der neuen Richtlinie«, sagt der Leiter Entwicklung im Bereich Haushaltsprodukte. 

Dabei sind es nicht nur die rechtlichen Anforderungen, denen das Unternehmen gerecht werden muss – auch eine sich ständig verändernde Gesellschaft verlangt nach immer neuen Produkten. So spürt Melitta beispielsweise auch die rückläufige Nutzung von Filterkaffeemaschinen:

»Der Trend geht zu Individualität und vielen Varianten«, sagt Neuhaus und erklärt, dass dies jedoch oftmals im Widerspruch zu günstigen Herstellerkosten und Minimierung von Warenbeständen stehe.

Hier versuche das Unternehmen einen Mittelweg zu finden, so dass die Produkte möglichst mehrere Konsumentengruppen abdecken. Aber nicht nur die Produktvielfalt spielt eine große Rolle, auch Nachhaltigkeit ist ein wichtiger und interessanter Punkt:

»Wir suchen in allen Bereichen der Nachhaltigkeit nach Verbesserungspotenzial. Die Verbesserungen können wir dann vielfältig nutzen. Unser eigenes Label ›Mission eco & care‹ berücksichtigt neben ökonomischen und ökologischen Aspekten auch soziale Faktoren«, führt Neuhaus aus und beschreibt weiter, dass die Produktbereiche Filterkaffeemaschinen, Kaffeevollautomaten, Wasserkocher und Milchaufschäumer vollständig geprüft und mit dem entsprechenden Label ausgezeichnet werden.

In einem vielschichtigen Prozess ist ein eigenes Bewertungssystem entstanden, mit dem sich die Nachhaltigkeit eines Elektrokleingeräts in jeder der drei Produktionsphasen prüfen lässt – von der Herstellung über die Nutzung bis hin zum ›Lebensende‹ des Geräts:

»Dabei werden in der ersten Phase, der Herstellerphase, Ressourcenverbrauch von Produkten, Produktion und Verpackung sowie insbesondere soziale Aspekte berücksichtigt. Die Kriterien der zweiten Phase, der Nutzungsphase, sind Energieeffizienz, Produktsicherheit und Lebensdauer. Die letzte Phase stellt das Produktlebensende dar und umfasst die Recycling- beziehungsweise Entsorgungsmöglichkeiten des Produkts und die Verpackung«, so Neuhaus. 

Prof. Dr. Gert G. Wagner

Prof. Dr. Gert G. Wagner, Vorstandsmitglied des DIW Berlin und Max-Planck-Fellow am MPI für Bildungsforschung

 

»Forschung war schon immer ein dynamischer Prozess: Sie musste sich schon immer auf neue politische Ziele und neue Produkte einstellen und hat diese Neuheiten immer genutzt.«

Auch für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) ist Nachhaltigkeit ein großer Forschungsschwerpunkt. Dabei geht es nicht nur um Nachhaltigkeit im ökologischen Sinn, sondern auch um jene im Bereich der Staatsfinanzen und der Lebensqualität. Daneben erforscht das DIW, das – wie Vorstandsmitglied Professor Gert G. Wagner betont – ein multidisziplinär aufgestelltes Institut ist, das nicht ausschließlich Konjunkturprognosen macht, sondern vor allem Themen in den Bereichen europäische Wirtschaft, Nachhaltigkeit der Umwelt und der Staatsfinanzen, Unternehmen und Verbraucher sowie Bildung, Familien, Verteilung und Lebensqualität bearbeitet.

»Rein theoretische Aussagen werden nicht mehr akzeptiert«

Dabei kann Wagner momentan eine Steigerung der methodischen Ansprüche an sozial- und wirtschaftswissenschaftlicher Forschung feststellen: »Rein theoretische Aussagen werden von der Gesellschaft und Politik nicht mehr akzeptiert – zu Recht«, erklärt der Professor, der an der TU Berlin lehrt und auch Max-Planck-Fellow am MPI für Bildungsforschung ist. Der 61-Jährige ist überzeugt, dass derjenige, der politikrelevante Forschung betreiben will, diese empirisch unterfüttern muss. Auch reine Korrelationen fänden keine Akzeptanz mehr:

»Wir müssen versuchen, mit Hilfe von Experimenten und wiederholten Messungen Kausalaussagen zu machen.«

Als Teil der Leibniz-Gesellschaft haben politische Entscheidungen keinen direkten Einfluss, jedoch werde indirekt die Auswahl der Forschungsfrage von der Politik beeinflusst, erklärt Wagner:

»Wenn ab 2015 ein Mindestlohn gilt, dann ist das für uns ein Grund, diesen gründlich zu untersuchen und zu evaluieren. Dies wird im Rahmen eines größeren Projekts geschehen.«

Forschung wird stärker europäisiert

Grundfinanziert werden die Forschungen im Rahmen der Leibniz-Gemeinschaft von Bund und Ländern. Diese Grundfinanzierung mache rund zwei Drittel des über 20 Millionen Euro liegenden Jahresetats aus. Der Rest sind Drittelmittel, die zumeist aus der Forschungsförderung kommen. Wofür diese in Zukunft ausgegeben werden, fasst Professor Wagner kurz zusammen und sagt, wohin der Weg geht:

»Wir werden unsere Forschung in allen Bereichen stärker europäisieren. Denn Europa ist unsere Zukunft.«

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