Mann im Anzug steht in der Firma
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7 Fragen zu deiner Zukunft in der Materialwissenschaft und Werkstoffkunde

Wie die karrierechancen für MatWerker stehen, welche Trends die Branche bewegen und welche Herausforderungen Einsteiger erwarten, verrät Dr. Pedro Dolabella Portella von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung

Herr Dr. Portella, welche Bedeutung hat der Bereich Materialwissenschaft und Werkstofftechnik (MatWerk) für die deutsche Wirtschaft?Eine sehr große: Werkstoffe und Werkstofftechnologien sind ganz wesentliche Innovationstreiber. Das produzierende Gewerbe könnte ohne Werkstoffe nicht existieren. Der Standort Deutschland war hier schon immer vorn dabei. Andererseits ist trotz dieser großen Bedeutung für die Wirtschaft in Deutschland die Wahrnehmung noch zu gering. Studienanfänger denken selten zuerst an MatWerk, wenn sie sich für ein MINT-Fach interessieren. Dabei sind die Themen sehr vielfältig: MatWerk spielt eine Rolle im Automobilbau, in der Medizintechnik und überhaupt in Bereichen, in denen es um die Entwicklung innovativer Produkte und Verfahren geht. Hier sind leistungsfähige Materialien gefragt.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen? Eine Herausforderung in der Medizintechnik ist beispielsweise die additive Fertigung von Knochenersatzmaterialien mit hohen Ansprüchen in Hinsicht auf die Zuverlässigkeit von Biomaterialien und Implantaten. Dieses Beispiel aus der Medizin verdeutlicht sehr gut, wie MatWerk-Ergebnisse unser Leben besser machen können.

Hört sich an, als wären Nachwuchs-MatWerker derzeit sehr gefragt. Materialwissenschaft und Werkstofftechnik ist kein Massenfach und deshalb haben die Absolventen grundsätzlich gute Aussichten beim Berufseinstieg. Besonders in der Industrie herrscht Nachwuchsbedarf: in Automobilbau, Luftfahrt, Kraftwerkstechnik, Elektroindustrie, Chemischer Industrie, Mikroelektronik, Metallerzeugung, Optik, Kunststoffherstellung, Medizin- und Umwelttechnik sowie im Maschinenbau. Die entsprechenden Industriezweige wünschen sich mehr Absolventen in der Materialwissenschaft und Werkstofftechnik. Industrie, Universitäten und Forschungseinrichtungen müssen hier noch mehr für das Fach werben und die Studieninteressenten besser informieren.

Welche Aufgabenfelder erwarten Absolventen dann in der Praxis? Die Digitalisierung bringt spannende Herausforderungen mit sich. Das Arbeitsfeld von Materialwissenschaftlern und Werkstofftechnikern wird sich in den kommenden Jahren massiv verändern Wir erwarten einen Paradigmenwechsel bis hin zur Grundausbildung. Durch neue Technologien und Fertigungsverfahren erfährt die Wirtschaft einen enormen Schub, entsprechende Veränderungen erleben wir auf der Seite der Werkstoffe. Um maßgeschneiderte Produkte nach individuellen Kundenwünschen kosteneffizient herzustellen, brauchen Experten Wissen zur Mikrostruktur und zu den Werkstoffeigenschaften. Dieses Wissen liefert MatWerk.

Die zunehmende Digitalisierung hat sicherlich auch Auswirkungen auf aktuelle Trends in der Materialwissenschaft und Werkstofftechnik. Sicher! Die großen Trendthemen basieren alle auf dieser Entwicklung. Zum Beispiel im Bereich Industrie 4.0: Hier ist die additive Fertigung sehr spannend. Dies ist ein Produktionsverfahren, bei dem das Werkstück am Computer konzipiert wird und diese Informationen an einem 3D-Drucker schichtweise umgesetzt werden. Auch die Energiewende braucht innovative Werkstoffe zur Steigerung der Effizienz und Umweltverträglichkeit bei der Umwandlung, beim Transport und bei der Speicherung der Energie. Im Flugzeug- und auch Fahrzeugbau ist der sogenannte Multimaterialeinsatz für den Leichtbau wichtig.

Worum geht es beim Multimaterialeinsatz genau? Es geht darum, die einzelnen Vorteile verschiedener Werkstoffe beispielsweise bei hybriden Bauweisen zu nutzen und damit neue Einsatzfelder zu eröffnen. Daneben wird die weitere Entwicklung automatisierter Produktionstechniken für eine preiswerte Fertigung mit kurzen Taktzeiten immer wichtiger. Sie ist Basis für den wirtschaftlichen Erfolg von beispielsweise kohlenstofffaserverstärkten Kunststoffen im Automobilbau.

Welchen Rat können Sie MatWerk-Studierenden mit auf den Weg geben? Auf einer soliden Grundlage im Bachelorstudium kann sich im Master spezialisiert werden. Dabei ist besonders Offenheit wichtig, denn im Laufe des Studiums lernt man das Fach besser kennen und weiß eher, wo die eigenen Interessen für eine Spezialisierung liegen. Und Studierende sollten so flexibel sein, dass sie sich auch in neue Themen einarbeiten können. Das ist das Spannende am Fachbereich MatWerk.


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