Fraunhofer Präsident

Fraunhofer-Präsident Hans Jörg Bullinger im Interview

Über die Hightech-Strategie der Bundesregierung, Chinas Innovationstempo und deutsche Schlüsseltechnologien.

Herr Prof. Dr. Bullinger, auf welchem Niveau befindet sich der Technologie standort Deutschland derzeit?

Noch haben wir eine gute, wenn auch nicht mehr hervorragende Ausgangsbasis – sowohl in Forschung und Technik wie auch in Bildung und Ausbildung. Das Problem ist nicht, dass wir schlechter, sondern dass andere Nationen viel besser geworden sind. Einige Länder werden uns bald einholen, weil sie mehr in Forschung investieren und mehr Absolventen in Natur- und Ingenieurwissenschaften hervorbringen. Wenn wir auch in Zukunft in den wichtigen Zukunftstechnologien führend sein wollen, muss sich der Innovationsstandort Deutschland fokussieren und seine finanziellen und personellen Ressourcen bündeln. Die Bundesregierung hat das erkannt und die ›Hightech-Strategie für Deutschland‹ ins Leben gerufen, die die BRD wieder näher an die international führenden Volkswirtschaften heranbringen soll. Notwendig ist dabei eine Konzentration auf die fünf zentralen Technologiefelder, die unsere Gesellschaft, Wirtschaft und Lebenswelt grundlegend verändern: Energie, Gesundheit, Mobilität, Kommunikation und Sicherheit.

Bei welchen Ländern kann sich Deutschland eventuell noch etwas in Sachen Forschung abschauen?

Der ›Innovationsindikator Deutschland 2009‹ zeigte, dass wir an Boden verloren haben. Im Ranking von 17 Industriestaaten reichte es nur zu Rang neun nach Platz acht im Vorjahr. An der Spitze des Rankings stehen die USA. Auf Platz zwei folgt die Schweiz. Vorjahressieger Schweden rutscht auf Rang drei ab. Am wenigsten gerüstet für den internationalen Innovationswettbewerb sind Irland, Spanien und Italien. Also ist klar, woran wir uns orientieren sollten. Wir sollten aber nicht andere kopieren, sondern unsere Stärken weiterentwickeln. Der jetzige Aufschwung zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir müssen ihn nur konsequent fortsetzen und nicht Nachlassen mit der Investition in Forschung und Bildung, sowohl beim Staat wie in der Wirtschaft. Denn Aufholländer wie China oder Brasilien investieren erheblich mehr in Forschung und bilden viel mehr Ingenieure aus. Ihnen gelingt es, junge Menschen für Technik zu begeistern, da können wir uns etwas abschauen.

Wie sieht es Ihrer Ansicht nach mit der Innovationsfreudigkeit deutscher Unternehmen nach der Krise aus – speziell auch bei den Mittelständlern?

In Zeiten schnellen Wandels ist Geschwindigkeit wichtiger als Größe. Das hat die deutsche Wirtschaft erkannt, in der Krise rationalisiert und neue Produkte entwickelt. Die überraschend schnelle Erholung der deutschen Wirtschaft ist auch auf die mittelständisch geprägte Struktur zurückzuführen. Gerade Mittelständler wissen, man kommt aus der Krise mit anderen Produkten heraus als man hineingegangen ist. Jetzt sehen wir, woher das neue Wachstum kommt, aus innovativen Produkten und Dienstleistungen. Die Unternehmen wachsen, die die besseren Produkte und zufriedeneren Kunden haben.

Inwiefern bietet sich für Jungingenieure bei den Instituten der Fraunhofer-Gesellschaft ein günstiges Forschungsklima?

In allen Umfragen unter Studenten und High-Potentials schneidet die Fraunhofer-Gesellschaft als Arbeitgeber hervorragend ab und belegt vordere Plätze. Das liegt sicher nicht am Gehalt, denn in der Wirtschaft kann man bis zum Doppelten verdienen. Also liegt das an den interessanten Forschungsthemen, dem guten Arbeitsklima und den Möglichkeiten, Fraunhofer als Karrieresprungbrett zu nutzen.

Bei welchen Forschungsthemen sind deutsche Ingenieure führend, bei welchen hinken sie aktuell hinterher?

Das deutsche Forschungssystem muss noch stärker auf die künftigen Herausforderungen und auf neue Themen ausgerichtet werden, wie sie in der Hightech-Strategie beschrieben wurden. Das Innovationssystem Deutschlands ist auf die wichtigs ten Exportindustrien, allen voran den Automobilbau, konzentriert. Der Strukturwandel hin zu Dienstleistungen und der Ausbau von Wachstumsfeldern der Spitzentechnologie sind hierzulande weniger weit vorangeschritten als in anderen hoch entwickelten Staaten. Der Ausbau der F&E-Aktivitäten deutscher Unternehmen in den dynamischen Hochtechnologiefeldern findet vorrangig im Ausland statt. Deutschland hat Führungspositionen im Maschinen- und Anlagenbau, dem Fahrzeugbau, der elektrotechnischen und chemischen Industrie sowie den neuen optischen Technologien, hinkt aber in den Informationsund Kommunikationstechniken und den Life Sciences hinterher.

Oft wird beklagt, dass hierzulande Erfindungen viel zu langsam in fertige Produkte umgesetzt werden…

In der Tat haben wir oft den Eindruck, dass andere Länder Ideen aus Deutschland viel schneller in marktfähige Produkte umsetzen. Beispiele wie Fax, Walkman oder Flachbildschirm unterstützen das. Auch wir haben mit dem MP3-Format anfangs keine deutschen Unternehmen finden können, die daraus Produkte entwickeln wollten. Erst ein amerikanisches Unternehmen hat es zum weltweiten Durchbruch gebracht. Inzwischen sind auf Basis von MP3 aber auch in Deutschland sehr viele Produkte und Arbeitsplätze entstanden. Gelernt haben wir aber daraus, dass wir den Innovationsprozess beschleunigen müssen. Wir haben bei Fraunhofer eine Reihe von Werkzeugen entwickelt, die den Firmen dabei entscheidend helfen. Der wichtigste Hebel zur Beschleunigung des Innovationstempos ist aber die Vernetzung mit Kunden und Partner.

In der letzten Legislaturperiode wurden rund acht Milliarden Euro für Forschung ausgegeben. Kommt das Geld auch bei Ihnen in der Forschung an und ist es ausreichend?

Die Bundesregierung hat in den vergangenen Jahren die Investitionen in Forschung deutlich erhöht und im Pakt für Forschung und Innovation langfristige Planungssicherheit gegeben. Damit können die Forschungsorganisationen sehr zufrieden sein. Ausreichend ist es natürlich nie, würden Forscher sagen. Es gibt aber auch ein Ziel, das die Politik vor vielen Jahren in Lissabon vereinbart hat. Das heißt, die Forschungsausgaben auf drei Prozent des Bruttoinlandprodukts zu erhöhen. Erst wenn das erreicht ist, wird das Klagen aufhören. Doch Geld allein kann nicht das Ziel sein, wir müssen auch mehr daraus machen. Wir können nicht auf allen Gebieten Spitzenpositionen erreichen, daher müssen wir uns konzentrieren auf die Felder, die uns in die Zukunft tragen. Wir müssen effektiver werden, uns besser vernetzen und an internationalen Standards orientieren.


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