Ingenieure in der Logistikbranche

Logistik ist zugegeben nicht die klassische Einstiegsbranche für Ingenieure. Bedarf ist aber durchaus vorhanden: Einblicke in die Arbeitswelt von Ingenieuren in der Logistik

»Logistik ist extrem vielfältig«, sagt Marcel Kibbert. »Viele denken dabei nur an LKW und Transporte – aber Logistik ist viel mehr.« Seit fünf Jahren arbeitet der 33-jährige Wirtschaftsingenieur bei der Kamax Holding GmbH & Co. KG, einem weltweit führenden Hersteller von hochfesten Verbindungselementen für die Automobilindustrie. Den Einstieg schaffte Kibbert mit seiner Diplomarbeit über Produktionssteuerungen an der Schnittstelle zu SAP. »Bereits nach dreieinhalb Monaten, noch während ich meine Arbeit schrieb, wurde mir eine Festanstellung angeboten«, erzählt er. »Ich sollte mich um die SAP-Einführung bei einem Tochterunternehmen in Spanien kümmern.« Kibbert zögerte nicht lange und ging für drei Monate nach Spanien. Mittlerweile ist er Leiter der Logistik der 4fastening GmbH, einer Tochtergesellschaft von Kamax. Er weiß, dass man gut sein muss für solch einen Einstieg, sagt aber auch: »Logistiker werden dringend gesucht. Es mangelt nicht an Angeboten. Gerade die Wirtschaftsingenieure mit Schwerpunkt Logistik haben sehr gute Chancen.«

Das kann Prof. Dr.-Ing. Rudolf Vetter vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) nur bestätigen: »Der Arbeitsmarkt für Kandidaten mit dem Schwerpunkt auf Technik in der Logistik bietet hervorragende Chancen, da händeringend Ingenieure mit technischer Orientierung gesucht werden. Für Berufseinsteiger bieten sich bereits während des Studiums Anstellungschancen, da Firmen an der frühzeitigen Bindung und Förderung interessiert sind.« Logistiker sind für den gesamten Materialfluss im Unternehmen und teilweise auch für die Betreuung externer Materialflüsse von Lieferanten und Kunden zuständig. Sie verantworten Organisation, Transport, Bereitstellung und Verteilung der Ware. Auch die ständige Optimierung dieser Prozesse ist Teil ihrer Aufgabe. Ziel ist es, den Service für den Kunden hoch und die Kosten für das Unternehmen gering zu halten. Sie arbeiten dabei in einer klassischen Schnittstellenposition und sind verantwortlich für die erfolgreiche Zusammenarbeit aller Beteiligten in der Lieferkette: Beschaffung, Produktion, Versand und Kunden. Dazu müssen sie die Organisationsstrukturen ihres Unternehmens kennen und zwischen den einzelnen Abteilungen vermitteln können. Sie sorgen dafür, dass Liefertermine eingehalten werden und Informationen Unternehmen und Kunden erreichen. Die so genannten ›Seven-Rights‹ der Logistik sind: Stelle die richtigen Waren und Güter in der richtigen Menge und Qualität für den richtigen Kunden zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort und zu den richtigen Kosten zur Verfügung.

Für Ingenieure ist die Logistik ein interessanter Arbeitsbereich. Ihre Tätigkeit umfasst die oben beschriebenen Schwerpunkte rund um Prozessoptimierungen und Materialflüsse, und dafür sind analytische und konzeptionelle Fähigkeiten gefragt. Technische und betriebswirtschaftliche Aspekte müssen berücksichtigt werden. »Interesse für Abläufe und Organisation sollten vorhanden sein«, meint Judith Dreckmann, Projektmanagerin bei der Formel D Group. »Das liegt einem entweder oder es liegt einem nicht. Das Wort Logistik sagt im Grunde schon, dass man logisches Denken braucht. Gesunder Menschenverstand und ein Gefühl für Zahlen schaden auch nicht. Darüber hinaus ist es wichtig, Interesse für Menschen zu haben: Man arbeitet mit anderen zusammen, die meisten Prozesse sind im hohen Maße vom Menschen beeinflusst, man hat Kundenkontakt – reines Zahlen- und organisatorisches Denken hilft dabei nicht.«

Die 29-Jährige Wirtschaftsingenieurin hat ihr Interesse für die Logistik während eines Uni-Praktikums bei Ford entdeckt. Für sie stand seitdem fest: Ich möchte in der Automobilindustrie arbeiten. Für ihren Arbeitgeber hat sie sich entschieden, »weil Formel D mir die Möglichkeit gibt, mich nicht auf nur einen großen Automobilbauer zu beschränken, sondern verschiedene Kunden und Projekte kennenzulernen und weltweit tätig zu sein«. Momentan ist Judith Dreckmann als Projektmanagerin verantwortlich für zwei Projekte für einen großen deutschen Automobilbauer: »Das eine im Bereich Räder und Reifen Logistik. Das andere ist ein externer Parkservice für Technikträger und Abteilungsfahrzeuge.« Daneben betreut sie noch weitere kleinere Projekte für andere Kunden. Ihr Arbeitstag ist geprägt »durch die operative Personalverantwortung für bis zu 60 Mitarbeiter und die operative Projektverantwortung«, mit anderen Worten durch interne und externe Absprachen und Strategiemeetings sowie die Einhaltung und Umsetzung von Zielen im Bereich Finanzen und Qualität. Auch Ansprechpartnerin für den Kunden muss Dreckmann sein. »Ansonsten beschäftige ich mich mit Projektauswertungen und unterstütze andere Formel-D-Standorte bei der Bearbeitung von neuen Logistik-Ausschreibungen.«

Für diese Arbeit braucht man »Offenheit, Durchsetzungs- und Kommunikationsstärke«, sagt Saskia Meyer-Spelbrink, Human Resource Managerin bei der Formel D Group. »Als Logistiker sind sie kein Konstrukteur, der an seinem Rechner sitzt, sondern sie sind sehr stark gefordert mit verschiedenen Disziplinen und Teams zusammenzuarbeiten. Logisches Denken und mathematisches Verständnis sind wichtig – reichen aber nicht.« Gern gesehen bei Formel D sind Wirtschaftsingenieure mit Logistik-Schwerpunkt. Aber auch andere Ingenieursstudiengänge mit diesem Schwerpunkt sind gefragt. »Besonders gerne sehen wir, wenn jemand vorher schon eine Ausbildung gemacht hat, zum Beispiel im Bereich Lagerlogistik, und sich so schon mit den Grundlagen auskennt. Aber man kann natürlich auch durch Praktika Schwerpunkte setzen.«

Dem stimmt auch Talent Manager Stefanie Burk von Kamax zu: »Wir freuen uns insbesondere über Bewerbungen von ambitionierten Hochschulabsolventen, die bereits im Rahmen von Praktika ihre berufliche Zielrichtung festigen konnten.« Sie fügt hinzu: »Da wir sehr international arbeiten, ist auch Auslandserfahrung für uns sehr wichtig. Für einen Einstieg als Trainee im Bereich Logistik ist sie sogar Voraussetzung, da unser Traineeprogramm mehrmonatige Einsätze an vier verschiedenen Standorten weltweit vorsieht.« Sowohl Kamax als auch Formel D stellen nach Bedarf ein, da sich die Dienstleister am Markt und Kunden orientieren. Interessierte Absolventen sollten sich daher einfach bewerben, denn »der Bereich Logistik hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen, und der Bedarf an Mitarbeitern ist tendenziell steigend«, so Saskia Meyer-Spelbrink. Die Verdienstmöglichkeiten für Berufseinsteiger hängen stark von den bereits vorhandenen Qualifikationen und Kompetenzen ab. 

Insgesamt sind die Aussichten für Ingenieure in der Logistik jedoch gut. Prof. Dr.-Ing. Rudolf Vetter: »Technische Logistik ist elementarer Bestandteil der Güterversorgung unserer Bevölkerung sowohl heute als auch in Zukunft. In den Unternehmen selbst ist eine weitere Automatisierung von Abläufen unabdingbar, um eine volkswirtschaftliche Basislast an Wertschöpfung ›im Land‹ zu gewährleisten. Auch hier setzt Technische Logistik ein und sorgt für Sicherungseffekte der Arbeitsplätze. Ansonsten gilt generell: Denken kann man nicht outsourcen, sonst ist der Unternehmensbestand in Zukunft gefährdet.«


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