Was macht ein Licht-Technologe?

Was haben Autoscheinwerfer und das Messen des Blutzuckerspiegels gemeinsam? Licht-Technologen kennen die Antwort darauf

Seit fünf Jahren startet jeden Herbst im niedersächsischen Kurort Bad Rothenfelde ein lichttechnisches Ausnahme-Ereignis, das die Herzen von Performance-Künstlern und Elektroingenieuren gleichermaßen hochschlagen lässt: Die ›lichtsicht-Projektions-Biennale‹ ist eine weltweit einmalige Veranstaltungsform, bei der komplexe Projektionstechniken mit Licht modellierte Kunstwerke in den öffentlichen Raum werfen. Während sich Kunst-Liebhaber an der ausdrucksstarken Performance ergötzen, grübeln Lichttechnik-Ingenieure über der ausgefeilten Technik hinter der Schau. Lichttechnik-Ingenieure sind eine seltene Spezies. Dabei gelten ihre Einsatzfelder – die sogenannte Photonik, im engeren Sinne die Optoelektronik und dabei insbesondere die Lasertechnik – als Zukunftstechnologien. »Die Einsatzfelder für Optoelektroniker wachsen stark und werden vielfältiger. Im Moment findet gerade eine Revolution in der Lichttechnik durch die Einführung von LEDs statt«, erklärt Prof. Dr. Harry Bauer, Studiendekan Optoelektronik/Lasertechnik an der Fakultät Optik und Mechatronik der Hochschule Aalen. Die bekanntesten Anwendungen solcher Leuchtdioden sind Autoscheinwerfer, die Ambienten-Beleuchtung, Stadtbeleuchtung oder auch der Haushalt – das Potenzial ist enorm. »Um den Bedarf an Optoelektronikern in Deutschland zu decken, benötigen wir ein mehrfaches an Absolventen im Vergleich zu heute.«

Neben der Lichttechnik gibt es für Optoelektroniker weitere stark wachsende Anwendungsfelder. »Die Möglichkeiten unserer Ingenieure sind sehr vielfältig«, betont Optoelektronik-Prof Harry Bauer. »Ob in der Biomedizin, der Lichttechnik, der Informationstechnologie, der Optik – die Liste ist sehr lang. Außerdem können sich die Studierenden entscheiden, ob Sie lieber in Forschung und Entwicklung oder auch im Produktmanagement arbeiten möchten. Eine Spezialisierung ist schon während des Studiums möglich.«

Beispielhaft für die rasanten Entwicklungen in der Licht-Technologie ist die Automobilindustrie: LED-Licht im Auto wird mittlerweile von vielen Herstellern eingesetzt. Einige haben sogar begonnen, Laserlicht im Scheinwerfer einzusetzen. Nicht nur die bessere Leuchtkraft und die zielsichere Beleuchtung, sondern auch die Energieeffizienz sind wichtige Vorteile dieser neuen Technologie. Auch in der Biomedizin sind optische Analysen mittlerweile nicht mehr wegzudenken. Die Messung des Blutzuckerspiegels ist wohl das bekannteste medizinische Analyseverfahren, bei dem Lichttechnik zum Einsatz kommt. »In der Biomedizin wird sehr viel Geld in die Forschung investiert, und der Bedarf an Nachwuchs-Ingenieuren ist groß«, weiß Prof. Bauer.

Und das soll lange nicht das Ende sein: Für das Jahr 2020 schätzt eine Studie der Branchenverbände SPECTARIS, VDMA, ZVEI und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) den weltweiten Photonikmarkt auf rund 615 Milliarden Euro. Das entspricht einer durchschnittlichen nominellen Wachstumsrate von 6,5 Prozent und liegt damit um etwa anderthalbfach über dem prognostizierten Wachstum des weltweiten BIP. Die Photonikbranche trage so auch zukünftig maßgeblich zu Wohlstand und neuen Arbeitsplätzen bei, so ein Fazit der Studie. Für die Inlandsproduktion der deutschen Photonikindustrie wird erwartet, dass sie 2020 bei knapp 44 Milliarden Euro liegt. Das entspricht einer durchschnittlichen jährlichen nominalen Wachstumsrate von 5,6 Prozent. Die Anzahl der Beschäftigten inklusive Zulieferern werde auf rund 165.000 steigen.

Fachlich sind Optoelektroniker den Elektrotechnik-Ingenieuren zuzuordnen, und sie sollten sich trotz ihres begehrten Exoten-Status nicht auf ihrem Fachwissen ausruhen, betont Marius Rieger, Referent für Bildungspolitik beim ZVEI – Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie: »Elektroingenieure müssen heute interdisziplinär denken und handeln. Berufseinsteiger sollten sich darauf einstellen, dass von ihnen eine breit gefächerte Qualifikation und Systemkompetenz verlangt wird.« Aktuelle Trendthemen wie Industrie 4.0, Smart Home, Embedded Systems, Smart Grids, Elektromobilität oder Erneuerbare Energien seien der Hintergrund für diese Anforderungen. »Dies alles garantiert exzellente Aussichten für Elektroingenieure, von denen es immer noch zu wenige am Arbeitsmarkt gibt«, sagt ZVEI-Experte Rieger.

Noch gibt es kaum Studiengänge, in denen angehende Ingenieure sich auf Optoelektronik spezialisieren können. Aktuell hat die Ernst-Abbe-Hochschule in Jena einen siebensemestrigen Bachelor eingeführt, der zum Wintersemester 2015/16 gestartet ist. »Auch wir sind ein relativ kleiner Studiengang mit überschaubaren Klassen«, sagt Optoelektronik-Prof Harry Bauer von der Hochschule Aalen. »Unser Vorteil ist, dass wir Vorreiter in Deutschland sind und ein ausgezeichnetes Netzwerk mit der Industrie aufgebaut haben.« Bauer wirbt damit, dass in Aalen international anerkannte Forschungsthemen in komplett englischer Sprache im Zentrum für Optische Technologien, im Zentrum für Bio-Photonik und in der optischen Messtechnik zum Zuge kommen.


Anzeige

Anzeige