Chemie ist das neue Schwarz: Ingenieure in der Verfahrenstechnik und der Chemieindustrie

Foto: bokehlicious / Quelle: Photocase.com
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Der Ingenieur von heute kleidet sich in Periodensystem und Erlenmeyerkolben – warum Chemie aktuell wieder voll en vogue ist

 

Eisblau sind die Crystal-Meth-Kristalle, die Bryan Cranston in seiner Rolle als vom Spießer zum Superkriminellen mutierten Chemielehrer im Labor herstellt. Das ist chemisch gesehen zwar nicht ganz korrekt, aber einprägsam und schillernd, genau wie die TV-Serie ›Breaking Bad‹ dahinter. Weltweit zollten eingefleischte Fans ihren Tribut beim Serienfinale und tauschten Lockenkopf und Föhnwelle gegen Glatze und Schnauzer der Hauptfigur Walter White – so viel Hype um einen Chemiker gab es schon lange nicht mehr. Aber auch abseits von TV-Bildschirmen und mafiösen Strukturen bietet die Welt der Chemie längst mehr als schnöde Periodensysteme und verstaubte Labore. Chemie ist ›sexy‹ und hat dabei auch für Ingenieure eine große Bandbreite an beruflichen Perspektiven in der Schublade.

 

Eine große Auswahl bietet auch die Farbpalette von Christina Wanke. Die junge Chemieingenieurin ist Coloristin in der Farbtonentwicklung bei Akzo Nobel, dem größten Hersteller von Farben und Lacken weltweit. Die Farbtöne, die Wanke heute im Labor kreiert, zieren morgen Autokarosserien und Außenflächen von Flugzeugen. Eine hochkomplexe Tüftelei am Farbnerv der Gesellschaft: Automobil-Designer liefern ihr einen Farbtonvorschlag, der künftig die Herzen der Kunden höher schlagen lassen soll – diesen gilt es nun mittels Lacksystemen exakt umzusetzen und für die Massenproduktion nachzubilden. Dabei kommen hochsensible Farb- und Effektmessgeräte zum Einsatz: Mit einem Lichtmikroskop kann ein Colorist die enthaltenen Farb- und Effektpigmente in der Designvorlage identifizieren, damit die Farbe nachgestellt werden kann. Und zwar bitteschön so, dass der Kunde auch nach der Fahrt in den Sommerurlaub das ausgeblichene Vehikel nicht hinter dem Garagentor verstecken muss. Die technischen Eigenschaften der Lacke nehmen einen ebenso wichtigen Raum bei den Herausforderungen für einen Coloristen ein wie der eigentliche Farbton selbst. Sowohl der visuelle Eindruck des Auges als auch die Erfüllung der jeweiligen Ansprüche an Farb- und Effekttoleranzen entscheiden letztlich darüber, ob das Endprodukt gelungen ist.

 

Herausforderungen der gänzlich anderen Art bieten sich für den stellvertretenden Betriebsleiter Marcel Knießer. Er überwacht die organisatorischen Abläufe in der vielschichtigen Anlagenwelt des Chemieproduktund Spezialmaterialien-Herstellers Celanese und trägt dabei auch Sorge für die Sicherheit seiner Kollegen in der Produktion. Das ist kein ›Nice-to-have‹ – Betriebsstörungen in Chemieunternehmen können gefährlich für Mitarbeiter wie auch die nähere Umgebung werden. Der Alpdruck von giftigen ›grünen Wolken‹ aus der Chemiefabrik ist nicht nur für die Anwohner ein Szenario, auf das sie gut und gerne verzichten wollen. Auch den Unternehmen selbst ist viel daran gelegen, solche Vorfälle zu vermeiden. Daher ist es enorm wichtig, dass Chemieingenieure wie Knießer ein Auge auf die Einhaltung von Sicherheitsvorschriften haben und Mitarbeiter für den richtigen Umgang mit der Produktionsstätte schulen. Diese Verantwortung ist für Knießer Bestandteil seiner täglichen Arbeit: »Sollte doch ein Ereignis eintreten, wird dies unmittelbar aufgearbeitet und die Ergebnisse global innerhalb des Unternehmens kommuniziert, um eine Wiederholung auszuschließen«, so der 28-Jährige.

 

Das Unternehmen Celanese bedient eine große Produktspanne: Produziert wird unter anderem für Automobil und Luftfahrt, Telekommunikation sowie für die Medizintechnik oder Konsumgüterindustrie. Wer sich für den Weg als Ingenieur in der Chemiebranche entscheidet, hat facettenreiche Möglichkeiten. Gerade diese Vielseitigkeit war es auch, die Knießer damals gereizt hat, als er sich für den Studiengang Chemieingenieurwesen an der Hochschule Darmstadt entschieden hat. Die breit gefächerte Jobauswahl ist jedoch keineswegs der einzige Grund für die Attraktivität dieses Berufszweigs: Ingenieure in Chemie und Verfahrenstechnik spielen durchaus eine tragende Rolle für die Gesellschaft: »Wasser, Energie, Rohstoffe, Ernährung – das sind die Herausforderungen einer wachsenden Weltbevölkerung. Ohne Verfahrenstechnik sind sie nicht zu lösen, denn die Verfahrenstechnik hilft, teure und schlecht verfügbare Rohstoffe zu ersetzen, sicher und effizient zu nutzen und dabei die Umwelt zu schonen«, so Dr.-Ing. Claas-Jürgen Klasen. Der Vorsitzende der VDI-Gesellschaft Verfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen und Präsident der Greater China Region für Evonik Industries AG, ist überzeugt, dass Chemieingenieure durch technische Innovationen einen bedeutenden Part beim Erhalt des Forschungs- und Wirtschaftsstandorts Deutschland innehaben. Arbeitsplätze, Wirtschaftswachstum und Wohlstand sieht er zum überwiegenden Teil auch als Ergebnis von Innovationen – und Verfahrenstechniker in der Chemiebranche als Garanten für innovative Produkte. Na dann mal los, Bart wachsen lassen und Innovationen kreieren. Aber: Finger weg von blauen Kristallen!

Petra Herr

Dieser Text stammt aus der Feder von:

Petra Herr

herr(at)audimax.de
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